Der Viva-con-Agua-Trick ist ganz einfach: Man stellt ein Glas auf den Tisch, gießt Wasser ein – und schon ist man Aktivist geworden. Seit Neuestem funktioniert dieser Trick auch mit Papier: Man geht auf die Toilette, rollt ab – und schon hat man die Welt ein kleines bisschen besser gemacht.

Ein Massenprodukt wird eingespannt für eine ethische Mission. Das ist die Grundidee eines Hamburger Unternehmens, das eigentlich gar keines ist. Viva con Agua begann als Verein, heute ist es mehr als das, manche nennen es ein Netzwerk, andere sprechen von einer Bewegung. Ihr Kopf ist ein ehemaliger Fußballprofi, Benjamin Adrion, früher Mittelfeldspieler beim FC St. Pauli.

An einem Nachmittag vor wenigen Wochen sitzt er in einem Konferenzraum in Mainz. Oben Neonröhren, unten grauer Teppich, hinter ihm steht ein Regal voller Klopapierpackungen. Bei Schnittchen und Kaffee erklären die Mitarbeiter des Klopapierherstellers Wepa, was den Kunden bei der Intimhygiene wichtig ist. Der Deutsche faltet sein Klopapier, er knüllt es nicht wie der Amerikaner. Er bevorzugt ungebleichte Blätter in drei Lagen, greift aber auch bei Sondereditionen mit Herzen und Rosenduft zu. Benjamin Adrion macht sich Notizen.

Er mischt jetzt mit in diesem Markt mit dem Klopapier. Oder besser, der Verein mischt mit, den er vor zehn Jahren gegründet hat: Viva con Agua.

Dieses Hamburger Phänomen. Dieses St.-Pauli-Ding, das wohl nur hier entstehen konnte, mit dem Sog und der Strahlkraft rund um den Verein und das Viertel. Diese Marke, die alle kennen, weil die Wasserflaschen längst nicht mehr nur in Szenebars verkauft werden, sondern auch auf den Konferenztischen unzähliger Hamburger Unternehmen stehen, in der Bürgerschaft, der Senatskanzlei. 13 Millionen Flaschen Mineralwasser verkaufte Viva con Agua im vergangenen Jahr. Im Jahr 2016 könnten es weit über 18 Millionen werden.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das klingt nicht nach einem Problem, aber ein bisschen ist es das doch: Durch den Erfolg des Wassers ist vielen gar nicht mehr bewusst, was eigentlich hinter Viva con Agua steckt. Das Etikett der Flaschen gibt immerhin einen Hinweis. Es ist eine Art Flyer: Viva con Agua unterstützt Wasserprojekte der Welthungerhilfe, steht darauf. Insgesamt sind 4,5 Millionen Euro seit der Gründung 2006 zusammengekommen.

Die Basis dafür ist nach wie vor ein Verein mit 12.000 Unterstützern, die sich in sogenannten Zellen oder Crews in 57 Städten organisieren. Es gibt Ableger in der Schweiz, in den Niederlanden und Österreich. In jeder Zelle entstehen kleine eigene Projekte. Pfandbechersammeln auf Festivals, Spendenläufe, Konzerte. Manche Ideen werden groß, wie das Kunst- und Kulturfestival Millerntor Gallery. Oder eben das Wasser.

Im vergangenen Jahr war Viva con Agua zum ersten Mal profitabel. Dieses Jahr steht die erste Gewinnausschüttung bevor. Zeit also, um aus dem Hype um die blau-weißen Flaschen etwas Neues zu machen, das Image des Getränkehändlers abzustreifen. Zeit für Klopapier.

Seit zwei Woche kann man es kaufen. Bislang nur in Hamburg bei der Drogeriekette Budnikowsky: acht Rollen pro Packung, Recycling, logisch. Drei Lagen, 160 Blatt. An diesem Tag laufen im Mainzer Wepa-Werk die ersten Rollen vom Band, landen in einer Verpackung, auf der ein bulliger Typ mit tätowierten Armen zu sehen ist. Pippigelber Hintergrund statt Naturmotiven. Seit Jahrzehnten produziert Wepa täglich eine Million Röllchen, 720.000 Tonnen pro Jahr. Dass Klo- statt Toiletten- oder Hygienepapier auf der Verpackung steht, das hat es noch nie gegeben.