Sie hatte sich vorgenommen, ruhig zu bleiben. Nicht zu emotional zu reagieren, wie sie es sonst manchmal tut, und beim Erklären nicht mit den Armen zu rudern. Jetzt wirkt die Lehrerin fast teilnahmslos, wie sie da vor der Klasse steht.

Minute 4: Ein Mädchen meldet sich, die Lehrerin übersieht es. Minute 9: Hinten links erhebt sich ein störendes Murmeln, die Lehrerin greift zu spät ein. Minute 19: Ein Junge erklärt, dass eine Pyramide aus vier Dreiecken und einem Quadrat besteht, die Lehrerin murmelt nur "okay", obwohl es die richtig Lösung ist. "Da hat jemand das mit dem Ruhigbleiben wohl etwas übertrieben", sagt Tina Hentschel.

Die Lehrerin ist sie selbst, der Unterricht ihr eigener: aufgenommen per Videokamera. Vor Kurzem stand Tina Hentschel das erste Mal allein vor einer Klasse. Jetzt seziert sie ihren Unterricht mit einer Kommilitonin. Alle 30 Sekunden stoppen die beiden die Aufnahme und schreiben in die Seitenleiste des Bandes ihre Beobachtungen.

Videobasierte Unterrichtsanalyse für erfolgreiche Klassenmanager lautet der Titel des Seminars, zu dem sich an diesem Tag zwei Dutzend angehende Grundschullehrer an der Universität Münster treffen. Sequenz für Sequenz beurteilen Hentschel und ihre Mitstudierenden ihre Lehrproben: Erkläre ich den Stoff so, dass alle Schüler es verstehen können? Hält der Unterricht den Spannungsbogen? Wie aufmerksam ist die Klasse? Am Ende bewerten die Lehramtsanwärter gegenseitig ihre Stunden von 6 ("Alle Schüler sind bei der Sache") bis 1 ("Niemand hört zu").

Lehrer fragen sich: Warum sage ich in jedem zweiten Satz "sozusagen"?

Lesen Sie dazu auch "Lehrer sind keine Einzelkämpfer mehr" und weitere Texte zum Thema Lehrer in der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Bildungswissenschaftler nennen die Methode "Microteaching", eine Art Verhaltenstraining für Lehrer. So wie Profifußballer nach dem Match einzelne Spielszenen auswerten, evaluieren Pädagogen dabei Standardsituationen aus dem Klassenzimmer. Folgt man John Hattie, dem derzeitigen Guru der Forscherszene, dann gehört das Microteaching zu den wirkungsvollsten Ansätzen, wie Pädagogen ihren Unterricht verbessern können.

"Die Videoanalyse führt den Lehrkräften ihre Stärken und Schwächen vor der Klasse konkret vor Augen", sagt die Didaktik-Professorin Kornelia Möller. Sie hat das Seminar in Münster mitentwickelt. Gleichzeitig lernten die späteren Lehrer im Kurs, "über ihr Kerngeschäft zu sprechen: den Unterricht". Denn, so die Erfahrung, wer bereits im Studium seinen Unterricht fremden Blicken öffnet, dem fällt es auch später in der Schule leichter, von Kollegen zu lernen und mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Das Aufzeichnen von Unterricht hat in der wissenschaftlichen Pädagogik eine gewisse Tradition. Schon in den sechziger Jahren filmte der amerikanische Schulforscher Jacob S. Kounin unterschiedliche Verhaltensstrategien von Lehrern bei Disziplinproblemen in ihrer Klasse. Die Grundsätze erfolgreicher Klassenführung, die Kounin daraus entwickelte, haben heute weltweit Gültigkeit. Später halfen Videoaufnahmen zu verstehen, warum japanische Schüler bei internationalen Leistungsvergleichen in Mathematik so erfolgreich sind. Unter anderem weil japanische Lehrer sehr eng zusammenarbeiten und einen Unterrichtsstil praktizieren, der bewusst mehrere Lösungswege zulässt.