Los Angeles ist das neue Berlin. Und damit ist nicht gemeint, dass es selbst hier, in der Sonnenstadt L.A., gelegentlich regnet, letzte Woche sogar bei fiesen sechs Grad. Gemeint ist die Verlockung, die Los Angeles derzeit auf Künstler ausübt. Längst Etablierte wie Jeff Wall oder Thomas Demand sind kürzlich nach Kalifornien gezogen, aber vor allem auch Hundertschaften junger Künstler. In den vergangenen Jahren strömten sie aus aller Welt vorzugsweise noch nach Berlin, nun drängt es viele von ihnen an den Pazifikstrand. Hier ist das Licht heller, hier ist es – normalerweise – das ganze Jahr über warm, und man kann das Meer rauschen hören, wenn man im richtigen Stadtteil wohnt. Die Filmemacher und die Musiker wussten das schon lange. Jetzt folgen die Künstler und anderen Teile der sogenannten kreativen Klasse, aus New York ziehen ganze Heerscharen gen Westen, von der New Yorker Presse argwöhnisch beobachtet.

Manhattan sei zum Ghetto für die Reichen mutiert, sagen auch die jungen, von New York über Berlin in einen – noch – gänzlich unglamourösen Teil von Hollywood gezogenen Galeristen Alex Freedman und Robbie Fitzpatrick: Selbst in den schlechteren Gegenden von Brooklyn und New Jersey könne man sich als junger Künstler kein Atelier mehr leisten. In Los Angeles hingegen sei das Leben viel entspannter, man lebe mit der Sonne, es gebe viel Platz, die Wohnungen und Ateliers seien erschwinglich.

Und die Stadt ist auch kunsthistorisch gesehen ein offenes Terrain. Anders als in Berlin oder auch New York entstanden hier erst seit den sechziger Jahren die Museen und Kunstakademien, die heute ihre Kraft voll entfalten. Das Getty Center betreibt eine der größten kunsthistorischen Forschungsinstitute, die Kunstschulen gehören zur Weltelite, Häuser wie das Los Angeles County Museum of Art (LACMA), das Museum of Contemporary Art (MOCA) oder das vor wenigen Monaten neu eröffnete Privatmuseum The Broad trumpfen mit großen Sammlungen auf. Vor wenigen Jahren feierten sie alle zusammen die Kunst der Stadt mit einer konzertierten Ausstellungsserie unter dem Titel Pacific Standard Time und verschafften damit der Szene ein neues Selbstbewusstsein. Die Vergangenheit ist fresh in Los Angeles. Und die Stadt noch voll jener voids und Brachen, die in New York schon vor Jahrzehnten und in Berlin erst in jüngster Zeit verschwunden sind. Die Künstler erobern sich diese Leerstellen und vergessenen Stadtteile, eröffnen hier ihre Ateliers und Apartment-Galerien – und erfinden sich neu.

In New York interessiert man sich vor allem für Geldfragen. Hier zählen Inhalte

Jetzt folgen ihnen die großen Galerien mit dem richtigen Gespür. Anfang dieser Woche eröffneten am Wilshire Boulevard gleich gegenüber dem LACMA die deutschen Galeristinnen Monika Sprüth und Philomene Magers eine beeindruckende Dependance ihrer bisher in Berlin und London angesiedelten Galerie. In einem wahrlich kalifornisch anmutenden Kubus aus weißem Beton und dunklem Glas samt vorgelagertem reflecting pool und Palmen an der Straße zeigen die beiden wohl erfolgreichsten Galeristinnen der Welt zur Premiere neue Gemälde von John Baldessari (in Absprache mit dessen New Yorker Galerie Marian Goodman): Die Werke sind in seiner bewährten Manier entstanden, er hat gefundene Fotovorlagen auf die Leinwand übertragen, einzelne Stellen mit leuchtenden, planen Farben koloriert und die Bilder dann scheinbar willkürlich mit einzelnen Halbsätzen aus Drehbüchern versehen (die Preise der Bilder befinden sich im unteren bis mittleren sechsstelligen Dollar-Bereich). Der 84-jährige Baldessari gilt als der Großmeister der hiesigen Kunstszene, Generationen von Künstlern hat er an den Akademien ausgebildet, mit der deutschen Galerie arbeitet er schon seit drei Jahrzehnten zusammen. "Es ist ein großes Ding, dass jetzt Galerien wie Sprüth Magers in die Stadt kommen. Auch junge Künstler werden dadurch die Möglichkeit einer Ausstellung bekommen, das ist fantastisch."

Sein Atelier hat sich Baldessari in Venice bauen lassen, nur wenige Blocks vom Meer entfernt. Barfuß führt der gut zwei Meter große Mann mit dem schlohweißen Haar und Bart durch die Räume. Wie erklärt er die Anziehungskraft der Stadt gerade für die jungen Künstler? "Anders als in New York trifft man hier auf der Straße nicht ständig auf andere Künstler, man kann sich auf seine Arbeit konzentrieren. Und es gibt keinen Schnee. Das Leben hier ist so angenehm, dass man die Schwierigkeiten und Stolperfallen in sein Werk förmlich einbauen muss."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

"I will not make any more boring art", hatte Baldessari 1971 wie ein zur Strafarbeit verdonnerter Schüler mehr als ein Dutzend Mal auf ein Blatt Papier geschrieben. Der Schriftzug ziert jetzt auch wie ein guter Vorsatz die Fensterscheiben der neuen Galerieräume. Neben Baldessari kommt eine ganze Reihe weiterer von Sprüth Magers vertretener Künstler aus L.A., Barbara Kruger etwa, die mit ihren konsumkritischen Collagen berühmt geworden ist – und die vor ein paar Jahren auch den Anstoß zu der Galerie-Dependance in Los Angeles gab. "Uns war schon länger bewusst", sagt Philomene Magers, "dass wir eine Filiale in den USA brauchten, um unsere Künstler gut vertreten zu können. Als engagierte Programmgalerie unterstützen wir unsere Künstler ja nicht nur als Händler, sondern in allen Fragen der künstlerischen Produktion und Ausstellungsvorbereitung. Wir organisieren die LEDs für die Arbeiten von Jenny Holzer, wir helfen Ryan Trecartin beim Bau von Museumsausstellungen. Da hilft die geografische Nähe."