Zwei ältere Männer sitzen vor dem Fernseher und begutachten eine versunkene Welt: Wie lange die Filmbilder stehen blieben, ohne das ruhelose Gewackel der heutigen Steady-Cams! Und was die Figuren trieben, um nicht allein zu sein. Sie mussten nach Telefonzellen Ausschau halten, wenn sie sich zum Seitensprung verabredeten. Sie besuchten sich zu Hause, statt einander per SMS in die nächste Bar zu bestellen. Sie spielten die Hetzsportart Squash. "Spielt das heute noch jemand?", fragt Ulrich Matthes. Er ist der eine ältere Mann. Der andere bin ich. Auf dem Bildschirm läuft Woody Allens Manhattan. Dies ist ein tiefnostalgisches Projekt.

Wir haben den Schauspieler Ulrich Matthes gebeten, uns den liebsten Film seines Lebens zu zeigen. Über alte Filme zu reden ist eine der schönsten Arten, sich selbst zu begegnen. Man sieht die eigene Existenz, zurückgespiegelt vom Lieblingsfilm: Wie hat er sich, mich, uns in all den Jahren verändert?

Schauplatz ist Ulrich Matthes’ große Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg. Das Abspielgerät: ein Flachbildschirm. Beginn der Vorstellung: 19.30 Uhr. Ich habe eine DVD von Manhattan und ausreichend Rioja mitgebracht; in meiner Begleitung ein junger Fotograf. Strenger Blick des Schauspielers bei der Begrüßung: "Das soll keine Homestory werden."

Natürlich nicht. Deshalb nur ein dezenter Streifblick durch das home, in dem wir uns befinden: hohe Räume, Stuck, Durchgangszimmerlandschaft eines Mannes, der beim Nachdenken herumgeht. Die Wohnung, sagt er, ist sein einziger Luxus – hier lernt er Text, hier beginnt die Verwandlung in die Theaterfiguren, die er spielt: Ödipus, Macbeth, Onkel Wanja, Shylock. Matthes ist ein Meister darin, die Figuren der Dramen mit einer so intensiven Lebenslust zu erfüllen, dass sie im Sturz leuchten.

Der Rioja ist entkorkt und die DVD schon eingelegt. Warum gerade dieser Film?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

"Ich möchte mich rühren lassen von Manhattan. Wenn ich ihn sehe, werde ich mich an mich selbst erinnern, den Zwanzigjährigen, der dieses großstädtische Fest der Neurotiker wie ein Versprechen sieht – den Unschuldigen, der alles noch vor sich hat. So wie die ganze Welt scheinbar noch alles vor sich hatte."

Ein Tusch, Gershwins Rhapsody in Blue, New York leuchtet im Jahr 1979 in Schwarz-Weiß, Manhattan beginnt. Die Kamera kniet gleichsam vor Ihrer Majestät, der herrlichen Stadt. "Sie ist", sagt Ulrich Matthes, "die eigentliche Heldin des Films." Abendsonnenglut bricht sich am Fassadengestein, ein Taxi gleitet durch den dunklen Central Park, aus der nächtlichen Tiefe der Upper East Side sprüht ein Feuerwerk: Kein Zweifel, dies ist der Mittelpunkt der Welt. Allmählich wimmeln Menschen ins Bild. Es sind, wie sich herausstellt, ein wenig lächerliche Helden, die keine großen Sorgen haben, nur diese: Wozu und mit wem soll man leben?

Woody Allen, damals 44, spielt den Schriftsteller Isaac, der sich als Gagschreiber für TV-Shows sein Brot verdient. Er ist zweifach geschieden, nun hat er eine Liaison mit der 17-jährigen Tracy (gespielt von der tatsächlich 17-jährigen Mariel Hemingway, einer Enkelin des Schriftstellers Ernest Hemingway). Zusätzliches Problem: Isaacs Ex-Frau (Meryl Streep) zieht ihn in einem autobiografischen Buch durch den Dreck, und er verliebt sich in Mary (Diane Keaton), die Geliebte seines besten Freundes. Kurzum: Der Protagonist ist ein gehetzter, begossener armer Kerl. Hätte er nicht seine Liebe zu New York, es wäre ihm nicht zu helfen.

In Manhattan kreist ein Milieu um sich selbst: Es geht um die Kunst, die man herstellt, um die Moral, die man sich leistet, und selbstverständlich auch um den Sex, den man zelebriert. Isaac bleibt in seinem einsamen Sarkasmus auf Höhe des Diskurses. Als sich das Gespräch um Schwierigkeiten beim Orgasmus dreht, merkt er trocken an: "Selbst mein schlechtester traf genau ins Schwarze."