In diesen Tagen ergeht es Guido Schulz wie einem Politiker am Wahlabend. Wenn die ersten Zahlen eintreffen, zeigt sich, ob Schulz einen Sieg feiern kann – oder ob er eine Niederlage verkraften muss. Ende Februar erfährt der Leiter der Albrecht-von-Graefe-Schule in Berlin-Kreuzberg, wie viele Eltern ihre Kinder für das neue Schuljahr bei ihm angemeldet haben. Er hofft, dass es mehr sind als im Jahr zuvor. Dass sich draußen herumgesprochen hat, wie viel im Innern seiner Schule anders ist als früher.

Sieben Jahre ist es her, da wurde die Schule geschlossen. Lehrer und Schulverwaltung hatten resigniert. Keiner bekam die schwierigen Schüler in den Griff. Dann, vor fünfeinhalb Jahren, die Wiedereröffnung als kombinierte Haupt- und Realschule, in Berlin Sekundarschule genannt. Wieder waren die Anmeldezahlen niedrig. Es kamen vor allem Schüler, die anderswo keiner haben wollte. Migrantenkinder, Störenfriede, Schüler, die an der Grundschule nur schlechte Noten hatten.

Guido Schulz fasste einen Entschluss: Bei ihm wird niemand mehr alleingelassen, weder Schüler noch Lehrer. An der Albrecht-von-Graefe-Schule hat eine kleine Revolution begonnen. Noch zeigt sie sich unscheinbar. Zum Beispiel dann, wenn zwei Lehrer in eine Klasse gehen, um zu unterrichten. Zu zweit, gemeinsam. Im Team. Für Lehrer sind das große Worte.

Denn Lehrer – das sind doch eigentlich Individualisten. Alleinarbeiter, Einzelgänger, Einzelkämpfer. Das sind Menschen, die mit dem letzten Gong fluchtartig die Schule verlassen. Die, frustriert von ihren Schülern, nur für die nächsten Ferien leben. Die so wenig arbeiten wie kaum jemand sonst und trotzdem mit 50 ausgebrannt sind. Oder nicht?

Wirklich gestimmt haben diese Klischees schon früher nicht. Aber nie waren sie so falsch wie heute. Denn in den vergangenen Jahren hat sich der Lehrerberuf so stark verändert wie selten zuvor, und die Lehrer selbst verändern sich auch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Eine neue Studie, die der ZEIT vorab vorlag, gibt nun einen tiefen Einblick in den Alltag deutscher Pädagogen – der Menschen, die den wohl wichtigsten Berufs des Landes haben, schürfen sie doch den einzigen Rohstoff, den Deutschland hat: Bildung. Die Autoren der Studie Lehrerkooperation in Deutschland, die Bildungsforscher Hans Anand Pant von der Berliner Humboldt-Universität und Dirk Richter von der Universität Wuppertal, haben mehr als tausend Lehrer zu ihrer Arbeit und ihrem Selbstbild befragt. Die Studie erscheint zum International Summit on the Teaching Profession, dem "Weltlehrergipfel", der in der kommenden Woche in Berlin beginnt und erstmals in Deutschland stattfindet. Vier Stiftungen haben die Studie in Auftrag gegeben (siehe unten).

Erste Erkenntnis der Untersuchung: Lehrer arbeiten nicht mehr, aber auch nicht weniger als andere Akademiker. Im Schnitt arbeiten Pädagogen nach eigenen Angaben pro Woche 45,8 Stunden: Sie stehen vor der Klasse, bereiten ihren Unterricht vor, Konzipieren und Korrigieren Hausaufgaben und Klausuren. Zieht man die zusätzlichen Ferien ab, kommt man auf eine Wochenarbeitszeit von rund 38 Stunden, vergleichbar mit der durchschnittlichen Arbeitszeit von Ingenieuren, Juristen oder Beamten im höheren Dienst. Der typische deutsche Lehrer scheint weder besonders faul zu sein – noch kann er über übermenschliche Belastungen klagen.

Zweite Erkenntnis: Im Lehrerzimmer gibt es nicht mehr gestresste und frustrierte Menschen als im Durchschnittsbüro. Im Gegenteil, die große Mehrheit der Pädagogen unterrichtet gern, glaubt an die eigenen Fähigkeiten und ist weit davon entfernt, (innerlich) zu kündigen. Lediglich sechs Prozent der Lehrkräfte klagen über extreme Erschöpfung, nur zwei Prozent haben das Gefühl, ihrer Aufgabe nicht gerecht zu werden. Dafür empfinden nicht weniger als vier von fünf Befragten "hohen Enthusiasmus" beim Unterrichten. Nur jeder hundertste Pädagoge steht ungern vor der Klasse.

Das wichtigste Resultat der Untersuchung aber betrifft die Kooperation zwischen den Lehrkräften. In der Arbeitswelt außerhalb der Schulen ist es längst üblich, dass Kollegen eng zusammenarbeiten. Ob Chef oder kleiner Angestellter: Wer im Bewerbungsgespräch gesteht, er mache lieber sein eigenes Ding, hat keine Chance. Man muss heute "teamfähig" sein und Verantwortung für das Ganze tragen.