Flüchtlinge in Deutschland © Jens Wolf/dpa

Vorwärts, in den Osten

Auf WhatsApp und Facebook tauschen sich Flüchtlinge darüber aus, wie man hierzulande den Behörden ein Schnippchen schlägt

Der Tag im September, an dem Saad Shumaiss in Berlin ankommt, ist warm und freundlich. Ägäis, Balkanroute, München und nun mit der Mitfahrzentrale nach Berlin-Neukölln. Shumaiss, 27, der mit Glatze und Vollbart wie ein zu früh gealterter Hippie aussieht, mag die Hauptstadt auf Anhieb – laut, lässig, durcheinander. Bleiben will er hier aber nicht. Das hat mit dem Durcheinander zu tun, genauer gesagt dem Chaos am Lageso, der Registrierungsstelle für Flüchtlinge.

Obwohl Shumaiss erst wenige Minuten in Berlin ist, weiß er über das Lageso bestens Bescheid – dank der Facebook-Gruppe "Pfade der Menschen mit den Koffern", der mehr als 180.000 Mitglieder angehören, allesamt Syrer. In dem Forum versorgen sie sich mit Informationen über Fluchtrouten, Behörden und Städte: "Was muss man über Karlsruhe wissen?", fragt eine junge Frau, die gerade dort angekommen ist. "Wie kann man den Asylprozess beschleunigen, wenn man schon mehrere Wochen wartet?", fragt ein Syrer, der in Eching bei München gestrandet ist.

Warten will Shumaiss auf keinen Fall. Er hat schon so viel gewartet. Jetzt will er endlich etwas tun. Also loggt er sich in die Pfad-Gruppe ein, liest, was andere Syrer über Städte wie Köln, Hamburg oder Heidelberg geschrieben haben. Am Ende steht sein Ziel fest: Halberstadt. Dieser Name war immer wieder gefallen, als Shumaiss nach dem schnellsten Asylverfahren gefragt hat.

Saad Shumaiss ist längst nicht der Einzige, der sich Gedanken macht, wo er seinen Asylantrag stellt und welcher Ort welche Vorzüge hat. Über Facebook und WhatsApp tauschen viele Flüchtlinge Insiderwissen aus, diskutieren Ziele und Strategien. Und entscheiden sich immer häufiger, eben nicht in München oder Berlin zu bleiben, sondern nach Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg zu gehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Shumaiss organisiert sich in Berlin eine Mitfahrgelegenheit, der Wagen fährt ihn direkt bis vor die Tore der Halberstadter Zentralaufnahmestelle. Bereits nach drei Tagen hat Shumaiss das Papier in der Hand, das ihn als anerkannten Flüchtling ausweist. Weitere sieben Tage später ist er auf dem Weg nach Stendal in die Asylbewerberunterkunft im Möringer Weg 10. Weil dort sofort ein Platz frei war.

Stendal, knapp 40.000 Einwohner, liegt etwa 120 Kilometer westlich von Berlin in Sachsen-Anhalt. In dem Bundesland wurden im vergangenen Jahr laut der Initiative "Mut gegen rechte Gewalt" 108 Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte verübt. Und in den Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht die AfD aktuell bei 15 Prozent.

Das Asylbewerberheim am Rande von Stendal ist ein großer, grauer Klotz aus DDR-Tagen. Vor allem Syrer und Afghanen warten hier auf ihre Anerkennung und ihre Papiere. Die Deutschen haben mittlerweile gemerkt, dass die Flüchtlinge in Stendal auch eine Chance sein können: Ein kleiner arabischer Supermarkt, eröffnet von einem Berliner Deutschtürken, verkauft Kichererbsen und Auberginenpüree, syrische Süßigkeiten und Prepaidkarten für Smartphones. Es gebe auch eine Billard- und Shisha-Kneipe namens Panorama Bar, nur einen kurzen Fußweg entfernt, erzählt Shumaiss. Dort seien sie willkommen. "Aber das liegt wohl auch daran, dass außer uns Flüchtlingen niemand dort hingeht."

In wenigen Wochen wird Shumaiss seine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre in der Tasche haben. Dann kann er selbst entscheiden, wo er leben und arbeiten möchte. Freunde, die zeitgleich mit ihm in München angekommen und dann nach Hannover gegangen seien, warteten immer noch auf ihre vorläufige Anerkennung, sagt Shumaiss. "Wenn man gutes Essen und eine angenehme Unterkunft will, muss man in den Westen. Wenn man will, dass der Antrag schnell bearbeitet wird, dann muss man in den Osten." Das hat er auch in der Facebook-Gruppe gepostet. Damit die, die noch aus Syrien kommen, wissen, wie es in Deutschland läuft.

Daniel Erk

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