Dass durch Erzählen immer neuerer Geschichten der Tod abgewehrt werden kann, mag ein Märchen sein. Trotzdem gehört dieses Überlebensprinzip, das Scheherazade abgelauscht ist, zum Fundus der kulturellen und individuellen Selbstversicherung. Das Werk von Guntram Vesper, das die Aufmerksamkeitsschwellen der literarischen Öffentlichkeit nie entschieden hat überwinden können, ist zweifelsohne ein eminent konsequentes und unkorrumpierbares Beispiel für den Versuch, durch Erzählen, Sammeln, Wiederholen, Variieren und Ergänzen eines Reservoirs von Geschichten irgendwann zum Unverbrüchlichen vorzudringen. Der Antrieb für das Schreiben scheint für Vesper die Schaffung eines annähernd festen Fundaments seiner Existenz zu sein, die Konstruktion eines transzendentalen Obdachs. Auch in seinem jüngsten Buch Frohburg kehrt er deshalb wieder an den Ort seiner Kindheit zurück, in jene titelgebende sächsische Kleinstadt zwischen Leipzig und Chemnitz.

Vesper wurde 1941 in Frohburg als Sohn des örtlichen Arztes geboren, mitten hinein in Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg und bevor mit der sowjetischen Besatzungsmacht und der frühen DDR unmittelbar eine neue, oberflächlich betrachtet gegenteilige ideologische Macht bis in die Wohnzimmer der Menschen vordrang. Immer wieder hat Guntram Vesper bereits in Prosastücken und in Gedichten diese Kinderzeit und -landschaft vermessen. Dass er nun mit seinem jüngsten, bereits vorab als "Opus magnum" titulierten Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden ist, mag ein später Triumph für den Autor sein.

Ob Frohburg in seiner Opulenz den Abschluss dieses biografisch-poetischen Projekts bildet, ist dadurch freilich nicht verbürgt. Ebenso wenig, wie es die Gattungsfrage ist, die man an dieses 1.000-Seiten-Werk stellen kann, das sich aus eigenen Erinnerungen, familiär Überliefertem, Recherchiertem, Angelesenem und Ortsbegehungen zusammensetzt und dem Leser als monumentaler, nicht durch Kapitel und kaum durch Absätze oder Abschnitte unterteilter Schriftblock entgegentritt. Vorangestellt hat Vesper seinem Buch eine Zeile, die Fontanes Meine Kinderjahre entnommen ist: "Für etwaige Zweifler also sei es Roman!" Dieses Motto scheint allerdings weniger, wie von Fontane intendiert, ein Freibrief zur Deutungshoheit als vielmehr eine drängende Beschwörung zu sein.

Er umstellt den Helden mit Büchern, es ist ein Aufgehobensein in der Schrift

Vesper musste seine Heimatstadt und damit die Welt seiner Kindheit 1957 verlassen, als seine Eltern vor den Drangsalierungen der Obrigkeit in den Westen flohen. Nur ein paar Bücher wurden dem Heranwachsenden hin und wieder von einer Verwandten in den Westen nachgeschickt. Kein Wunder also, dass die beinahe altmodische, gerade deshalb umso berückendere Feier der Buchkultur, die Vesper in Frohburg zelebriert, so viel Raum einnimmt, er umstellt sich gleichsam mit Büchern und erfindet sich so eine Form des Aufgehobenseins in der Schrift. Manisch sucht er in Antiquariaten nach bibliophilen und seltenen Ausgaben. Dass der Zusammenhang von Leben und Lesen für Vesper ein konstitutiver ist, bedingt nachgerade zwangsläufig, dass auch das eigene Schreiben zu dieser Form der Identitätsstiftung wird, genauso wie die Rückkehr zu dem, was biografisch zurückgelassen werden musste.

Der eigentliche Anstoß für Vespers Schreiben scheint noch ein Stück vor der Fluchterfahrung zu liegen: Mehr noch als ein universelles Unbehagen angesichts der Kontingenz der eigenen Existenz ist es bei Vesper anscheinend eine Erfahrung konkreter Bedrohung – das Wissen, gerade eben noch davongekommen zu sein –, gegen die er anschreibt. Eine Episode seiner Kindheit, die er in Frohburg nicht zum ersten Mal aufruft, ist jene von einem Mörder, der in der Nachbarschaft wohnte und systematisch Morde in jener Straße beging, in der Vespers Großeltern lebten und in der Vesper große Teile seiner Kindheit verbrachte, weshalb dieser Ort ihm als Kern seiner Erinnerungen gilt. Die Leiter, so schreibt er, war schon angelegt am Haus der Großeltern, als der Mörder gestoppt werden konnte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Eine andere Episode, in der sich der Zufall des eigenen Überlebens und zugleich die Gewalt der Historie manifestiert, ist jene über die Polio-Erkrankung, die Vesper als Kleinkind ereilt, kaum ein Jahr nachdem in dem nationalsozialistischen Euthanasie-Propaganda-Film Ich klage an medial propagiert wurde, was längst grausame Praxis war: das systematische Ermorden kranker oder fehlgebildeter Kinder.

Das nachträgliche Entsetzen über die Ungeheuerlichkeit, fast zum Opfer geworden zu sein, ist eine der Grundfiguren von Vespers Schreiben. Zahlreiche Episoden über andere Verbrechen, etwa Morde an jungen Mädchen in der Nachkriegszeit oder an politischen Überläufern, sind in den Text eingelagert. Unweit von Frohburg wird nach dem Zweiten Weltkrieg eines der wichtigsten Uranabbau-Gebiete für den sowjetischen Atombombenbau installiert, die Wismut SDAG, was der Anwesenheit des Bösen, das dort im Untergrund schlummert und nur ans Tageslicht befördert werden muss, fast etwas Metaphysisches verleiht. Die Nachrichten aus dem heutigen Sachsen muten wie der unheilvolle Widerhall dessen an, was Vesper über diese Gegend zu erzählen weiß.