Vor einigen Wochen hat Roland Smolka einen Brief gefunden, der die Wahrheit ans Licht bringe, sagt er, einen Brief aus dem Jahr 1960, geschrieben von seinem Bruder Manfred aus der Haftanstalt Erfurt.

Roland Smolka ist 73 Jahre alt, sein älterer Bruder Manfred wurde nicht einmal 30. Er starb im Sommer 1960 unter einem Fallbeil in Leipzig. Hingerichtet vom SED-Regime.

Seinen Brief, der nie ankam, hatten Mitarbeiter der Staatssicherheit abgefangen. Jahrzehntelang lag er irgendwo verborgen im Stasi-Archiv, nun liegt er vor Roland Smolka auf dem Tisch.

"Ich bin zum Tode verurteilt. Beschuldigung und Begründung des Urteils sind eine einzige Lüge. Verleumdung und Verdrehung der wahren Tatsachen. Ich kann hundertfach beweisen, dass ich unschuldig bin und darf es nicht. Ich durfte keine Zeugen und kein Beweismaterial erbringen. Gegen mich wurden Zeugen ins Feld geführt, die ich noch nie gesehen habe. (...) Ich saß in einem Keller ohne Tageslicht circa 6 Monate, die Behandlung war furchtbar. Es ist vorgekommen, dass Leute gestorben sind ohne ärztliche Hilfe. Ich bitte meine Mutter und mein Kind, als Zeuge in Westdeutschland aufzutreten zur Klärung meines Falles. Ich bitte die Menschen der Bundesrepublik um Hilfe."

Wer nach Argumenten dafür sucht, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, der kann sich den Fall Manfred Smolkas ansehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 10 vom 25.2.2016.

Smolka war eigentlich ein zuverlässiger DDR-Polizist gewesen, eingesetzt an der Grenze zu Bayern. Auch der SED trat er bei, denn er glaubte an den sozialistischen Neuanfang. Aber Ende der fünfziger Jahre änderte sich etwas. Smolka bekam Befehle, mit denen er nicht einverstanden war. Am 17. Juni 1958 zum Beispiel, fünf Jahre nach dem niedergeschlagenen DDR-Volksaufstand, sollte er Bauern in Grenznähe verbieten, ihre Felder zu betreten. Smolka aber ließ sie gewähren. Und als er daher zu seinem Vorgesetzten zitiert wurde, widersprach Smolka, zog seine Uniformjacke aus und warf sie zu Boden. Die Grenzpolizei entließ ihn, kurz danach besuchte er seine Mutter und den kleinen Bruder Roland zum letzten Mal. Dann floh Smolka in die Bundesrepublik, die Mauer stand noch nicht. Seine Frau Waltraud wollte später nachkommen, mit der neun Jahre alten Tochter. "Zu dem Zeitpunkt hätte alles gut werden können", sagt Roland Smolka heute. "Wäre da nicht der Renn gewesen."

Denn Fritz Renn, ein ehemaliger Kollege Smolkas, nahm Kontakt zu dessen Frau Waltraud auf: Er, Renn, wolle fliehen, sagte er. Ob sie sich ihm nicht anschließen wolle? Auch Manfred Smolka wurde über den Plan informiert, er sollte die Flüchtenden an der grünen Grenze abholen. Aber Renn handelte im Auftrag der Staatssicherheit. In der Nacht, in der Smolka auf Frau und Tochter zuging, um sie abzuholen, schossen ihn Stasi-Leute nieder und nahmen ihn und seine Frau fest.

Im Prozess wurde Smolka schließlich Spionage für westliche Geheimdienste vorgeworfen. "Man hat diesen Vorwurf konstruiert", sagt dazu der Jurist Hans-Jürgen Grasemann, der jahrelang Sprecher der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter war. Dort wurden Fälle politischen motivierten Unrechts in der DDR gesammelt. Tatsächlich wurde Smolkas Schicksal schon Monate vor der eigentlichen Verhandlung entschieden; er solle – "aus erzieherischen Gründen" – zum Tode verurteilt werden, heißt es in einem Stasi-Vermerk. DDR-Justizministerin Hilde Benjamin und ZK-Sekretär Erich Honecker nickten das Urteil im Politbüro ab. Vom Prozess selbst drang damals nichts nach außen. "Meine Mutter stand vor der Tür des Gerichtes und wurde weggejagt", sagt Roland Smolka. Teilnehmen durften – nein: mussten – Dutzende Offiziere der Grenzpolizei. Ihnen sollte vorgeführt werden, was passiert, wenn einer Widerstand leistet.

"Meine liebe Muttel! Ich warte schon so lange auf eine Nachricht von dir. Warum schreibst du mir nicht, warum kommst du mich nicht mal besuchen?" Auch das hatte Manfred Smolka geschrieben. Auch dieser Brief sollte erst auftauchen, als die DDR unterging. 1990 begann für die Familie Smolka eine Zeit der Offenbarung: Jetzt durfte sie die Prozessakten sehen, jetzt erst erfuhr sie, was wirklich geschehen war. Die Smolkas begannen einen jahrelangen Kampf: darum, das Erbe Manfred Smolkas zu bewahren. Aber irgendwann gaben alle Familienmitglieder erschöpft auf. Alle außer Roland Smolka. Obwohl auch er so wirkt, als sei er des Redens müde geworden. Als sei von seiner Energie vor allem Verzweiflung übrig. Als habe er sich einer Lebensaufgabe angenommen, die ihn gleichzeitig zur Aufgabe seines Lebens zwingt. "Ich habe gelebt, aber auch nicht", sagt er. "Doch wie es mir ergangen ist, das ist uninteressant. Mein Bruder durfte nicht zu Wort kommen. Deswegen mache ich das für ihn."

Wie schwer Aufarbeitung sein kann, zeigt dieser Fall. Weil sich Opfer und Angehörige nach etwas sehnen, wozu das vereinigte Deutschland – mindestens im Fall Smolka – nicht imstande war.

Und das ist, erstens, Gerechtigkeit vor Gericht.

Am 29. Januar 1990 stellten die Smolkas einen Antrag auf Rehabilitierung. Sie machten den Fall publik und drängten darauf, Erich Honecker zur Verantwortung zu ziehen. Tatsächlich stellten sie Strafanzeige gegen ihn wegen gemeinschaftlicher Anstiftung zum Totschlag und wegen Rechtsbeugung. Aber Honecker durfte am 14. Januar 1993 nach Chile ausreisen – wenige Stunden bevor Manfred Smolka offiziell rehabilitiert wurde.