DIE ZEIT: Kaum ist in Kroatien eine neue Regierung im Amt, protestieren Intellektuelle und Künstler gegen den neuen Kulturminister Zlatko Hasanbegović. Was werfen Sie ihm vor?

Nenad Popović: Ich werfe ihm vor, dass er die verbrecherische Nazivergangenheit Kroatiens rehabilitiert, also die Ustaša-Zeit, als wir ein faschistischer Staat von Hitlers Gnaden waren. Außerdem behauptet Hasanbegović, der Antifaschismus sei eine dämliche Floskel. Tatsächlich sind der Antifaschismus und der Partisanenkampf ein wesentlicher Teil unserer Geschichte. Tito war Kroate.

ZEIT: Das ist vielleicht nur seine Privatmeinung.

Popović: Als Minister vertritt er die Republik Kroatien. Kein seriöser Menschen kann sagen: Zu Hause bin ich Rechtsradikaler, im Büro bin ich Republikaner. Das ist nicht nur in Kroatien untragbar, das ist in ganz Europa untragbar.

ZEIT: Zeigt die neue Politik schon Folgen?

Popović: Gleich an seinem ersten Arbeitstag hat Hasanbegović den Ausschuss zur Förderung unabhängiger Medien aufgelöst. Das hat die Revolte bei uns ausgelöst. Sie erfasst alle kulturellen Bereiche, also Kunst, Literatur, Oper und Theater, auch Menschen, die politisch unterschiedliche Auffassungen vertreten.

ZEIT: Warum trifft es zuerst die Künstler, die Intellektuellen und Journalisten?

Popović: Das müssten Sie die radikalen Konservativen fragen, die sich in den traditionellen europäischen Konservativismus hineingeschlichen haben. Für sie ist die Kultur der erste Feind, denn ohne eine gleichgeschaltete Kultur- und Medienszene kann man Gesellschaften nicht dirigieren. Außerdem sind Kultur und Medien ein sichtbarer und faszinierender Ausdruck dessen, was eine offene Gesellschaft sein kann. Die freie Kunst, die Wissenschaft und die Medien führen der Bevölkerung vor, wie aufregend Freiheit sein kann. Deswegen wollen die Rechten die Kultur als Erstes beseitigen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

ZEIT: Warum ist kulturelle Homogenität attraktiv?

Popović: Weil sie eine einfache Antwort für Menschen gibt, die wirtschaftlich Not leiden. Die Rechten versprechen eine homogene Kultur – sie versprechen Geborgenheit, Gemeinschaft, Heimat, Tradition, Kollegialität, Nachbarschaft. Und sie bedienen die Sehnsucht danach, gemeinsam einer Übermacht standzuhalten, wer immer die sein mag. Gleichzeitig werden innere Feinde produziert: Homosexuelle, Ausländer, politisch Unbequeme. Das ist pure Regression. Man will in einen Zustand zurück, den es nie gegeben hat. Nicht im alten Rom, nur in den Sümpfen, wo wir, in Tierfelle gekleidet, als Germanen oder Slawen Bären gejagt haben. Als Horden und Stämme, da waren wir homogen.

ZEIT: Ihr Minister könnte sagen, der Multikulturalismus sei auch eine homogene Veranstaltung.

Popović: Was für ein Unsinn. Wenn etwas nicht zu einer Ideologie taugt, dann ist es der Multikulturalismus. Das Problem ist eher, dass die neuen Rechten es nicht wagen, klar zu sagen, dass sie Rassisten sind. Stattdessen geben sie sich lieber als Gegner des Multikulturalismus aus. In diese Falle sollte man nicht tappen. Multikulturalismus ist Interesse plus Toleranz. Die Linken sollten stolz darauf sein, dass ihnen der Begriff zugeschrieben wird.

ZEIT: Wie kam es zum Aufstieg der Rechten?

Popović: Armut und Arbeitslosigkeit sind zweifellos die Hauptursachen dafür. Ich selbst bin erst einmal fassungslos. Warum beklatschen Leute in Sachsen brennende Asylbewerberheime? Warum marschieren 5.000 Menschen durch Zagreb und rufen den Ustaša-Gruß "Fürs Vaterland bereit" – das ist unser "Sieg Heil!"? Warum schießen junge Leute in Paris in volle Konzertsäle? Ich will mir meine private Fassungslosigkeit bewahren, wie damals, als ich die ersten Bilder der Angriffe auf Sarajevo sah und die ersten Hochhäuser einstürzten.

ZEIT: In Kroatien koalieren die Rechtskonservativen mit den Neoliberalen. Ist das Arbeitsteilung?

Popović: Zuerst hat der Neoliberalismus die Republik geschwächt. Dadurch entstand ein Vakuum, in das nun die Rechte vorstößt.

ZEIT: Was hat die EU falsch gemacht?

Popović: Die EU hat den Süden mexikanisiert. Von Portugal bis Griechenland und Rumänien hat sie einen Armutsgürtel befördert. Dass die Flüchtlinge im südeuropäischen Raum nicht aufgefangen werden können, ist eine Folge davon. Bei uns beträgt eine Rente 200, 300 Euro.

ZEIT: Wird Kroatien das neue Ungarn?

Popović: Ich fürchte, ja. Die Gleichschaltung macht große Fortschritte. Gerade las ich, man müsse jetzt nur noch das Rechtssystem knacken, dann halte man alle Hebel in der Hand. Wir sind auf dem besten Weg, Viktor Orbán nachzufolgen.