Die Weggezogene

Ich glaube, wir haben zu lange weggesehen, ich glaube, wir haben zu lange gedacht, so schlimm werde es schon nicht kommen. Ich glaube, wir haben zu lange gehofft, alles werde doch noch ein gutes Ende nehmen. Und die Leute kommen zur Vernunft. Es sind ja schließlich unsere Leute.

Ich weiß, das hört sich beschissen an, zumal wenn ich das sage, die ich seit vielen Jahren in Berlin lebe. Aber ich zähle mich zu diesem sächsischen Wir dazu, eigentlich habe ich das immer getan. Ich bin aus Sachsen weggegangen, wie so viele aus meiner Generation, aber auf eine Art bin ich doch dort geblieben – anders als andere vielleicht, die aus Schwaben oder Hessen oder Hamburg weggegangen sind. Den Osten verließ man anders, mit dem Herzen blieb man da. Man ging mit einem Gefühl von Schuld, mit diesem, ja auch, beschissenen Gefühl, es wäre besser gewesen, wir wären alle geblieben.

Nun habe ich wie Millionen andere die verwackelten Handybilder aus Clausnitz gesehen, und diese gut verdrängte Schuld war plötzlich wieder da und mit Händen zu greifen. Die Stimmen aus dem Off kamen mir so bekannt vor, ich kannte diese Tonlage. Eigentlich mag ich diese sächsische Melodie, die viele lächerlich finden. Und doch: Diese Bilder gehören zum Schlimmsten, was ich je aus meiner Heimat gesehen habe. Ich habe mich so geschämt. Ich glaube, ich habe mich noch nie im Leben so für meine eigenen Leute geschämt.

Ja, ich versuche auch weiterhin, "meine Leute" zu sagen. Es wird Menschen geben, die halten das wahrscheinlich für eine der schlimmsten Spätschäden des Sozialismus: sich für andere verantwortlich zu fühlen, nicht richtig Ich sagen zu können. Ich versuche weiterhin, "meine Leute" zu sagen, weil ich mir den Verrat nicht verzeihen würde. Weil ich glaube, dass der Verrat alles noch schlimmer macht.

Ich glaube, wir haben diesen Riss, der durch die ostdeutsche Gesellschaft ging, zu lange hingenommen. Wir haben ihn gespürt, wir haben ihn gesehen, viele von uns haben ihn beschrieben. Und hinterher sind wir doch unserer Wege gegangen. Nun können wir sehen, wohin das geführt hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 10 vom 25.2.2016.

Deshalb glaube ich mehr als je zuvor, wir müssen auch uns verändern, nicht nur die anderen. Wir müssen um dieses Sachsen kämpfen, stärker als zuvor. Wir müssen aus diesem Land wieder ein Land machen, auf das die anderen nicht mit dem Finger zeigen. Denn im Moment haben sie viele Gründe dafür. Beweisen wir ihnen, dass sie sich irren. Um unseretwillen. Und für die Flüchtlinge, die unser Land genauso brauchen wie wir.

Die diese Gegend gut kennt

Ich kenne Clausnitz. Es ist das Dorf, durch das ich Hunderte Male gefahren bin, um meine Großeltern im Nachbarort zu besuchen. Im Winter sind wir als Familie mit dem Auto im dichten Schneetreiben in Clausnitz stecken geblieben. Clausnitz ist tiefstes Erzgebirge, und dieses Erzgebirge ist meine Heimat.

Jetzt also, dachte ich, hat es Clausnitz erwischt. Aber das stimmt gar nicht. Denn das klingt so, als könne die Region nichts dafür. Die Unverschämten geben jetzt den Ton an, und wir können etwas dafür, weil wir im Erzgebirge alle so sind, wie wir nun mal sind: viel zu maulfaul. Ich weiß nicht, wie selten es vorkommt, dass da einer zum anderen sagt: Ich hab mich über dich gefreut oder: über dich geärgert. Und wenn einer in der Kneipe sagt: "Es reicht jetzt mit den Flüchtlingen", dann wird wohl keiner antworten: Wie kommst du darauf? Nein, dann heißt es: "Hör mir auf mit Politik!"

Ein Dorf lebt davon, dass man sich nahekommt, aber keinem zu nahe tritt. Man braucht einander, man kauft füreinander ein, man fährt die Nachbarskinder zum Fußballtraining und erwartet eines Tages das Gleiche vom anderen. Es gibt gute Gründe, Streit aus dem Weg zu gehen. Aber diese Harmoniesucht hat uns in eine furchtbare Lage gebracht.

Der Mob vor der Asylunterkunft, das sei nur eine Minderheit gewesen, heißt es. Ich will das gern glauben. Nur wäre es ja noch schöner, wenn der Mob sogar die Mehrheit verträte. Es reicht, dass er überhaupt existiert, dass er sich stark fühlt.

Was machen wir mit denen, die da grölend den Bus umringten? Wenn wir sie ernst nehmen – und es bleibt ja nichts anderes übrig –, dann können wir ihnen das hier sagen: Ihr habt etwas kaputt gemacht, und das nehmen wir euch übel. Wer demnächst wieder auf der Couch sitzt und zusieht, wie sich draußen eine Demo vorm Asylbewerberheim formiert, wer den Fernseher dann lauter macht und nichts tut – der macht sich mitschuldig.

Und wer nun die üblichen Ossi-Entschuldigungen herunterbetet, der macht sich lächerlich. Die DDR-Erfahrungen! Die üble Nachwendezeit! Die Arbeitslosigkeit! Nee. Ab 30 ist jeder selbst für seinen Charakter verantwortlich, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Und im Jahr 27 nach dem Mauerfall klingt jede "Aber der Osten hatte es schwer"-Begründung wehleidig und unerwachsen. Hören wir auf, uns rausreden zu wollen!

Ich wohne nun in Dresden, dessen Image schon länger ruiniert ist als das von Clausnitz. Es ist anstrengend, hier zu leben. Kürzlich wollte ein Obstverkäufer unbedingt mit mir über die "unerträgliche" Flüchtlingssituation reden. Eine ältere Frau an der Straßenbahnhaltestelle sprach mich an, weil sie den Gedanken loswerden musste, Angela Merkel mache Fehler "wie damals der Hitler". So etwas passiert hier häufiger. Ich habe mir vorgenommen, mit den Leuten zu diskutieren.