Als der Sozialunternehmer Badr Mohammed im vergangenen Sommer die Berliner Notunterkünfte für Flüchtlinge besucht, sieht er Zustände, die er aus seiner Kindheit kennt. Drei Jahre verbrachte er mit seiner Mutter und sieben Geschwistern in einem Flüchtlingscamp in Bayern, nachdem die Familie 1976 aus dem Libanon geflohen war. Nun, mit 49 Jahren, hat er das Gefühl, die Geschichte wiederhole sich. Menschen werden in Etagenbetten gestapelt. Es gibt Schlägereien. Und wenig Perspektive.

Mohammed will helfen. Deshalb schreibt er am 24. August 2015 einen Brief an den Bürgermeister. Als "ehemaliges Flüchtlingskind" habe er die Entwicklungen der vergangenen Monate "mit Bestürzung zur Kenntnis genommen". Die Lösung seien aus seiner Sicht "keine Konferenzen mit selbsternannten Experten, sondern die Zusammenarbeit mit Menschen, die selber die Erfahrung der Flucht machen mussten". Mohammed bittet um einen Termin, um seine Ideen vorzustellen. Mit einer Antwort rechnet er nicht.

Knapp sechs Monate später, am 2. und 3. Februar, berichtet die FAZ in zwei Artikeln über einen 600-Millionen-Euro-Deal in Berlin. Für 50 Euro Miete pro Nacht und Platz hätten "dubiose Partner" angeboten, 10.000 Flüchtlinge in 22 Hotels unterzubringen. Das entspreche etwa 1.500 Euro Monatsmiete je Flüchtling. Generalbetreiber solle das Europäische Integrationszentrum (EIZ) werden. Dabei handele es sich um ein "Phantom-Integrationszentrum", aktiv erst seit Sommer 2015. Dessen Internetseite weise "einen gewissen Badr Mohammed" als Vorsitzenden aus.

Es klingt nach einem Skandal. Einem riesigen Reibach windiger Geschäftsleute. Diverse Medien greifen die Berichterstattung auf, vom Tagesspiegel über Spiegel Online bis zum Kölner Express. Auch ZEIT ONLINE berichtet. In den sozialen Netzwerken entlädt sich die Empörung darüber, dass Flüchtlinge in Luxushotels wohnen sollen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Am Ende führt der mediale Wirbel dazu, dass der Deal platzt – und viele Fragen offenbleiben: Wer ist Badr Mohammed? Ein netter Helfer oder ein dreister Abzocker? Wurden wirklich 50 Euro Miete pro Nacht und Flüchtling verlangt? Wenn man rekonstruiert, was geschehen ist, schält sich eine Wahrheit heraus, die sich ganz anders darstellt, als es die Artikel der vergangenen Wochen nahelegen. Dann fragt man sich, ob die aufgeregt-hysterische Stimmung nicht selbst dazu beiträgt, dass der Politik bei der Unterbringung von Flüchtlingen so wenig Optionen bleiben.

Um ein Gefühl für Badr Mohammed zu bekommen, läuft man am besten mit ihm durch Berlin-Neukölln. Ständig schüttelt er Hände, sagt "Salam alaikum". Er sieht aus wie ein gutmütiger Bär, lacht viel, umarmt jeden. Mohammed ist einer, der Brücken baut, der mit dem Stadtrat nicht anders redet als mit einem schiitischen Geistlichen. Sein Lebensthema ist die Integration von Migranten. Wobei er lieber "Neu-Deutsche" sagt.

Mohammed, davon schreibt die FAZ nichts, war mal einer der bekanntesten Integrationspolitiker Berlins. 18 Jahre war er in der SPD, nahm als Präsidiumsmitglied an der vom damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble einberufenen Islam-Konferenz teil. Er war aber immer auch ein Sozialunternehmer, der im Multikulti-Problemviertel Neukölln Projekte anschob. Dafür gründete er 2004 das EIZ, das sich unter anderem durch Mittel des Europäischen Sozialfonds finanziert. Das EIZ hat Jugendliche mit Migrationshintergrund auf ihre Lehre vorbereitet, Sprach- und Kulturmittler ausgebildet sowie beim Aufbau lokaler Integrationszentren geholfen. Vor sechs Jahren wandelte Mohammed den Verein in eine gemeinnützige GmbH um.