Die arabische Nacht hat sich wie ein schwerer Teppich über Kalibani gelegt, als im Tiefparterre der einstigen Käserei der Generator anspringt. Delal Mirhat, die 29-jährige Wirtin, setzt sich hinter die Bar und schenkt Dattel-Daiquiris aus. In der zerbombten Wüstenstadt, wo Cocktailgläser Mangelware sind, werden sie in den Hülsen abgefeuerter Granaten serviert. Ungebetene Gäste befördert die ehemalige Peschmerga-Kämpferin Mirhat vor die Tür. Aus alten Grundig-Boxen in der Ecke dröhnen postapokalyptische Elektrobeats, die der junge kurdische DJ mit Versatzstücken einheimischer Flöten- und Schalmeiensounds kombiniert. Fällt der Generator aus, und das geschieht in Kalibani nicht selten, zündet Mirhat Kerzen an, intoniert Soldatenlieder von eigentümlich morbider Intensität – und die Party geht weiter bis zum Morgengrauen.

Noch sind 80 Prozent der irakisch-kurdisch-syrischen Grenzstadt vom Bürgerkrieg zerstört, erst kürzlich wurde sie vom islamistischen Terrorregime befreit. Strom- und Wasserversorgung sind längst noch nicht sichergestellt, der Flugplatz liegt in Trümmern. Trotzdem kehren die Einwohner langsam zurück – und mit ihnen kommen junge Kreative aus aller Welt, die hier billig leben und arbeiten wollen und den rauen, aber ehrlichen Charme der kaputten Stadt zu schätzen wissen. Ketten wie Ikea, Burger King oder H&M fehlen in den unrenovierten Straßenzügen noch völlig; die Stadt bildet einen attraktiven Gegensatz zu den durchgestylten Metropolen des Westens und zieht jede Menge Freigeister an.

Morgendlicher Treffpunkt vieler Kalibanani ist Edvina Landinis Kaffeerösterei, ein schlichtes Ladencafé im Erdgeschoss eines zerstörten Wohnhauses. Soja macchiato steht hier nicht auf der Getränkekarte. Aber die italo-albanische Wirtin – eine Neueinwohnerin, wie so viele hier – kocht einen ausgezeichneten Biskul. Das ist der kräftige Ziegenmilch-Latte mit Schaumkrone, der sich auch international als Alternative zu den gängigen Kaffeespezialitäten etablieren könnte. Die 36-jährige Landini hat zuvor als Fotokünstlerin in Tijuana, Detroit und Belgrad gearbeitet – Städte, wie sie sagt, deren "Energie und Intensität" bei Weitem nicht an Kalibani heranreichen. Außerdem, so fügt sie lächelnd hinzu, lohne es sich allein schon des Kaffees wegen, nach Kalibani zu kommen.

Auch das hiesige Bier muss den Vergleich zu den Craft-Beers von Brooklyn oder Nashville nicht scheuen. Raad al-Windawi, ein jüngst zurückgekehrter Exil-Kalibanani, betreibt in den Räumen der einstigen Baumwollspinnerei eine äußerst populäre Mikrobrauerei. Al-Windawi hat am renommierten Vassar College studiert und danach jahrelang als Dramaturg an Off-Off-Broadway-Bühnen gearbeitet. Er habe gern in den USA gelebt, betont der 46-Jährige. Doch als er in der Zeitung las, dass seine Heimatstadt nach Jahren des Bürgerkriegs wieder sicher sei, buchte er die Rückreise. Al-Windawi möchte Kalibani zu einer Art Craft-Beer-Mekka des Nahen Ostens machen – und setzt auf das Kalibani Sucker Pale Ale, ein bernsteinfarbenes Gebräu, angereichert mit dem Aroma von Datteln und Kichererbsen, das mit faden Industrieprodukten à la Budweiser nichts gemein hat. Und so versammeln sich am frühen Abend, wenn die Schatten länger werden, V-Neck-tragende Expats auf Al-Windawis Dachterrasse und genießen bei einem Kalibani Sucker Pale Ale und einem Grassfed Goat Burger den Blick auf die umliegenden Ruinen, bevor sie bei Dunkelheit aufbrechen und im 10/22 bis zum Morgengrauen weiterfeiern.

Dass Kalibani selbst vom Design her punkten kann, ist zwei belgischen Modeschöpfern zu verdanken. Leo und Grit Van Ackeren lernten die Wüstenstadt auf einer humanitären Reise durch den Nahen Osten kennen – und beschlossen zu bleiben. Die jungen Kalibanani seien nach Jahren des Terrors richtig "ausgehungert nach innovativem Design" gewesen, sagen die Van Ackerens. Im kalibananischen Alltag sind die ausgefeilten Kreationen des Antwerpener Duos kaum zu übersehen. Bei der Frauenmode haben sich die Van Ackerens von der Bürgerkriegsvergangenheit der Region inspirieren lassen. Gern kombinieren sie militärische Tarnuniformen mit ultrakurzen Paillettenröcken. Aber auch schlichte weiße T-Shirts mit provokanten Kalaschnikow-Motiven sind bei den Van Ackerens nicht verpönt. Die Männer von Kalibani wiederum tragen – Stichwort: Abdullah Öcalan meets Sid Vicious – unter den kaftan-artigen Wollhemden vorzugsweise eng geschnittene Jeans im Bondage-Look . Und: Der obligatorische Hipster-Vollbart darf hier, wo noch kürzlich die Köpfe von Ungläubigen rollten, als lässig-ironische Anspielung auf die Haartracht der islamischen Fundamentalisten interpretiert werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Natürlich: Angesichts der unzureichenden Versorgung mit WLAN ist die Anzahl der Hipster, die dauerhaft in Kalibani wohnen, noch klein. Ein paar Hundert mögen es sein, nicht mehr. Doch das könnte sich ändern. Kürzlich machte in der Stadt das Gerücht die Runde, dass Ólafur Elíasson plane, in Kalibani eine begehbare Lichtskulptur zu errichten, 180 Meter hoch, die den Wüstenort und die Region mit Solarstrom versorgen solle.

Eine Nachricht, die nicht allen Kalibanani gefällt. Denn mit dem isländisch-dänischen Konzeptkünstler käme wohl auch die Art-Basel-Miami-Beach-Crowd: die reichen Sammler, die Galeristen, die High-End-Touristen und letztlich die Bauträger und Makler, die mit ihren Geländewagen die Straßen verstopfen und dafür sorgen, dass die Immobilienpreise kräftig anziehen. Steigende Mieten sind das Einzige, was die Trendsetter von Kalibani noch mehr fürchten als die Rückkehr der Islamisten.

Konstantin Richter