Nie gab es eine bessere Zeit, im öffentlichen Raum ohnmächtig zu werden. Man wäre in den meisten deutschen Großstädten auf der sicheren, das heißt: gepolsterten Seite.

Wohin man schaut: Watte. Wolle. Weichheit. Die Leute tragen Daunenjacken, Riesenschals und Fellschuhe, als wollten sie sich in ihren eigenen Airbag verwandeln.

Das Softe und Schmiegsame dominiert die Alltagsmode, überall raschelt und flauscht es. Zum Beispiel: Ugg-Boots. Stiefel, die den Begriff Stiefel quasi mit fellummäntelten Füßen treten. Mit diesen Boots klingt man beim Laufen wie ein Golden Retriever, der heranwuschelt, um gestreichelt zu werden. Ugg-Boots sind eigentlich Pfoten in Schuhform. Der Ugg-Boot-Träger liest vermutlich Rousseau und träumt von vormodernen Zuständen, einer Welt jenseits des festen Schuhwerks, das anfällig ist für den ideologischen Auftritt. Mit Puschelschuhen kann man nicht paradieren.

Es verbreitet sich eine Mode der Dämmstoffe, was ja auch Sinn ergibt: Die Verhältnisse sind zugig geworden, die Probleme der Welt – Hass, Flucht, Krieg – betreffen uns mehr denn je. Und wenn wir uns schon nicht mental abdichten können gegen die Zumutungen der Zeit, dann isolieren wir uns eben auf Designebene. Die Komfortzone wird portabel gemacht.

Für oben: Daunen- beziehungsweise Steppjacke. Die Steppjacke gehörte lange in die Garderobe der konservativ-bürgerlichen Klientel. Man trug sie in Oliv oder Dunkelblau, und kam noch eine Cordhose dazu, dann sah man aus wie ein Konfirmand, der ein Rilke-Gedicht aufsagt, während im Hintergrund Mozart läuft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 10 vom 25.2.2016.

Jetzt gibt es die Daunenjacke in allen Farben und Konsistenzen, von handtuchdünn bis luftmatratzendick, wobei sich die Sommerdaune mehr und mehr durchsetzt. Die Jacken sind dann nicht mehr so geplustert oder gebläht; das Gewebe erinnert an Heizdecken, denen man Ärmel angenäht hat. Oder an sehr schickes Isoliermaterial.

Das Accessoire der Saison: der Deckenschal. Eine riesige Stoffbahn, kunstvoll zum Nest drapiert, in dem sich Träger und Trägerin selbst verschanzen. Auch Männer, die nicht Jogi Löw heißen oder Grippe haben, tragen jetzt diese Schals vom Format einer Tischdecke. Fenster lassen sich damit verhängen oder ergonomisch schwierige Stühle aufpolstern. Man kann, je nach Gesinnung und kultureller Prägung, einen Turban daraus formen, eine Burka oder eine Vermummungshaube für die Pegida-Demo.

Der XXL-Schal kann zusammen- und ausgelegt werden wie kein anderes Utensil. So ist er nicht nur ein Symbol der Abschottung und des Rückzugs, er kuschelt und wuschelt auch für einen anderen Zweck: als ein Bekenntnis zur Weichheit, zum allgemeinen Bedürfnis nach Schutz. Wolle gewordene Willkommenskultur.

Mit dem Schal heißt man sich selbst willkommen, denn man ist ja auch auf der Flucht, gedanklich jedenfalls. Man will weg von den Ängsten und Zweifeln, weg von den Vorbehalten gegenüber dem, was kommen mag, und gegenüber jenen, die kommen werden. Optisch ist dieser Textiltornado diskutabel, aber gesellschaftlich ist er ein Schritt nach vorn: Man gibt zu, verletzlich zu sein.

Das Starre, Unnachgiebige ist nicht mehr in Mode. Härte wirkt ebenso veraltet wie ihre Schwester, die Coolness. Das Weiche, das Warme ist gefragt, das Flexible – nicht umsonst wurde Yoga zur Fitnessidee des Jahrzehnts, eine Meta-Sportart, die den Körper zum Zeichen einer inneren wie äußeren Dehnbarkeit formt.

Die Trendfarben des Frühlings heißen entsprechend Serenity und Rose Quartz. Blasse, milde Töne, als seien Blau und Rosa von sich selbst ermüdet und schwach geworden. Loslassen tut so gut – und wenn es erst mal nur die Pigmente sind.