Der Schriftsteller Henry James (1843 - 1916) © Wikimedia Commons

Man kann es bedauern, dass Henry James – zweifellos einer der bedeutendsten Schriftsteller überhaupt – nie zu einem Publikumsliebling geworden ist, aber es lässt sich erklären. Er war nämlich ein Mann des kalten, durchdringenden Blicks, und alles Gemütlich-Verständnisinnige lag ihm fern. Zwar hat er die Helden, vornehmlich die weiblichen, die seine unermessliche Romanwelt bevölkern, durchaus geliebt, doch hat er zugleich ihre Schwächen, ihre Eitelkeiten und Verstrickungen nicht übersehen können. Er wollte dem Los der Menschen auf den Grund gehen, wollte das dunkle Rätsel ihres Strebens erhellen, und er kam dabei so weit oder tief wie keiner vor ihm.

Verena Auffermann zitiert in ihrer konzisen und schön bebilderten Biografie den Brief einer Freundin, der vermutlich einzigen, die ihm wirklich nahestand, und die ihn klagend fragt: "Warum beschreibst Du nicht einmal eine weibliche Person, für die wir Frauen wahre Liebe empfinden können? Sie muss ja nicht glücklich sein."

Für die Beschreibung des Glücks sind Schriftsteller nicht zuständig, denn Glück ist selbstevident. Die Frage, wie und warum man es sich verscherzt, war das unendliche Thema des Menschenforschers Henry James. In seinem eigenen Leben ging er, wie Auffermann bemerkt, Tragödien aus dem Weg. Er blieb der distanzierte Beobachter, und je weiter er in seinem Schreiben voranschritt, umso subtiler drang er ein ins Beziehungsgeflecht der Menschen. Er sah es geflochten aus Liebe und Neid, aus Scham und Gier, aus Unschuld und Herrschsucht.

Daisy Miller, einer seiner bekanntesten Romane, heißt im Untertitel A Study, eine Studie. Der 27-jährige Amerikaner Winterbourne besucht seine Tante am Genfer See und lernt dort die junge, naive Schönheit Daisy kennen. Gleich zu Beginn bemerkt er, dass das Mädchen ziemlich ungebildet ist und keinen Sinn für die feineren Formen des gesellschaftlichen Umgangs besitzt. Die Tante, eine reiche Dame, die sich dem neuenglischen Geldadel zurechnet, hat für die im selben Hotel logierende Familie – Daisy, ihre Mutter und der kleine Bruder – nichts übrig: "Sie sind grauenhaft gewöhnlich." In der Tat haben die Millers, die gerade die obligatorische Europareise machen, viel Geld, aber sonst auch nichts.

Doch Daisy ist nicht nur außerordentlich hübsch, sondern sie strahlt, eben wegen ihrer Ungeformtheit, eine ursprüngliche Frische aus, der sich Winterbourne nicht entziehen kann. Er verliebt sich in sie und reist ihr hinterher, nach Rom. Dort, in der illustren Gesellschaft kultivierter Amerikaner, kompromittiert sich Daisy vollkommen, indem sie sich – allein gelassen von ihrer unbedarften Mutter – mit einem halbseidenen, melodramatisch aufgeputzten Italiener einlässt und ihn sogar zu einer erlesenen Abendgesellschaft mitschleppt. Man ist entgeistert, und der bekümmerte Winterbourne versucht, sie auf die Pfade des Anstands zurückzuführen – vergeblich, denn das Mädchen, das eben beginnt, das Wunder ihrer weiblichen Attraktivität auszukosten, ist in ihrem kindlichen Geltungsbedürfnis zu unwissend, um den Fehltritt zu erkennen.

Das ist die Versuchsanordnung, die Henry James hier vorlegt: Was passiert, wenn gesellschaftliche Konvention und juveniles Freiheitsbedürfnis miteinander in Konflikt geraten, mädchenhafte Unschuld mit abgebrühter Gier? Leicht zu erraten, dass die Geschichte nicht gut ausgeht, und doch ist man erschrocken, mit welch herzloser Plötzlichkeit Henry James das eben noch meisterhaft ausgemalte Drama abbricht. Er lässt Daisy am römischen Fieber sterben – und Schluss.

Daisy Miller ist wirklich eine Studie, ein Experimentierfeld, so wie auch der Roman Washington Square (1881), wo die herzensgute, ein bisschen begriffsstutzige Catherine zwischen einem kalten Vater und einem schamlosen Mitgiftjäger zerrieben wird, und so wie der Roman Die Europäer (1878), der uns zeigt, wie die kluge, aber unhübsche Gertrude ihrer vermögenden puritanischen Familie entfremdet und von einem lebenslustigen Luftikus in eine heikle Ehe entführt wird.

Roman von Henry James - Wenn Alteuropa und Neuamerika aufeinanderprallen Ein Geschwisterpaar kehrt aus Europa zurück nach Amerika, dort vermischen sich die alte und die neue Welt. Ijoma Mangold empfiehlt die Neuübersetzung von Henry James’ "Die Europäer".

Wieder, wie in dem spiegelbildlichen Roman Der Amerikaner (1875), geht es um die idealtypische Konfrontation europäischer Kultiviertheit mit amerikanischer Tüchtigkeit. Für den Amerikaner Henry James, der am Ende Engländer wurde, gehört dazu, dass der alte Kontinent, den er gründlich bereist hat, Zeichen des Niedergangs und der moralischen Verkommenheit erkennen lässt, während der neue von einer protestantischen Ethik, die Grobheiten und Engstirnigkeiten einschließt, geprägt ist. Es ist aber bezeichnend für die Vielfalt der Intonationen, die James beherrscht hat, dass der Roman Die Europäer trotz seines ernsten theoretischen Fundaments auch eine heitere Seite besitzt. In seinem Nachwort zu der gelungenen Neuübersetzung von Andrea Ott beginnt Gustav Seibt mit dem Fazit seiner Überlegungen: "Vier Hochzeiten und eine Abreise, das ist die Bilanz dieser federleichten, tiefsinnigen Romankomödie."

So ist es, und doch war Henry James vor allem ein kaltblütiger Interpret solcher kulturellen Konflikte. Nicht selten zeigt er sich als der radikale Experimentator, und zuweilen wirkt es, als foltere er seine Figuren auf dem Streckbett des Comments, bis sie endlich in ihre Umstände passen. Natürlich ist es nicht James, der hier grausam ist. Grausam sind die gesellschaftlichen Zwänge. Es sind aber nicht die der Armut oder gar des Elends, denn fast alle Geschichten spielen in einem gut situierten Milieu, wo kaum jemand einem ernsten Brotberuf nachgeht. Entweder ist Geld im Überfluss da, oder es kam, sei es durch Prasserei, sei es durch Fehlspekulation, abhanden und muss nun herbeigeschafft werden, am besten durch eine günstige Heirat.