Omgimaa A. ist ziemlich verdattert, als sie sich im Gerichtssaal an der Rue de Chanoines 1 in Fribourg fünf ernsten Gesichtern gegenüber sieht. Sie hat angenommen, die "Séance" beim Friedensgericht an diesem 19. Juni 2012, zu der sie brieflich eingeladen worden ist, drehe sich um den leiblichen Vater ihrer elfjährigen Tochter. Dieser wohnt in Pakistan und kommt seinen Unterhaltspflichten nicht nach. Stattdessen nimmt der Friedensrichter die 43-Jährige ins Verhör: "Sie reisen in den Sommerferien in den Sudan?", fragt er. "Ja", antwortet Omgimaa A. pflichtbewusst: "Für ein Familientreffen." – "Und Ihre Tochter fährt auch mit?", fragt der Richter weiter. "Ja, sie begleitet mich, ihre beiden Cousinen aus Kanada werden auch dort sein." Sie werde fünf Wochen im Sudan verbringen, sagt Omgimaa, der Flug gehe am 12. Juli. Ihr Schweizer Ehemann könne leider nicht mitkommen, weil er arbeiten müsse.

"Haben Sie vor, im Sudan Ihre Tochter beschneiden zu lassen?" Omgimaa A. meint zuerst, sie habe sich verhört. Als der Friedensrichter die Frage wiederholt, beginnt es ihr zu dämmern: Sie steht unter Verdacht.

In der Schweiz leben schätzungsweise 14.700 Mädchen und Frauen, deren Genitalien beschnitten sind – oder denen diese grausame Praxis droht. Das schreibt das Bundesamt für Gesundheit. Seit 2012 ist die "Verstümmelung weiblicher Genitalien" in der Schweiz explizit verboten. Es drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis – und strafbar ist auch, wer die Tat im Ausland begeht.

Dreieinhalb Jahre nach dem Verhör empfängt Omgimaa in ihrer sorgfältig eingerichteten Wohnung. Den Schock von damals hat sie noch nicht verdaut: "Ich wusste nicht, wie mir geschah, ich war noch nie zuvor in so einer Situation." Omgimaa schenkt Tee nach und serviert Schokoladekuchen. Dann fährt sie fort, die traumatische Geschichte zu erzählen: Wie sie gegenüber dem Friedensrichter beteuerte, dass sie noch nie mit dem Gedanken gespielt hatte, ihre Tochter beschneiden zu lassen. Weder als Kleinkind noch heute. Weder in der Schweiz noch im Sudan. Nie würde sie das ihr antun. "Als Mutter sage ich Ihnen, das ist ausgeschlossen!" Sie sei eine moderne Frau.

Doch der Friedensrichter bohrt weiter. Er erwähnt die Gefährdungsmeldung, die vom Jugendamt bei ihm eingegangen sei; er fragt Omgimaa A., ob sie wisse, wie gefährlich die Genitalverstümmelung für die Gesundheit eines jungen Mädchens sei, und dass diese in der Schweiz unter Strafe stehe. Omgimaa A. verliert zusehends die Fassung. "Ich verstehe nicht, was diese Sitzung hier soll", gibt sie zurück. "Behandeln Sie alle Mütter so, die in den Sudan reisen wollen?"

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 10 vom 25.02.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ihr Widerstand ist zwecklos. Die elfjährige Tochter muss sich auf richterliche Anordnung hin einer gynäkologischen Untersuchung unterziehen, die mit Fotos dokumentiert werden soll; vor und nach der Sudan-Reise, bei einer "auf solche Fälle" spezialisierten Ärztin. Omgimaa A. willigt ein – die Fotos bleiben ihr und der Tochter allerdings erspart. Ihrem Ehemann, der am Ende der Unterredung in den Saal geholt wird, bleibt nur übrig, seine Frau moralisch zu unterstützen: Eine Beschneidung seiner Stieftochter sei kein Thema, sagt er, und er habe vollstes Vertrauen in seine Ehefrau.

Ist der Fall von Omgimaa ein Einzelfall? Klar ist: Unter dem gegenwärtigen Migrationsdruck verschärft sich das Problem. Viele in die Schweiz einwandernde Frauen stammen aus Ländern, in denen die Genitalbeschneidung aus kulturellen Gründen noch immer praktiziert wird. Sie kommen aus Eritrea, aus Somalia, aus Äthiopien, aber auch aus dem Sudan. Die Menschenrechte gebieten es den Schweizer Behörden, "Mädchen und Frauen vor dieser schweren Form der Körperverletzung zu schützen". So steht es in einem Bericht des Bundesrats vom letzten Oktober.