Kanzlerin Angela Merkel (M.) mit Wahlkämpfern in Rheinland-Pfalz © Thomas Lohnes/Getty Images

Wie viel Abneigung kann ein Mensch ertragen, bis er verzweifelt? "Nein danke", "Nein", "Bloß nicht!", antworten die Fußgänger, die an Erik Bertram vorbeilaufen. Sie schütteln den Kopf, weichen ihm aus, tun so, als sähen sie ihn nicht. "Darf ich Ihnen noch was mitgeben?", fragt er und streckt Passanten kleine Tüten mit Gummibärchen entgegen.

"Was ihr aus Deutschland gemacht habt! Schämt euch!", sagt ein älterer Mann mit Filzhut und Stock, der an Bertram vorbeigeht. Er hebt seinen Zeigefinger. "Deutschland war das Beste, und jetzt ist es das Niederste."

Es ist ein betongrauer Nachmittag im Februar, als Erik Bertram bei null Grad vor einem Sonnenschirm mit CDU-Logo auf dem Bismarckplatz in Heidelberg steht, drei Wochen vor der Landtagswahl am 13. März. Der Platz ist ein Knotenpunkt der Stadt: Die Fußgängerzone der Altstadt endet hier, Straßenbahnen und Busse fahren ab. Ein nicht abreißender Strom von Menschen zieht an Bertram vorbei.

Er ist ein Mann von 28 Jahren im feinen Mantel. Die dunklen Haare hat er zur Seite gegelt, er ist sauber rasiert, die Zähne sind auffallend weiß. Man könnte ihn für einen Unternehmensberater halten. Aber Erik Bertram ist Physiker. "Wie Angela Merkel", sagt er, und diese Analogie scheint ihm zu gefallen. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit an der Universität ist er seit einem Jahr stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU in Heidelberg. Wer ihn trifft, hat das Gefühl, dass er es noch sehr weit bringen könnte.

Bertram sagt, er schätze es, wie Merkel Politik mache: global und auf Jahrzehnte bedacht. "Ich hege Bewunderung für die Bundeskanzlerin. Als Physikerin sieht sie eben das große Ganze."

Es werden immer weniger in der CDU, die Angela Merkel in diesen Tagen so offen unterstützen wie Erik Bertram. Er hält zu ihr, obwohl sie ihm das Leben schwer macht. Seitdem jeden Monat Zehntausende Flüchtlinge ins Land kommen und Merkel ihr "Wir schaffen das" in die Welt gesetzt hat, ist Bertram ein Außenseiter. Früher haben ihn die Menschen, die er im Wahlkampf ansprach, gelobt, sie klopften ihm auf die Schulter. Die Straße war auf seiner Seite. Heute ist die Straße gegen ihn.

"Darf ich Ihnen was mitgeben?", fragt er eine Frau, die ihr Fahrrad an ihm vorbeischiebt.

"CDU? Neeee!", sagt sie.

"Nicht mal Gummibärchen?"

"Nein!"

Ein bitterkalter Wind fegt über den Bismarckplatz, aus der Fußgängerzone hallt Akkordeongedudel. Erik Bertram und drei weitere Helfer sind heute hier, um die Landtagskandidatin Nicole Marmé an ihrem Wahlkampfstand zu unterstützen: eine blonde Frau Anfang 40, die Hund und Tochter mitgebracht hat. Auf dem kleinen Tisch unterm CDU-Schirm liegen Luftballons, Kugelschreiber, Parteiprogramme und Flyer. Auf Plakaten steht "Unsere Polizei wieder stark machen" und "Tempo machen beim Straßenbau". Aber darüber wollen die Passanten nicht reden. Sie interessieren sich für ein anderes Thema: "Für Flüchtlinge, sonst nichts, seit Monaten", sagt Erik Bertram.

Es sieht nicht gut aus für ihn und seine Partei. Erstmals in der Geschichte Baden-Württembergs könnte die CDU bei den Landtagswahlen nur den zweiten Platz belegen, hinter den Grünen. Der Südwesten, bisher Merkel-Land, steht auf der Kippe. "Ich bin ratlos", sagt Bertram. "Wer Merkel unterstützen will, denkt, er müsse grün wählen. Und wer sie bestrafen will, wählt AfD."

"Keiner redet mal Tacheles"

Ein Rentnerpaar kommt am CDU-Stand vorbei. Beide tragen feste Halbschuhe und Steppjacke. "Glauben Sie ja nicht, dass das alles schutzbedürftige Flüchtlinge sind!", sagt der Mann. "85 Prozent sind Analphabeten!"

"Was ist denn Ihre Lösung?", fragt Bertram, offenbar ernsthaft interessiert.

"Dicht machen! Zaun bauen! Alle zurückschicken!", antwortet der Rentner. "Vierzig Jahre habe ich CDU gewählt. Jetzt kann ich nicht mehr."

Der Rentner lässt sich nicht mehr bremsen. Er sagt: "Wir sind ein Land von Luschen! Keiner redet mehr Tacheles. Die Flüchtlinge denken doch, Deutschland ist ein Schlaraffenland! Da muss mal jemand das Signal geben: Ihr seid hier nicht willkommen! Aber die Politiker haben alle Schiss."

Sein Frau nickt heftig. "Die Flüchtlinge", sagt sie, "kriegen hier bald alles geschenkt. Das ist doch zum Kotzen. Früher war ich ein Fan von Frau Merkel, aber heute reagier ich allergisch, wenn ich die sehe."

Zehn Minuten diskutieren die Rentner und Bertram, dann zieht das Paar weiter. Bertram reibt sich die frostigen Hände, er hat seine Handschuhe vergessen. Er fragt sich, ob es die Menschen sind, die sich verändert haben – oder seine Partei.

Bertram hat sein Abitur mit eins Komma null bestanden, sein Studium begann er mit 17, es folgten Forschungsaufenthalte in Cambridge und Harvard. Seine Doktorarbeit in Astrophysik wurde ausgezeichnet. Er ist ein Mann, der alles richtig machen will und dessen Ehrgeiz bisher immer belohnt wurde. Angela Merkel war der Schlüssel zu seinem politischen Erfolg, sein Glücksbringer, der Grund, für den es sich zu kämpfen lohnte. Einmal, da war er noch Chef der CDU-nahen Studenten-Organisation RCDS, durfte er sie sogar im Kanzleramt besuchen.

Die Wut der Wähler

Inzwischen spürt Bertram nicht mehr nur die Wut der Wähler auf der Straße. Er erlebt auch den Ärger seiner Parteifreunde auf die eigene Vorsitzende. Aber Bertram steckt nicht auf. Er glaubt, dass die Geschichte Angela Merkel recht geben wird. Die Hauptaufgabe von Physikern sei es, Probleme zu lösen. Seit Jahren beschäftigt er sich damit, wie Turbulenzen im Weltall die Entwicklung von Sternen beeinflussen. Stark vereinfacht kann man sagen: Er kennt sich aus mit unruhigen Zeiten und mit Sternen, die verglühen oder neu entstehen.

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