Brennendes Asylbewerberheim in Bautzen – da wird munter applaudiert. © imago/xcitepress

Wer erklären will, warum der Osten, warum Ostdeutschland, Ungarn, Polen und Tschechien so empfindlich und so menschenverachtend auf Fremde reagieren, muss zurückblicken. Es muss kurz vor unserer Ausreise nach Deutschland gewesen sein, 1980 oder 1981, dass mein Vater mit mir, dem Fünf- oder Sechsjährigen, einen Spaziergang am Rande unserer Wohnblocksiedlung im polnischen Toruń machte und auf eine stillgelegte Baustelle zeigte. Dort sollte ein Hallenbad entstehen, aber offensichtlich fehlte es an Material und Willen, das Bauwerk zu vollenden. Vor vielen Jahren war nur das Becken fertiggestellt worden, nun wuchs darin so viel Unkraut wie heute auf dem Berliner Hauptstadtflughafen. Wenige Monate später zogen wir resigniert aus dem Land, offiziell als Spätaussiedler (wegen der Herkunft meiner Mutter), aber natürlich lag es vor allem an der Perspektivlosigkeit, die man angesichts von halb errichteten Schwimmbädern, unsanierten Straßen und Versorgungsengpässen empfand.

Es muss einige Jahre später gewesen sein, Mitte der Achtziger in Ostróda, einer malerisch gelegenen Stadt an der Eylauer Seenplatte, dass ich mit meinen Eltern in einem neu eröffneten Restaurant saß. Wir waren aus dem Westen zu Besuch gekommen. Das Restaurant befand sich in einem kleinen Einkaufszentrum. Wir bestellten mittags polnische Gerichte, die den Nachteil hatten, dass als Beilage Salzkartoffeln vorgesehen waren. Die Bedienung, eine eifrige, leicht nervöse Frau, erklärte nach einer Stunde Wartezeit, dass man auf eine Lieferung Kartoffeln warte. Man wisse nicht, wann sie ankomme und ob noch heute. Woraufhin ein älterer Gast vom Nebentisch sich mit Umständlichkeit erhob. Er war betrunken, wankte leicht und schimpfte mit seinen Goldzähnen sehr laut über den Sozialismus im Allgemeinen – und zwar unter Verwendung des vulgären Wortschatzes der in dieser Hinsicht überaus reichen polnischen Sprache.

Das sind Geschichten, die man mehr oder weniger ähnlich auch aus Ostdeutschland kennt – und die Westdeutschen und andere Westler hatten aus ihnen geschlossen, dass die Leute im Osten drei Dinge zum Glück brauchten. Zum einen: westliche Klamotten, westliche Währung, westliche Speisen. Zum anderen: Reisefreiheit wie im Westen. Und drittens: Meinungsfreiheit und Demokratie wie im Westen. Die Meinungsfreiheit hatte man in den Achtzigern bereits im Alltag erprobt, im ewigen und unerschrockenen Geschimpfe auf die Mangelwirtschaft, bis die sozialistischen Länder schließlich zusammenbrachen. Für viele im Westen war das überraschend. Aber ich erinnere mich noch an die Gesichter meiner Eltern: Dass man Mitte der Achtziger völlig gefahrlos in der Öffentlichkeit über den Sozialismus herziehen konnte, erschien ihnen bedeutsam. Das zeigte ihnen den baldigen Untergang an.

Der Osten litt am Mangel – und am Überfluss der Menschheitsbeglückung

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Aus den kleinen, schließlich gewaltigen Protesten gegen die Machthaber des Ostens entfaltete sich jene kohlhaassche Gewissheit, dass man sich nicht alles gefallen lassen müsse. Dass Obrigkeiten einem nur so lange auf der Nase herumtanzen können, bis man sich wehrt. Die heutige Ausländerfeindlichkeit in Polen, Ungarn und Ostdeutschland ist dem antikommunistischen Widerstandsgeist verwandt. Mehr noch: Sie ist eine üble und vielleicht nur leicht verzerrte Fortschreibung desselben. Es ist natürlich kein Widerspruch, dass der kleingeistige, klerikale Parteiführer Jarosław Kaczyński der Solidarność entsprang. Es waren eben nicht nur der Mangel an westlichen Konsumgütern, der Mangel an Reise- und Redefreiheit, die einem im Osten ungeheuer auf die Nerven gingen. Sondern auch die zwanghafte Rhetorik der Menschheitsbeglückung, der kommunistischen Utopie, des Antifaschismus, die einem in Schulen, in Betrieben und in den Medien rund um die Uhr begegnete. Man wittert heute in der Begeisterung für internationale Solidarität, für Flüchtlinge, für veganes Essen und Conchita Wurst einen Wiederaufguss des Elitensprechs der kommunistischen Kader, von dem man sich befreit hatte.

Der Internationalismus überzeugte die Ostdeutschen nicht. Auch nicht die Polen und auch nicht die Ungarn. Die Lebensbezüge waren klein und eng, und die Züge im Land fuhren schneckenlangsam. Die Kleinbürgerlichkeit und Bäuerlichkeit dieser maroden und ausgebluteten Nachkriegsländer passte einfach nicht zur gewaltigen Sprache von Marx und Lenin. Man kam mit Mühe ins nächste Dorf, aber es sollte die Menschheit befreit werden. Der Homo sovieticus, der alle spießigen, ethnischen, auch religiösen Bezüge hinter sich lassen wollte, erschien ungefähr so dekadent, wie es das Klischee von der Kapitalistenzigarre oder dem frivolen Nachtleben in Paris behauptete. Von den Kolchosen- und Kommunalka-Experimenten in der Sowjetunion abgesehen, konservierte der Sozialismus den Mief und die anheimelnde Wärme ärmlicher Vorkriegszeiten: Es gab das Großfamilienkollektiv auf den Dörfern ebenso wie das provinzielle, in Polen zudem stark religiös geprägte Kleinfamilienidyll in den winzigen Wohnungen der Städte und den Schrebergärten. Verpönt war alles Weltläufige. Es zeigte sich, wenn überhaupt, ohnehin nur ganz am Rande der Gesellschaft: im Gewand der verspotteten Kaderfestlichkeiten mit Krimsekt, in den bildungsbürgerlichen Nischen Dresdens (die man nachträglich viel zu sehr aufbauschte), in den vom Staat privilegierten Künstlerkreisen Ost-Berlins.

Die Satellitenstaaten im Osten (nicht die Sowjetunion) waren ethnisch zumeist homogen und hatten mit der internationalistischen Ideologie rein gar nichts am Hut, leider auch recht wenig mit den alten adligen oder großbürgerlichen Sinnbezügen, die aus unterschiedlichen Gründen verloren gegangen waren. Zwar waren die Oppositionsbewegungen des Ostens um 1989 vielfältig in ihren Programmen. Aber getragen wurde der Umsturz aus Sicht theoriefester Kommunisten letztlich von konterrevolutionärer Absicht. Vielleicht zeigt sich jetzt, dass die Kommunisten mit dieser Einschätzung nicht ganz falsch lagen. Es gab ja zur Verblüffung und Erschütterung der Machthaber den neuen, den antirassistischen und antifaschistischen Menschen nicht, trotz jahrzehntelanger Propaganda und Erziehung. Stattdessen zeigte sich auf den Straßen der Kleinbürger, den kein hehres Ideal, dafür aber die national beseelte Raffgier antrieb. Er schrie: Wir sind das (oder ein) Volk und wollen die D-Mark. Er schrie nicht: Wir sind ein Einwanderungsland und freuen uns auf Migranten. Das mal ganz gewiss nicht. Und das ist auch nach 25 Jahren Einheit in vielen Regionen des Ostens nicht anders. Schon weil familiäre Prägungen tief greifender sind als jede Staatsdoktrin.

Viele Sachsen sind den Polen, Tschechen und Ungarn näher als den Westdeutschen. Der Unterschied liegt vor allem in der Repräsentationsmöglichkeit der Moderne- und Globalisierungskritik, die sie antreibt. Während in Polen und Ungarn heute nationalistische Parteien das Land prägen, entfaltet sich in Ostdeutschland mit Pegida eine außerparlamentarische Opposition. Da die etablierten Parteien Westdeutschlands vorerst stark genug sein dürften, eine Regierungsbeteiligung der AfD zu verhindern, geht man eben auf die Straße.

Der Internationalismus galt als realitätsferne Doktrin – und das soll er bleiben

Die ehemaligen Staaten des Ostblocks und die neuen Bundesländer teilen die Erfahrung, dass ihnen nach der Wende abermals die besonders Talentierten und Karrierefreudigen abhandenkamen. Vielleicht muss man daran erinnern, dass die BRD ein sozialistisches Land in sich aufgenommen und noch längst nicht ganz verdaut hat. Sowohl in den Ostblockstaaten mitsamt der DDR als auch im Westen gab es einen Internationalismus. Im kapitalistischen Westen war er durch Zuwanderungswellen, durch marktwirtschaftliche Waren- und Menschenströme Realität geworden. Im Osten war der Internationalismus eine Doktrin ohne Entsprechung in der Wirklichkeit. Die Fremdenfeinde meinen heute, er solle weiterhin eine realitätsferne Doktrin bleiben. Und zwar egal, welche Medienelite oder Politikerkaste ihn auch immer propagiert: Die lügen doch eh. Der Hass auf den Kommunismus hatte immer auch etwas mit dem Hass auf den freien Westen gemein. Auch dies gehört zum langen 20. Jahrhundert, das noch längst nicht abgeklungen ist.

Viele der alten polnischen Bekannten meiner Eltern sind heute glühende Anhänger der nationalistischen und fremdenfeindlichen Politik von Kaczyński. Sie gehörten zu den entschiedensten Gegnern der kommunistischen Gewaltherrschaft.