Kürzlich hat die stellvertretende ZEIT-Chefredakteurin Sabine Rückert an dieser Stelle einen Aufruf an junge Frauen verfasst, der mich auf die Palme bringt. Ich finde praktisch jedes Wort falsch. Dem Text entsteigt ein Bild von Frauen, von Männern und von unserer Gesellschaft, das zum Heulen ist. Probieren Sie das nicht zu Hause aus und im Beruf bitte erst recht nicht.

Als Erstes sollen sich Frauen den Wunsch abschminken, sich in einer Partnerschaft zu vervollständigen. "Warum stehen Frauen so sehr auf Liebe?", fragt die Autorin und fügt hinzu: "Ich weiß es nicht, und es nervt mich auch ein bisschen." Stattdessen sollten Frauen erkennen, dass sie längst komplett sind: ganz allein schon fertig, rund und schön. Das platonische Ideal, die Kugel aus den zwei Hälften, Mann und Frau – das sei nichts als "Konditionierung" (durch welche dunkle Macht eigentlich?), die Frauen von ihrer Selbstverwirklichung abhalte. Die gesamte Jugendliteratur, alle Fernsehserien und Kinofilme verbreiteten hartnäckig das Märchen von der großen Liebe, vom Happy End zu zweit.

Wir waren offenbar nicht im selben Film. Das Gegenteil ist doch der Fall! Die ganze moderne Jugendliteratur ist eine Hommage an die Amazone, an Pippi Langstrumpf, an die Autonomie – oder was dafür gehalten wird. Gelobt wird das freche, schrullige Mädchen, das sich nichts gefallen lässt, sich nimmt, was es braucht, kräftig zuschlagen kann und die Einsamkeit in der Villa Kunterbunt durch Pfefferkuchen und Autosuggestion in Schach hält. Gelobt werden die Patchworkfamilie, der Neuanfang, Ronja Räubertochter auf Steroiden. Miley Cyrus.

Oder nehmen wir Girls, die Lieblingsserie meiner drei Töchter (15, 16 und 18 Jahre alt). Man sieht eine fabelhafte Truppe sympathischer Collegeabsolventinnen in New York, die ihre sexuellen Abenteuer klug und lustig am Frühstückstisch auswerten. Es geht ihnen dabei eigentlich nur um Selbstoptimierung. Darum, sich "eine harte Schale wachsen zu lassen". Die Hauptfigur, Hannah Horvath, entspricht dem Rückertschen Ideal der Absage an die weibliche Perfektion: Sie ist sehr, sehr weiß und schwabblig, und sie ist stolz darauf. Wann immer eine Affäre ernst werden könnte, tauchen wie von Zauberhand die rettenden Anführungszeichen der Ironie auf: Oh, ein "boyfriend"! Und so kreisen die Mädchen tagaus, tagein in ihrem eigenen Orbit, den niemand je wirklich stört, ganz gewiss kein Mann. Das ist eine Zeit lang großartiges Fernsehen. Aber weil sich eben keine echten Beziehungen entwickeln, weil die Amazonen immer dieselben bleiben, wird die Sache nach einer Staffel steril und langweilig.

Ich glaube, dass Rückerts Forderung nach Autonomie um jeden Preis längst traurige Wirklichkeit ist. Die Zahl der Singlehaushalte steigt und steigt, ebenso die Zahl derjenigen, die ihr Kind allein erziehen wollen oder müssen. Natürlich ist es ein Glück, dass Frauen heute leben können, wie es ihnen passt. Das heißt nur noch lange nicht, dass sie damit auch glücklich werden. Wenn dich in deinem Einzimmerapartment in der Kastanienallee der Katzenjammer überkommt, dann kannst du das nicht der Männerwelt in die Schuhe schieben. Das wird aber oft versucht: Die Glückserfahrung ist selbst gemacht, das Unglück kommt von außen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Unter dem genervt-sarkastischen Titel Oh mein Gott, ich krieg keinen ab beschwerte sich dieser Tage eine junge Kollegin auf unserer Onlineseite: "In welchem Jahrhundert lebe ich, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, wenn ich gerade alleine bin"? Sie sei nun mal einfach nicht verliebt, nie gewesen. In der Schule habe man halt genommen, "was so auf dem Schulhof rumstand, und nannte das dann erste große Liebe". Im Studium dann die gegenseitigen Entschuldigungen, man sei grad "beziehungsunfähig". Und heute "leert sich der Markt". Da bleibe nur noch Tinder. Klar sei das unromantisch, schreibt die Autorin. Aber sie ist stolz auf den kalten Sound. Steckt auch bestimmt viel Arbeit drin.

Für mich klingt das nicht, als hätte sie mit dieser stolzen Kälte einen guten Deal gemacht. Aus jedem ihrer Sätze spricht Enttäuschung. Die Behauptung, die Welt mache einer jungen Frau Vorhaltungen, wenn sie allein lebe, ist eine schiere Projektion der eigenen Panik. Gerade weil kein Hahn danach kräht, ob du Jahr um Jahr morgens allein aus dem Berghain nach Hause krauchst, gerade darum ist es ja so schrecklich.

Die Sehnsucht bleibt, und sie springt einem aus jedem Knopfloch entgegen. Sie ist das Resultat eines gigantischen Fehlschlusses, den junge wie ältere Frauen aus dem Feminismus gezogen haben. Er lautet: Liebe schafft Abhängigkeit. Frauen waren zu lange abhängig von Männern. Also sollten Frauen aufhören, diese Liebe zum Mittelpunkt ihres Lebens zu machen.

Der Autonomie-Wahn schafft "drama queens"

Warum stehen Frauen so sehr auf Liebe? Wahrscheinlich aus demselben Grund, aus dem auch Männer "drauf stehen". Es ist eine ziemlich herrliche, befreiende, beängstigende, betrübende und beglückende Angelegenheit; es ist die eine Erfahrung, die unser gesamtes Erleben rockt. Nichts kommt da ran, kein Bungee-Jumping, kein neuer Posten und ganz bestimmt kein Dasein als einsam rollender Stein.

Womit wir beim Thema Arbeit wären. "Natürlich ist es schön", schreibt Sabine Rückert, "wenn der Vorgesetzte die schnuckelige Berufsanfängerin zum Essen einlädt und sich als ihr Mentor (Wir tun was für Frauen!) fühlt. (...) Aber denken Sie daran: Die Zuwendung gilt im Grunde nicht Ihnen. So etwas geschieht tausendfach. Und nächstes Jahr fängt eine noch viel reizendere Kollegin an. Und Sie merken: Ich bin austauschbar." Besser sei es, für seine Leistung geschätzt zu werden. Und am allerbesten, ganz auf Anerkennung zu verzichten: "Sie selbst sind der Maßstab."

Natürlich nützt es einer Berufsanfängerin nichts, wenn der Boss sich nur mit ihr schmückt. Es ist aber auch kein Fall für Amnesty International, wenn Vorgesetzte stolz darauf sind, dass sie nicht nur ihresgleichen anheuern. Der Chef geht gern mit einer intelligenten, jungen Kollegin essen. So what? Für sie ist es womöglich auch ein Vergnügen. Bei Männern heißt so was networking. Und leider kommt es andererseits oft genug vor, dass Berufsanfängerinnen denken, nur sie selbst seien der Maßstab. Sie brauchten keinen Mentor, hätten nichts mehr zu lernen. Der Autonomie-Wahn, dem viele verfallen sind – und das betrifft keineswegs nur junge Frauen –, führt dazu, dass sie zu Teamarbeit nur schwer in der Lage sind. Sie betreten die Bühne als drama queen, der die Welt jede Menge Bewunderung und Extrawürste aller Art schuldet. Sie sind, wie die Briten sagen würden, "ein Schmerz im Arsch".

Es ist wirklich nicht der Wunsch nach Liebe, der nervt. Nervig ist das Gefangensein in permanenter Selbstbespiegelung. "Du selbst bist der Maßstab" ist seit den Siebzigern die alles dominierende Maxime. Schöner wäre es, Frauen und Männer sähen sich als Teamplayer, nicht als Einzelkämpfer auf feindlichem Terrain.

"Frauen sind zu leicht zu beeindrucken. Sie umschwirren die Männer wie Putzerfische den Hai", schreibt Sabine Rückert. Man fragt sich, was deprimierender ist: das Männer- oder das Frauenbild, das hier vertreten wird. Die Kerle in diesem Text sind Raubtiere, die auch ihre Kolleginnen bestenfalls als leckere Kaninchen wahrnehmen – und die Frauen sind "schnucklig", bis die Nächste kommt, die noch schnuckliger ist. Die Vorstellung, sie könnten wirklich was auf dem Kasten haben und deshalb eingestellt worden sein, kommt interessanterweise gar nicht in den Blick.

Das rabiate Gesellschaftsbild, das Sabine Rückerts Ansage entsteigt, gipfelt in dem Ratschlag: "Irgendwann werden Sie den freundlichen Mentor nämlich überholen und zurücklassen müssen. Achten Sie also darauf, dass sie ihm dann nichts schuldig sind." Für mich liest sich das so: Wenn du auf seinen Schultern die nächste Stufe erklommen hast, tritt ihn von der Leiter. Das ist der Neoliberalismus als Charakterschule. Viel Vergnügen!

Nicht vorgesehen ist der Fall eines Mentors, der tatsächlich unterstützen und fördern will, weil er an eine Kollegin glaubt. Ich hatte mal so jemanden, als ich es am dringendsten brauchte. Er verschaffte mir Aufträge, als ich wegen meiner drei Kinder über Jahre "schreibende Hausfrau" war. Danach gab er mir einen Ressortleiterposten, obwohl er wusste, dass es Ärger geben würde – auch zwischen uns. Gerade die sogenannten kreativen Berufe ziehen Menschen an, die dem Rückertschen Ideal entsprechen und um sich selber kreisen. Erfolg bedeutet für sie, ihre Ideen, ihre Meinung möglichst weit zu verbreiten. Als Vorgesetzte müssen sie das Gegenteil tun: mit Großherzigkeit und Umsicht das Ganze im Blick haben. Jemanden ermutigen, auch wenn sie selbst es besser zu können glauben. Jemanden fördern, auch wenn er oder sie Konkurrenz darstellt. Das schaffen nicht viele Männer, aber viele Frauen schaffen es auch nicht.

Wir sollten nicht vergessen, wie neu das alles ist: dass die Geschlechter sich eine Arbeitssphäre teilen, dass sie um dieselben Trophäen ringen. Männer und Frauen, die es genießen, gemeinsam einen offenen Raum zu betreten. Die einander interessant finden. Die sich morgens ab und an mal mit einem Schuh von Louboutin aufbrezeln, zu einer "Frisur" durchringen, weil das zur Klimaerwärmung ebenso beiträgt wie ein gelungener Witz oder ein überraschendes Eingeständnis. Wenn man sich dann noch zu schönen Umgangsformen aufrappeln kann, sind wir dem Himmel schon sehr nah. Wie sehr uns Frauen in Afghanistan oder Saudi-Arabien um diese Dinge beneiden! Wollen wir uns das alles wirklich mit Misstrauen, Einigelung und Selbstzufriedenheit verderben? Klar: "Lass dir nüscht gefallen" ist immer ein guter Ratschlag. Abendfüllend ist er nicht.

Lustigerweise finde ich mich am Ende von Sabine Rückerts Text begeistert nickend. "Ich wollte nie ein Kind", mit diesem Bekenntnis beginnt es. Sie hat dann, weil ihr Mann nicht nachließ, doch eine Tochter bekommen, die heute 19 Jahre alt ist. In dieser Zeit musste sie sich "von sich selbst verabschieden", Verantwortung für andere übernehmen – ein echter Paradigmenwechsel. Eine Befreiung aus der Nabelschau. Man nennt es auch erwachsen sein. Warum soll das nicht schon mit 25 drin sein?

Ich habe keine Ratschläge für junge Frauen. Werdet erwachsen, wie immer ihr lustig seid. Man braucht nicht einmal Kinder dazu. Obwohl sie das Ganze natürlich sehr versüßen.