Anton Schaafs Vierkantschädel wirkt noch imposanter, als er ohnehin ist, wenn man ihn von der Seite zeigt, als Folie riesengroß auf eine Autotür klebt und "Echt. Geradlinig. Sozialdemokrat!" drunterschreibt. Wahlkampf mit markantem Profil. "Ich lasse mir doch keine schlechte Laune machen", meint der gelernte Maurer neben seinem Folienschädel, während er aus dem Kofferraum munter die Grundausstattung eines Straßenwahlkämpfers nachlädt, Flugblätter, Kugelschreiber, Türhänger, Schoko-Täfelchen. Schaaf ist 54 Jahre alt, elf davon saß er für die SPD im Bundestag, nun kandidiert er im Wahlkreis Bretten bei Pforzheim für den Stuttgarter Landtag. Umfragen sehen die SPD in Baden-Württemberg bei desaströsen 15 bis 16 Prozent. "Wir sind besser", sagt Schaaf. "Wir lassen uns nach fünf Jahren nicht einfach so vom Hof jagen." Dann zieht er los.

So hört sich Trotz an.

Wittlich in der Eifel, ein 18.000-Einwohner-Städtchen zwischen Trier und Koblenz, enge Gassen, verwinkelte Fußgängerzone, es regnet. Zwischen Fielmann, dem Juwelier Sulz und Art of Chocolate hat Nadine Zender ihren Infostand aufgebaut, auch hier Flugblätter, Kugelschreiber, die übliche Munition. Zender ist 29 Jahre alt, hat eine 13-jährige Tochter, promoviert an der Uni Trier in Geografie und kandidiert in ihrem Heimatort für den Mainzer Landtag. Die Auguren sagen der SPD in Rheinland-Pfalz den Machtverlust voraus, in Wittlich hat noch nie ein SPD-Kandidat das Direktmandat geholt, Zender steht auf Listenplatz 39, hat keine Chance, in den Landtag einzuziehen, und verteilt bei einem Wetter, das ebenso zum Heulen ist, rote Rosen. "Was mich motiviert? Dass die CDU glaubt, sie hat schon gewonnen. Sie haben jetzt Plakate mit ihrer Spitzenkandidatin Julia Klöckner aufgehängt. 'Unsere nächste Ministerpräsidentin' steht da drauf – das motiviert mich."

So klingt Kampfeslust.

Olaf Scholz, Bürgermeister der größten deutschen Hansestadt, besucht an einem Mittwochabend im Februar die kleinste Hansestadt, Hamburg kommt nach Werben, in eine 1.100-Seelen-Gemeinde in der nördlichen Altmark. Zu Scholz’ Ehren erhält die Werbener Rathausmauer eine Plakette, dann beginnt der Stadtrundgang, an dem auch die SPD-Spitzenkandidatin Katrin Budde teilnehmen darf: renovierte Fachwerkhäuser, intakte Backsteingotik, Storchennester. Auf dem Weg zum "Deutschen Haus", Ort der Wahlkampfveranstaltung, beginnen einige Genossen zu jammern. Die SPD in Sachsen-Anhalt, das sollte man wissen, liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der rechten AfD um Platz drei. "Dann werden wir halt Vierter", klagt der erste. "Wir brauchen eine Wende", fleht ein zweiter. "Und wo soll die herkommen?", fragt ein dritter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

So klingt Hoffnungslosigkeit.

Am 13. März wählen die Menschen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ihre Landesparlamente neu. Lange Zeit sah es so aus, als würden bei dieser kleinen Bundestagswahl allein die Sozialdemokraten den Unmut der Bevölkerung in der Flüchtlingsfrage zu spüren bekommen: in Stuttgart und Magdeburg auf das Niveau einer Protestpartei zurechtgestutzt – in Mainz nach 25 Jahren an der Macht in die Opposition gezwungen, der heimliche Genossen-Star, die Sympathieträgerin und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer, gestürzt.

Aus der möglichen Schicksalswahl für Angela Merkel schien die CDU – trotz AfD – mit zwei neuen und einem alten Ministerpräsidenten hervorzugehen, also mit mehr Macht. Doch plötzlich ist vieles ungewiss: Laut Umfragen ziehen auch Grüne an Christdemokraten vorbei, schmilzt der Vorsprung der Klöckner-CDU auf die Dreyer-SPD auf Schlagdistanz zusammen, stürmt die AfD in immer neue Rekordhöhen. Der Wahlkampf oszilliert zwischen Untergangsstimmung und neuer Hoffnung. Am schillerndsten bei der SPD.

In Berlin wie in Stuttgart: Die SPD setzt die Themen, aber die Wähler honorieren es nicht

Anton Schaaf hat Hannelore Kraft, die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin, in seinen Wahlkreis gelockt. Die beiden kennen sich aus Mülheim, in Krafts Heimatstadt fuhr Schaaf einst Müllautos, ins Badische hat es ihn aus privaten Gründen verschlagen. Bankreihen, SPD-Fähnchen, Wiener Würstchen, graue Köpfe und ein Ansager, der sich freut, dass er "die Hannelore schon zwei- bis dreimal persönlich kennenlernen durfte".

Doch die Hannelore hat Verspätung, es muss improvisiert werden, Schaaf schickt Anneke Graner ans Mikrofon, sie ist vor drei Jahren in den Landtag nachgerückt und ist nun familienpolitische Sprecherin. "Wir haben die 15 Prozent nicht verdient", beginnt Graner. "Die SPD hat in der Regierung hervorragende Arbeit geleistet." Die Studiengebühren abgeschafft, die Gemeinschaftsschule eingeführt, die Ganztagsschulen ausgebaut, Baden-Württemberg von Platz 16 bei der Kinderbetreuung unter den Bundesländern auf Platz eins geführt. "Wir können stolz sein!", ruft sie in den Saal. Dann kommt die Hannelore. So gut wie die Anneke ist sie nicht.