Der Karolinenplatz in Darmstadt

Haben Sie schon mal ein Schnitzel mit Hackfleisch auf Sauce hollandaise gegessen, mit Käse überbacken – nein? Dann wird es Zeit. Fahren Sie vom Bahnhof mit der Straßenbahn, Linie 2, bis zum Stadion Böllenfalltor. Die Lilienschänke sehen Sie sofort, es ist das Vereinslokal des Fußballclubs SV Darmstadt 98. Der Verein hat eine Lilie als Emblem. Dazu passt, dass er weder Millionengagen noch Riesenarena bietet, aber das Lilien-Cordon-Bleu zu 13,80 Euro. Mehr Kalorien bekommt man nicht auf einen Teller.

Darmstadt spielt seit 2015 in der Bundesliga. Das hätte dem Club niemand zugetraut. Schleppen Sie sich zur Verdauung ins Stadion, das von den Einheimischen liebevoll "Bölle" genannt wird, und Sie bekommen eine Ahnung, warum. Das Bölle ist Understatement pur, wie so vieles in Darmstadt. Machen Sie es sich auf der Tribüne bequem, bewundern Sie den Löwenzahn zwischen Ihren Schuhen und die Spinnweben an den Betonwänden, bearbeiten Sie Ihre Fotos später mit Retro-Filter.

Darmstadt ist für die Darmstädter, es muss niemandem etwas beweisen. Um Bars zu taufen, hat sich keiner das Hirn verrenkt. Man geht nicht wie in Berlin ins "Lass Uns Freunde Bleiben", sondern in die "Goldene Krone" oder den "Biergarten Darmstadt".

Diese praktische Ader zeigt sich auch in der Kultur. Fahren Sie ein paar Stationen zum Hessischen Landesmuseum, in eines der letzten Universalmuseen Europas. Sie laufen an einem ausgestopften Hirsch, einer Wildsau und anderen Tieren aus dem hessischen Wald vorbei, ein paar Treppenstufen weiter dann an Joseph Beuys’ legendärem "Stuhl mit Fett" aus dem Jahr 1963. Das alles für eine einzige Eintrittskarte zu sechs Euro!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Zu Fuß sind Sie rasch an der Mathildenhöhe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Jugendstilkunstwerken bebaut wurde: einem bezwiebelten russischen Kirchlein etwa oder dem Hochzeitsturm mit seinem gefalteten Dach. Schön, aber nicht protzig. Darum ging es Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, als er 1899 für Jugendstilkünstler wie Peter Behrens und Paul Bürck eine Kolonie abseits jeder Boheme schuf. Er wollte nicht wie andere Fürsten seine Herrlichkeit feiern, sondern zur Freude seiner Bürger Kunst und Handwerk verbinden.

Die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs haben große Teile des alten Darmstadt zerstört; doch dieser Geist ist noch immer zu spüren. Die Schönheit verschanzt sich nicht, sie kommt zu den Menschen. Trainieren Sie das Schnitzel im Jugendstilbad am Mercksplatz ab. Ornamente schmücken Wände und Decken, Gold blitzt zwischen Mosaiken von Wellen, Fischen und Kraken. Also am besten auf dem Rücken schwimmen – aber nicht vor Andacht zu viel Wasser schlucken. In Darmstadt bevorzugt man Bier.