Kohlearbeiter in Yorkshire, England: Der Kohlepreis ist so niedrig wie schon lange nicht mehr © Reuters

Keine 15 Monate ist es her, da war Gregory Boyce noch ein Superstar der globalen Energiewirtschaft. Der Branchendienst Platts erkor den Chef des weltgrößten privaten Kohleförderers Peabody zum "CEO des Jahres 2014" und seinen amerikanischen Konzern zum Branchenprimus. Just da gingen sie zu Ende, die fetten Jahre, in denen Boyce orakelte, der Kohlemarkt sei erst in der "frühen Phase eines Superzyklus". In denen Investoren sich um Aktien und Anleihen von Peabody rissen. In denen sie Boyce Milliarden anvertrauten für gewaltige Minenprojekte und die Übernahme des Wettbewerbers Macarthur Coal.

Heute müssen die Kapitalgeber fürchten, dass sie ihr Geld nie wiedersehen. Boyce ist abgetreten, Peabody schreibt hohe Verluste. Statt mehr als 20 Milliarden Dollar ist das Unternehmen an der Börse heute keine 50 Millionen mehr wert, Boyce’ Nachfolger verhandelt mit den Gläubigern über eine Stundung der Schulden. Peabody kämpft ums Überleben.

Die Märkte für Kreditausfallversicherungen beziffern das Insolvenzrisiko auf sagenhafte 94 Prozent. Peabody wäre nicht das erste Opfer. Alpha Natural Resources, Patriot, Walter Energy, Arch Coal: Vier amerikanische Kohlemultis haben seit dem Sommer schon ihren Bankrott erklärt. Fast die gesamte Kohleindustrie der Vereinigten Staaten steht am Rande der Pleite – und mit ihr Hunderte Rohstoff- und Energieunternehmen weltweit.

Auch in der Kupfer-, Öl- oder Erdgasbranche lässt der Preisabsturz die Produzenten um ihre Existenz bangen, Mitarbeiter um ihre Arbeitsplätze, Gläubiger um ihr Geld. So groß sind die Verwerfungen, dass sich in der Bankenwelt Angst breitmacht vor einer neuen globalen Finanzkrise. Erst kürzlich warnte der Ökonom und Finanzexperte Nassim Taleb, einer der wenigen, die die Krise von 2008 vorhersahen: Wenn es einen zweiten Fall Lehman Brothers gebe, "dann wird er wahrscheinlich von Rohstoffkonzernen und rohstoffabhängigen Ländern ausgehen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Billige Rohstoffe sind ebenso wichtig für die Wirtschaft, wie billige Energie es ist. So lautete einst das Mantra der Industrieländer des Westens. Sinkende Materialkosten bedeuteten sinkende Verbraucherpreise. Billiges Benzin hieß mehr Kaufkraft, mehr Konsum, mehr Wachstum. Ölpreise von 40, 35 oder 30 Dollar pro Fass (159 Liter) sollten demnach die Börsen euphorisieren. Tatsächlich geschieht nun das Gegenteil, auch wenn es vergangene Woche mal wieder gut lief an den Finanzmärkten. Der Rohstoff-Crash löst immer wieder Abstürze an den Börsen aus.

Kein Wunder, unter Händlern macht das Bild einer Kettenreaktion die Runde, die aussehen könnte wie vor acht Jahren, als Banken die wackeligen Hypotheken der Subprime-Schuldner weltweit als vermeintlich sichere Anlageprodukte vertrieben, ihre eigenen Portfolios damit vollpumpten und selbst ins Taumeln gerieten. Als schließlich ganze Länder vom Staatsbankrott bedroht waren.