Es ist leicht, über Mitarbeiter der Jugendämter und des Allgemeinen Sozialen Dienstes den Stab zu brechen, so leicht, dass es schon wieder schwerfällt. Jeder sollte sich zweimal überlegen, ob er sich das anmaßen kann: über Menschen zu urteilen, die Probleme lösen sollen, die es nach der Natur eigentlich nicht geben dürfte. Die Kinder vor ihren eigenen Eltern beschützen müssen. Die es mit Müttern und Vätern zu tun haben, die ihre Kinder vernachlässigen und misshandeln. Es ist ein Hochrisikobereich, in dem schon eine falsche Einschätzung, ein leichtfertig verschenkter Vertrauensvorschuss dramatische Folgen haben kann. Sogar tödliche Folgen – das hat sich in Hamburg immer wieder gezeigt.

Yagmur, Chantal, Lara-Mia, Jessica, so heißen die Opfer. Zuletzt, im Dezember 2015, starb Tayler. Er wurde nur 13 Monate alt. Weil im Jugendamt Altona dramatische Fehlentscheidungen getroffen wurden.

Die Fahrlässigkeit, die dort an den Tag gelegt und die am Montag durch den Bericht der Jugendhilfeinspektion öffentlich wurde, macht fassungslos. So hart muss man das sagen. Auch wenn es hier um die Arbeit in einem Hochrisikobereich geht. Gerade deshalb. Denn Taylers Tod hatte laut dem Bericht nichts damit zu tun, dass es im fraglichen Zeitraum zu wenige Mitarbeiter gab. 99 Prozent der Stellen waren besetzt, die Stellenpläne seit 2014 kontinuierlich gewachsen, der Krankenstand war niedrig, die Erfahrung hoch. Es gab genug Regeln für den Umgang mit gefährdeten Kindern. Allein: Die Regeln wurden ignoriert.

"Ich habe heute angeordnet, dass zukünftig in allen Fällen von Kindeswohlgefährdung eine kollegiale Beratung erfolgen muss", sagte Altonas Bezirksamtsleiterin Liane Melzer (SPD) am Montag. Ihr Pochen darauf, dass das längst verpflichtende Vier-Augen-Prinzip auch wirklich eingehalten werden soll, klang grotesk. Ein bisschen so, als sage ein Chefarzt, er habe die Chirurgen gebeten, von nun an die Hygienevorschriften einzuhalten und im OP keine Kekse mehr zu essen. Im Jugendamt Altona scheinen selbst elementare Regeln eher Empfehlungscharakter zu haben.

Der Fall Tayler zeigt das exemplarisch. Der Junge wurde im August 2015 mit ungeklärten Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzte erkannten die Gefahr, Tayler kam in eine Pflegefamilie. So weit lief alles, wie es soll.

Dann lief alles, wie es nicht soll. Viel zu früh und offenbar im Alleingang legte eine Fachkraft des Allgemeinen Sozialen Dienstes fest, dass Tayler zurück zu seiner Mutter sollte. "Man kümmerte sich um die Mutter und versuchte, ihre Erziehungsfähigkeit zu stärken", kritisieren die Inspekteure. Das Kind, seine Verletzungen und die Aufklärung des Misshandlungsverdachts gerieten aus dem Blick. "Diese Kindeswohlgefährdung – es ist, als ob sie im Nebel verschwindet", so die Inspekteure. Die Frage war nie, ob Tayler zurück zur Mutter sollte – sondern nur, wie das möglichst zeitnah geschehen könnte.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Menschen müssen irren dürfen. Sie müssen vertrauen dürfen, zumal wenn sie im sozialen Bereich arbeiten. Sie müssen nach ihrem Ermessensspielraum handeln dürfen. Dagegen sagt keiner etwas. Aber: Menschen dürfen ihr Ermessen und ihr Vertrauen nicht aus der Luft greifen. Es gilt deshalb in Hamburgs Jugendämtern die Regel, dass Beschlüsse wie die Rückführung eines Kindes in seine Familie nicht ohne Rücksprache mit Kollegen gefällt werden dürfen. Fachkräfte sind verpflichtet, ihre Urteile abzugleichen. Im Fall Tayler wurde das schlicht versäumt.

Als Konsequenz kündigte Bezirksamtsleiterin Melzer an, die Kollegen wollten nun in einer "Werkstatt" mit dem Pädagogik-Professor Christian Schrapper ihre Fehler aufarbeiten. Nichts gegen den renommierten Wissenschaftler – aber braucht es wirklich einen Workshop, um die Regel des Vier-Augen-Prinzips zu verstehen?

Sozialsenatorin Melanie Leonhard kritisierte das Jugendamt scharf. Sie betonte, es habe nicht an Regeln gemangelt – es müsse nur dafür gesorgt werden, dass diese künftig auch von allen akzeptiert würden.


Bei aller Irritation über den laxen Umgang mit Vorschriften, geht der Fall Tayler über die Frage nach dem individuellen Versagen hinaus. Die Inobhutnahme eines Kindes ist die härteste Maßnahme, die Behörden gegen Eltern verhängen können. Zum Glück. Es hätte dramatische Folgen, wenn sich der Staat leichtfertig in das Eltern-Kind-Verhältnis einmischte. Es kann aber auch dramatische Folgen haben, wenn er sich zu schwerfällig einmischt. Wenn Jugendämter immer gebremst handeln, im Wissen, wie leicht Inobhutnahmen vom Familiengericht kassiert werden. Den Richtern bleibt kaum etwas anderes übrig. Denn Eltern in Deutschland haben ein uneingeschränktes Recht auf Erziehung. Und sei es auf eine brutal schlechte Erziehung.

Aber was ist mit den Kindern? Warum stehen sie nicht längst im Zentrum des Rechts, als Subjekte und nicht nur als von den Eltern abgeleitete Objekte? Nach Dramen wie Taylers Tod ist es wichtig zu fragen, wie der Kinderschutz verbessert werden kann. Und es ist gut, dass die Jugendhilfeinspektion so sorgfältig gearbeitet hat. Dahinter steht aber eine grundsätzliche Frage: Wie viele Rechte haben Kinder?

Bis heute sind Kinderrechte nicht im Grundgesetz verankert.

Aber was ist mit den Kindern? Warum stehen sie nicht längst im Zentrum des Rechts, als Subjekte und nicht nur als von den Eltern abgeleitete Objekte? Nach Dramen wie Taylers Tod ist es wichtig zu fragen, wie der Kinderschutz verbessert werden kann. Und es ist gut, dass die Jugendhilfeinspektion so sorgfältig gearbeitet hat. Dahinter steht aber eine grundsätzliche Frage: Wie viele Rechte haben Kinder?

Bis heute sind Kinderrechte nicht im Grundgesetz verankert.

2.3.2016: Korrektur einer missverständlichen Formulierung (Red.)