DIE ZEIT: Herr Wissmann, wie verlogen ist die deutsche Autoindustrie?

Matthias Wissmann: Lassen wir doch das Insinuieren von Pauschalurteilen. Gegenfrage: Halten Sie es für richtig, wenn ein Journalist oder ein Medium manipuliert hat, die ganze Presse zu befragen, ob sie lügt? Wohl kaum.

ZEIT: Die Autoindustrie sieht sich als deutsche Vorzeigebranche. Wie konnte es passieren, dass viele Bürger in den Chefetagen der Konzerne jetzt lauter Trickser, Täuscher und Betrüger vermuten?

Wissmann: Klar ist: Die Software-Manipulation in einem Unternehmen ist nicht akzeptabel und wird von uns verurteilt und von VW aufgearbeitet. Ich werde das nicht schönreden. Wer daraus aber auf die gesamte Branche schließt, verfolgt eigene Interessen und geht an der Sache vorbei.

ZEIT: Draußen auf der Straße wird man Ihnen sagen: Die Autohersteller betrügen doch alle.

Wissmann: Wir betrügen nicht. Wir ringen seit Jahren in Europa darum, dass die Abweichung zwischen offiziellen Laborwerten und dem tatsächlichen Kraftstoffverbrauch in Straßentests zugunsten einer besseren Regelung überwunden wird. Im Übrigen zählt die Automobilbranche bei jungen Menschen zu den attraktivsten Arbeitgebern. Und die 800.000 Stammbeschäftigten der Automobilindustrie finden sich in dieser Dauerattacke auch nicht wieder.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

ZEIT: Seit September gibt es ständig neue Tests. Bei vielen Modellen fällt der Stickoxidausstoß im Fahrbetrieb extrem höher aus als im Labor.

Wissmann: Wir müssen unterscheiden. Volkswagen selbst tut alles, um die Vorgänge aufzuklären. Eine andere Sache ist die seit Jahren bekannte Abweichung bei Messungen: Es ist nun mal ein Unterschied, ob ich im Labor teste oder auf der Straße fahre.

ZEIT: Die Menschen in Stuttgart, Hamburg oder München müssen aber regelmäßig die zu hohen Stickoxidwerte ertragen?

Wissmann: Da gibt es Abhilfe. Die neueste Generation von Euro-6-Fahrzeugen wird wesentlich dazu beitragen, dass die Luftqualitäts-Grenzwerte mittelfristig unterschritten werden. Ganz bewusst aber machen Diesel-Gegner Tests mit älteren Fahrzeugen.

ZEIT: Meinen Sie damit die Tests der Deutschen Umwelthilfe, die Modelle von Mercedes, Opel oder Renault als Dreckschleudern anprangert?

Wissmann: Wenn solche Organisationen eigene Abgasmessungen an älteren Gebrauchtwagen durchführen, soll damit doch nur die These des angeblichen Generalverdachts unterstrichen werden. Seriös ist das nicht.

ZEIT: Wenn es die deutschen Hersteller so stört, warum haben sie sich dann immer auf die Laborwerte berufen?

Wissmann: Weil sie EU-weit gesetzlich vorgegeben sind. Seit Jahren werbe ich zudem für die schnelle Durchsetzung von real driving emissions, also Tests auf der Straße, die realistischer sein werden. Zum Glück ist dieser Test nun ab 2017 Pflicht. Darum hat die EU lange gerungen.