Ein syrisches Mädchen in einem Bus, der sie aus Aleppo weg von den Bomben und Kämpfen in der Stadt in die Türkei in Sicherheit bringen soll. © Ammar Abdullah/Reuters

Der "Russlandversteher" ist ein vertrautes Geschöpf. Der Alte Fritz hat mit den Russen paktiert, dito Bismarck, Rathenau, Stresemann und Adolf. "Nie den Draht nach St. Petersburg abreißen lassen" – diese Bismarck-Maxime gehört in jedes Leitartikel-Repertoire. "Reden, nicht reizen" könnte über dem Portal des Auswärtigen Amtes stehen. Dass der Ostausschuss der deutschen Wirtschaft gut Wetter macht, versteht sich von selber.

Der Russlandfreund steht manchmal links, noch lieber rechts. Ein AfD-Papier doziert, Deutschland habe "kein Interesse an einer weiteren Schwächung Russlands", das Verhältnis bedürfe "sorgfältiger Pflege", habe doch Russland "an entscheidenden Wegmarken" den "guten Paten" gespielt. Nur ging es Europa überhaupt nicht gut, wenn Deutsche und Russen einander zu lieb waren. Man denke an die drei polnischen Teilungen, den Hitler-Stalin-Pakt, der die vierte besiegelte und den Zweiten Weltkrieg entfesselte.

"Sorgfältige Pflege" rundum ist ein nützliches Gebot für das Land in der Mitte. Doch kurz ist der Schritt zum Appeasement, wenn der andere nicht den gemeinsamen, sondern den eigenen Vorteil sucht. Europa ist zu Recht stolz auf seine Nie-wieder-Krieg-Ordnung. Was Putin von dieser hält, hat er mit der Einverleibung der Krim und dem "Hybrid-Krieg" in der Ukraine gezeigt. Dazu mit den Vorstößen in den Nato-Luftraum. Virtuos spielt er in Syrien auf der Klaviatur des Expansionismus. Flankiert wird das blutige Spiel von der ausufernden Intervention in der europäischen Innenpolitik, wo die Putinisten mit den Rechtspopulisten kungeln und Frankreichs "Nationale Front" alimentieren.

Deutschland wird nicht "gepflegt", sondern malträtiert – siehe den Fall der "entführten" Lisa, den Moskau ausbeutete, um die Stimmung gegen islamische Flüchtlinge anzuheizen. Die Episode hat Methode. Den jüngsten Flüchtlingsschub verdankt Merkel-Land dem eskalierenden Bombardement syrischer Städte, das doppelten Gewinn abwirft: Es stützt Assads Killerdiktatur und treibt Hunderttausende Richtung Deutschland, wo Merkel unter wachsenden Beschuss gerät. Die AfD frohlockt, die Koalition starrt verängstigt auf die Landtagswahlen im März. Die Russen schießen auf Aleppo, und die Querschläger treffen Berlin – eine neue Variante der "hybriden Kriegführung".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Ein frischer Bericht von der syrischen Front: Die Financial Times beschreibt den eskalierenden Cyber-Krieg gegen die demokratische Opposition. Die Opfer sind humanitäre und Menschenrechts-Gruppen, die westliche Medien mit Erkenntnissen über Not und Tod, über die Mordwut der russischen wie der Assad-Kräfte versorgen. Die Rechner werden gehackt, die Datenbasen zerstört. Die Kontaktadressen der Oppositionsmilizen werden genutzt, um die russische Luftwaffe mit Zielinformationen zu füttern.

Das ist kein neuer "Kalter Krieg", von dem Premier Medwedew faselt, sondern alte Machtpolitik mit den Techniken des 21. Jahrhunderts. Putins Offensive ist opportunistisch, folglich muss der Westen ihm die Gelegenheiten nehmen und Grenzen setzen. Obama hat es spät erkannt und verlegt Truppen nach Europa. Hier sagte Schäuble auf der 70. Geburtstagsparty der ZEIT: Deutschlands Verteidigungshaushalt sei "zu niedrig", "vorbei" sei der Urlaub von der "Weltpolitik". Das "Angebot der Partnerschaft mit Russland" bleibe.