DIE ZEIT: Frau Wehling, Sie behaupten, wir würden mit einfachen Wörtern ständig manipuliert. Wie kommen Sie darauf?

Elisabeth Wehling: Weil Sprache kein abstraktes Gerüst ist. Hinter Wörtern steckt etwas. Um sie zu begreifen, aktiviert unser Gehirn ganze Vorratslager abgespeicherten Wissens: Gefühle, Gerüche, visuelle Erinnerungen. Worte transportieren also viel mehr Informationen, als wir glauben, und sie treiben uns politisch nach links oder rechts, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

ZEIT: Woher wissen Sie das?

Wehling: Ich beschäftige mich mit Ideologieforschung, Verhaltensökonomie und Hirnforschung. Wir können heute in Gehirne blicken und sehr genau sehen, wie Wörter verarbeitet werden.

ZEIT: In Ihrem Buch sprechen Sie von "Frames" in unseren Köpfen. Was meinen Sie damit?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Wehling: Ein Frame ist ein Deutungsrahmen. Unser Gehirn hat davon sehr viele, sie sind durch unsere Erfahrung mit der Welt entstanden, und sie helfen, Fakten zu bewerten und einzuordnen. Aktiviert werden sie durch Wörter. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie seien krank und müssten darüber entscheiden, ob Sie operiert werden wollen. Ein Arzt sagt Ihnen, dass es eine zehnprozentige Sterbewahrscheinlichkeit gebe. Ein anderer Arzt sagt, dass Sie die Operation mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit überleben würden. Die Fakten sind die gleichen, aber Sie entscheiden sich jeweils anders. Die beiden Wörter "sterben" und "leben" verändern Ihre Wahrnehmung – ohne dass Sie es merken. Wer glaubt, wir Menschen würden nur auf Basis von Fakten entscheiden, unterliegt einer Illusion.

ZEIT: Aber unser Ideal ist doch, dass Wähler in einer Demokratie durch Fakten überzeugt werden und die Bürger sich ihre Meinung aufgrund von Fakten bilden.

Wehling: Und das ist ein Irrtum. Kein Wort kann außerhalb von Frames gedacht, ausgesprochen und verarbeitet werden. Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein Frame aktiviert.

ZEIT: Lassen Sie uns über Wörter sprechen. Was fällt Ihnen aktuell in der Flüchtlingsdebatte auf?

Wehling: Allein schon das Wort Flüchtling. Das ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf?

Wehling: Die Endung "-ling" macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an "Schreiberling" oder "Schönling". Ein eigentlich positiv besetzter Begriff wie "schön" wird durch die Endung ins Negative verkehrt. Außerdem ist "der" Flüchtling männlich – und damit transportiert dieses Wort sehr viele männliche Merkmale: "Der" Flüchtling ist eher stark als hilfsbedürftig, eher aggressiv als umgänglich.

ZEIT: Neutraler wäre es also, von "Geflüchteten" zu sprechen?

Wehling: Ja, oder von den Flüchtenden. Dem flüchtenden Mann, der flüchtenden Frau, dem flüchtenden Kind. Das wäre eindeutiger. Und nicht abwertend.

Gewalt gegen Flüchtlinge - "Man muss schon aufpassen" Ein Flüchtlingsheim in Berlin-Buch war seit Baubeginn Ziel von mehr als einem Dutzend fremdenfeindlicher Übergriffe. Wie leben Personal und Bewohner mit dem Gefühl der latenten Bedrohung?