Medizinstudenten könnten sich glücklich schätzen. Die Durchfallquoten sind äußerst gering und die Aussichten, nach dem Studium eine Stelle zu erhalten, exzellent. Es könnte also eine entspannte Sicht auf den Studienalltag vorherrschen – theoretisch.

Stattdessen beobachten wir bei unseren Studenten eine Fokussierung auf das (überdurchschnittliche) Bestehen von Fachprüfungen. Inhalte, deren "Nutzen" für das Bestehen von Klausuren nicht gleich erkennbar ist, interessieren weniger. So ist es möglich, "sehr erfolgreich ein Studium abzuschließen, ohne auch nur ein einziges Mal das Glück einer Erkenntnis verspürt zu haben" (ZEIT Nr. 47/15). Außerdem zeigen Untersuchungen, dass viele Studierende – auch anderer Studiengänge – Anzeichen psychischer und körperlicher Erschöpfung aufweisen. Warum ist das Studium nicht (mehr) die schönste Zeit des Lebens und kann sogar krank machen? Wir glauben, dass die Hauptursache in der unguten Dominanz von Kosten-Nutzen-Betrachtungen liegt.

Diese beginnen bereits in der Schule. Um die Chance auf einen begehrten Studienplatz zu haben, muss das Abitur hervorragend sein, beispielsweise durch das Belegen der "richtigen" Fächer und nicht der, die am meisten interessieren. Dieses Verhalten wird jahrelang eingeübt. Umso schwerer ist dann der Übergang vom schulischen System zum selbstverantwortlichen Lernen an der Universität. Der Kosten-Nutzen-Imperativ prägt aber auch die Atmosphäre im gesamten Uni-Betrieb. So ist eine zunehmende unternehmerische Haltung im Hinblick auf die Organisation von Forschung und Lehre zu beobachten, die dem universitären System bislang fremd war. Für das Medizinstudium gilt zusätzlich, dass wesentliche Anteile im Krankenhaus stattfinden. Statt sich ausschließlich am Wohl des Patienten zu orientieren, dominiert auch hier das Kosten-Nutzen-Denken: Nicht selten werden Untersuchungen danach ausgesucht, wie viel das Krankenhaus damit verdient.

Was bedeutet dies alles für die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses? Kürzlich forderte ZEIT-Redakteur Harro Albrecht, es sei "Zeit für einen neuen Eid", der die "Grundprinzipien guten ärztlichen Handelns" wieder in das Bewusstsein der angehenden Ärzte rücke (ZEIT Nr. 46/15). Aber kann ein nachträglicher Schwur die kontinuierliche Ausbildung in einer am Kosten-Nutzen-Denken orientierten Umgebung neutralisieren? Aus unserer Sicht müssen vielmehr die medizinischen Fakultäten von Studienbeginn an einen "Möglichkeitsraum" zur kontinuierlichen Entwicklung einer ärztlichen Grundhaltung schaffen. Dabei kommt es darauf an, Effizienz nicht auf Kosten des Studierens durchzusetzen und das Studieren nicht auf Kosten der Gesundheit zu betreiben. Vor allem sollte an der Universität eine Atmosphäre des Förderns und Forderns auf Augenhöhe herrschen. Wenn für Studenten das Ziel des Studiums "Klausuren bestehen" ist, dann ist das in etwa so, als würde man auf die Frage nach dem Sinn des Lebens antworten: Sterben. Studenten sollten in Prüfungen nicht wie in der Schule ein gefürchtetes Kontrollinstrument sehen, bei dem es darum geht, mit allen Mitteln die beste Note zu ergattern. Vielmehr sollten sie als Feedback verstanden werden, das zeigt, ob sich eigener Anspruch und Realität decken.

In dieser Rubrik beantworten Wissenschaftler Fragen, die sie schon lange umtreiben.