Die Spielerinnen des VT Aurubis © Gordon Welters für DIE ZEIT

Sie waren so Feuer und Flamme: Olympia! Hier, in Hamburg! Die größten Athleten der Welt in unserer Stadt, eine Jahrhundertchance! Sagten Politiker und Unternehmer. Die Bürger sagten: Nein, und Feuer und Flamme erloschen. Sofort.

Politiker und Unternehmer kümmerten sich nach dem gescheiterten Referendum vom 29. November rasch um andere Dinge, ist doch so viel los in dieser Stadt, da kann man Olympia schnell vergessen. Nur die Sportler können das nicht. Sie mussten mit ansehen, wie die Stadt sich wandelte: Sie waren die Vorzeigeathleten. Sie standen in Einkaufszentren und gaben ihr Gesicht für das Produkt Olympia. Jetzt will kaum einer mehr an ihre Gesichter erinnert werden.

Was bedeutet Sport der Stadt? Und welcher Sport bedeutet der Stadt was? Diese Fragen werden gerade ganz neu ausgehandelt. Und zwar nicht zugunsten des olympischen Spitzensports.

Die Handballer des HSV: pleite! Niemand sprang ein, um sie in der ersten Liga zu halten.

Jetzt auch noch die Spielerinnen des Volleyballteams Aurubis: Sie stehen kurz vor der Pleite. 500.000 Euro fehlen ihnen für die nächste Saison in der ersten Bundesliga. Ob sie noch jemand rettet in dieser Stadt, die den Olympiakater hat?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Es war bislang schon nicht einfach, Sponsoren zu finden", sagt Volker Stuhrmann, "jetzt ist es noch viel schwerer geworden." Stuhrmann sitzt an einem grauen Konferenztisch in einem kahlen Besprechungszimmer. Neugraben, CU Arena, die Halle des VT Aurubis Hamburg. Vor sich hat er einen Ordner gelegt, schwarz und schwer. Stuhrmann ist der Präsident des Volleyballvereins, und in diesem Ordner hat er alles abgeheftet, was er in den vergangenen Monaten für seinen Club getan hat, damit dieser Ordner keine Chronik des Untergangs enthält, sondern eine der Rettung.

Am 29. Januar ein Gespräch mit dem Volleyballexperten im Hamburger Sportbund.

Am 8. Februar ein Gespräch mit einem Vertreter der Volleyball-Liga.

Am 17. Februar ein Gespräch mit der Sportbeauftragten der Handelskammer und eines mit dem Staatsrat für Sport. Krisengipfel.

16 Pharmakonzerne haben sie kontaktiert. Einen Sponsoring-Beauftragten haben sie ernannt, der 80 Firmen aus Hamburg und Umgebung angesprochen hat. Beiersdorf zum Beispiel, eine Damenmannschaft und Hautcreme, wie gut könnte das zusammenpassen, dachten sie. Anfang Februar hat der Vorsitzende des Fördervereins sogar beim traditionellen Jägerball ein Aurubis-Fahrrad auf einer Tombola versteigert. Alles, um auf die dramatische Lage des Vereins aufmerksam zu machen.

Bislang hat alles nichts genutzt.

Eigentlich dachten sie, sie hätten ein attraktives Produkt anzubieten: eine junge, erfolgreiche Frauenmannschaft, die hochklassigen Volleyball spielt. Aber sie mussten feststellen, dass es in Hamburg einen entscheidenden Unterschied gibt zwischen der Unterstützung von Olympischen Spielen und dem olympischen Sport. Allein für die Kampagne der Olympiabewerbung sammelte Olympiabotschafter Alexander Otto zwei Millionen Euro von mehr als 80 Firmen ein. Für die Rettung eines Vereins wie des VT Aurubis Hamburg will niemand richtig Geld geben.

Wenn sie bis zum 1. April keinen Sponsor finden, wird sich der Verein auflösen und die nächste Leerstelle hinterlassen im Hamburger Sport. Das muss man nicht beklagen, man kann sagen, dass es in Zeiten wie diesen entscheidendere Fragen gibt für die Stadt als die Zukunft eines Volleyballteams. Man muss aber auch sehen, dass die fehlende Unterstützung der Volleyballerinnen gerade in diesen Zeiten für mehr steht als für den Untergang einer Randsportart: Sie steht für einen Wandel im Sportverständnis dieser Stadt.

Spitzensport – vom Fußball abgesehen – hat es überall in Deutschland schwer. Sport kostet viel Geld, die Athleten reisen durchs Land. Zuschauereinnahmen reichen nie aus.

Spitzensport – vom Fußball abgesehen – hat es in Hamburg gerade besonders schwer. Denn auch wenn die Bewerbung für die Olympischen Spiele häufig als großes Stadtentwicklungsprojekt bezeichnet wurde, am Ende sind Olympische Spiele eine Sportveranstaltung. Und die Sportler olympischer Sportarten kriegen den Olympiakater der Stadt gerade geballt ab.

Im Nordosten der Stadt, in Dulsberg, liegt der Olympiastützpunkt. Es ist das Zentrum des Leistungssports, hier trainieren Schwimmer, Leichtathleten, Beach-Volleyballer. Sie bereiten sich in diesem Jahr auf Olympia vor, Rio 2016, das ist ihr Ziel. Eigentlich sind olympische Jahre gute Jahre für den Stützpunkt. Die Medien interessieren sich für die Athleten, die Politiker fliegen zu den Spielen, gratulieren, strahlen mit den Medaillengewinnern. In diesem Jahr sieht es anders aus in Hamburg.

Sie habe immer noch nicht ihren Haushalt verabschieden können fürs laufende Jahr, sagt Ingrid Unkelbach, die Leiterin des Stützpunkts. Der Grund: Der Hamburger Sportbund muss sparen und gibt 25.000 Euro weniger für den olympischen Spitzensport. Die gleiche Summe fehlt ihr auch beim Team Hamburg. Das Team Hamburg fördert Sportler, die sich für Rio vorbereiten, und den Nachwuchs, der für 2024 Hoffnungen macht. Unkelbach möchte mit ihnen Werbung machen, Sponsoren gewinnen. Aber schon am Tag nach dem verlorenen Referendum zogen sich zwei Interessenten zurück, ein anderer hat sein Engagement zum 31. Dezember beendet. Nicht mehr werbewirksam, dieses Olympia.