Am schlimmsten, sagt er, sind die Nächte, ist die Angst vor dem Morgen, die Furcht davor, ihn nicht mehr zu erkennen. Im Laufe der Jahre war der wässrige Schleier vor seinen Augen immer dunkler geworden, wie schmutziges Sumpfwasser, das langsam dreckiger wird. Sechs Stunden war Ovidio Orozco von seinem Heimatdorf Boquerón in einem rumpeligen Bus zum Arzt gefahren, um seine Augen untersuchen zu lassen. Orozcos linkes Auge, sagte der Arzt, könnte nicht gerettet werden – und auch für das rechte sei es zu spät. Irgendwann, das wusste Orozco, würde der Tag kommen, an dem morgens die Sonne aufgehen würde. Und er im Dunkeln bliebe.

Die Kohlemine habe Ovidios Augen zerstört, glauben viele Bewohner von Boquerón. So wie sie auch die Lungen von Sheila und Cecilia zerstört habe und die Haut von Francisco. "Monstre" nennen sie die Mine, Monster. Ein Monster, das die Bewohner von Boquerón ab und zu ernährt. Und sie irgendwann fressen wird.

Boquerón liegt im Nordosten von Kolumbien, das Dorf ist nicht mehr als eine Ansammlung von einstöckigen Häusern aus rötlichem Lehm, gestützt von Ästen des Guajakbaums. Es gibt einen Kiosk, in dem man Milch, Hygieneartikel und klebrige Süßigkeiten kaufen kann, es gibt ein staubiges Fußballfeld und das Bienvenido, eine Bar mit Billardtisch, wo sich nach Anbruch der Dunkelheit die jungen Männer versammeln.

Einst war die fruchtbare Gegend berühmt für ihre Baumwollplantagen und Reisfelder. Doch in den achtziger Jahren entdeckte man Steinkohle, nicht sehr tief in der Erde, leicht abzubauen. Ein Paradies. Erst für die illegalen Gräber, die mit bloßen Händen das kostbare schwarze Gestein ausgruben. Dann für die ausländischen Konzerne, die mit riesigen Baggern anrückten. Heute wird hier im Nordosten von Kolumbien, im Departamento del Cesar, und noch ein Stück nordöstlicher in Richtung Venezuela, in der Region Guajira, Kohle für die ganze Welt abgebaut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Auch Deutschland bezieht knapp ein Fünftel seiner Kohle aus dem Cesar und der Guajira. Im Jahr 2014 insgesamt 7,4 Millionen Tonnen. In der ersten Hälfte von 2015 stieg der Import noch einmal um 25 Prozent, verglichen mit demselben Zeitraum des Vorjahres. Experten glauben, dass es in Zukunft noch mehr werden könnte: Im Ruhrgebiet und im Münsterland haben die meisten Zechen längst dicht gemacht, 2018 geht der Steinkohlebergbau hierzulande ganz zu Ende. Deutschland braucht die Kohle aus Kolumbien.

Lange Zeit hielten sich deutsche Energiekonzerne bei diesem Thema bedeckt. Nachfragen, auch von der ZEIT, wurden regelmäßig abgewiesen. Vattenfall und E.on gaben zwar zu, dass sie Kohle aus Kolumbien beziehen. Aber mit welchen Unternehmen sie vor Ort ihre Geschäfte machen, könnten sie nicht sagen. Der Markt sei zu unübersichtlich, hieß es. Oder: Aus Wettbewerbsgründen könne man dazu nichts sagen. Die Fragen haben sich dadurch nicht aufgelöst. Kann man guten Gewissens Kohle aus Kolumbien kaufen?

Ovidio Orozco weiß nicht, dass Politiker in Berlin über die Energiewende streiten. Mit wiegenden Schritten, die fast etwas zu geschmeidig sind für einen Mann, der sein Leben lang auf den Feldern gearbeitet hat, läuft er an einem Oktobermorgen durch die lehmigen Straßen seines Dorfes Boquerón. Ein stolzer Bauer, 55 Jahre, mit einem Gesicht, in dem die Sonne ihre Spuren hinterlassen hat. In der Nacht hat es geregnet, dick und grau hängen die Wolken am Himmel, in den Mulden und Furchen des lehmigen Weges hat sich Wasser gesammelt. "Qué suerte", murmelt Orozco: Was für ein Glück. Regen bedeutet für ihn immer noch Leben, obwohl er längst nicht mehr gut genug sieht, um selbst etwas anzubauen.