Die Mehrheit der Lehrer in Deutschland sind Frauen. © Marijan Murat/dpa

DIE ZEIT: Frau Kunter, erklären Sie uns den Lehrer von heute. Wie unterscheidet er sich von jenem, der vor 20, 40 Jahren unterrichtet hat?

Mareike Kunter: Vor 40 Jahren gab es noch einen Wissenskanon, den der Lehrer vermittelt hat, der war wichtig für die Vorbereitung auf bestimmte Berufe. Heute müssen wir uns damit abfinden, dass wir viele Berufe, die die Kinder ergreifen werden, noch nicht einmal kennen. Früher gab es Lehrpläne, heute geht es um Kompetenzen, um Fertigkeiten, nicht mehr um Auswendiglernen. Lehrer müssen Lernstörungen diagnostizieren, Förderpläne schreiben und Eltern viel stärker bei der Erziehung unterstützen.

ZEIT: Es heißt, der Lehrer müsse sich stärker professionalisieren ...

Kunter: Moment, es stört mich, dass Sie immer "der Lehrer" sagen. Inzwischen haben die Frauen in den Lehrerzimmern die Mehrheit, und zwar an allen Schulformen.

ZEIT: Richtig. Auch immer mehr Migranten entscheiden sich für den Lehrerberuf. Wie wirken sich diese Veränderungen aus?

Kunter: Aus anderen Berufsfeldern ist bekannt, dass Frauen besser kooperieren, und Frauen als Schulleiterinnen könnten auch einen anderen Führungsstil an die Schulen bringen. Insgesamt wird die Lehrerschaft bunter und vielseitiger. Das sehe ich an meinen Studierenden, die sehr heterogen sind, was Herkunft und Fähigkeiten betrifft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

ZEIT: Noch ein Grund mehr, auf eine stärkere Professionalisierung des Berufs zu achten, was heißt das nun genau?

Kunter: Lehrer sollten Entscheidungen möglichst wenig aus dem Bauch heraus treffen, sondern genügend pädagogisches Fachwissen besitzen, um professionell zu handeln und sich selbst stärker zu reflektieren.

ZEIT: Lässt sich Lehrern das beibringen?

Kunter: Das ist nicht leicht. Lehrer haben in ihrem Beruf wenig Begleitung. Anders als Psychologen, die Supervision bekommen, oder Ärzte, die eine Weiterbildungspflicht haben. Wenn Lehrer mit ihrer Ausbildung fertig sind, erfahren sie im Alltag keine strukturell verankerte Unterstützung mehr. Es bleibt dem Einzelnen überlassen, seine Defizite zu erkennen und etwas dagegen zu tun.

ZEIT: Schulen werden immer mehr beobachtet und vermessen. Es gibt Vergleichsarbeiten, Inspektionen. Der einzelne Lehrer aber wird selten kritisiert.

Kunter: Lehrer sollten eine gewisse Gestaltungsfreiheit haben, man sollte ihnen vertrauen, dass sie ihre Arbeit richtig machen. Bei Ärzten steht auch keiner daneben und kontrolliert, was sie tun. Unterricht ist keine technische Angelegenheit, für die es eine bestimmte Lösung gibt. Man muss schnell handeln, viele Situationen verarbeiten, und meist gibt es nicht den einen klaren Weg. Trotzdem wäre eine gewisse Steuerung sinnvoll. Es ist absolut nicht zeitgemäß, dass wir keine systematische Weiterbildungskultur haben.

ZEIT: Sollte man die Eignung angehender Lehrer testen?

Kunter: Nein. Ich glaube nicht, dass man an einem 18-jährigen Abiturienten feststellen kann, ob er ein guter Lehrer wird oder nicht. Sicher gibt es besondere Talente; und auf keinen Fall sollte ein Sozialphobiker Lehrer werden. Aber den geborenen Erzieher gibt es nicht. Das würde ja auch die gesamte Ausbildung überflüssig machen.

ZEIT: Es werden nicht die Falschen Lehrer?

Kunter: Die meisten Lehramtsstudierenden haben eine hohe soziale Motivation. Etwas Besseres kann man sich doch gar nicht wünschen. Und übrigens zeigen Studien, dass die Mehrheit der Lehrer nicht belastet und erschöpft ist, sondern erfüllt und voll Freude im Beruf steht. Der "Lehrer am Limit" ist eine Randerscheinung.

Mareike Kunter ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Universität Frankfurt am Main