Die Flugzeugtüren der Boeing 777 sind längst geschlossen, die Passagiere haben ihre Gurte angelegt, als auf Andrew Moravcsiks Handy eine SMS seines Sohns aufleuchtet: "Dad, was soll ich tun, falls der Sturm draußen schlimmer wird?" Der 17-Jährige sitzt allein zu Hause, beide Eltern sind auf Dienstreisen. "Nicht panisch werden! Und auf keinen Fall das Haus verlassen", tippt Moravcsik hektisch in sein Telefon, während eine Stewardess im Gang bereits die Gurte prüft. "Es kommt sehr selten vor, dass Menschen im Sturm sterben, weil ein Haus einstürzt." Eine zweite SMS schickt er an seine Frau: "Flugzeug geht gleich. Du musst übernehmen. Ruf zu Hause an."

Moravcsik ist Professor für Politikwissenschaft an der Eliteuniversität Princeton und Vater von zwei Söhnen. Außerdem ist er der Ehemann einer Frau, die berühmt wurde, weil sie einen wichtigen Job annahm, ihn dann wegen der Söhne aufgab und einen klugen Essay darüber schrieb: Anne-Marie Slaughter war unter Hillary Clinton Planungsstabschefin im Weißen Haus. Anschließend kehrte sie als Uni-Rektorin nach Princeton zurück und ist heute Vorsitzende eines großen Washingtoner Thinktanks.

"Warum Frauen nicht alles haben können", hieß ihr Text, den seit der Veröffentlichung vor vier Jahren sieben Millionen Leser anklickten. Inzwischen hat sie daraus ein Buch gemacht, das kommende Woche auf Deutsch erscheint: Was noch zu tun ist. Es geht um Gleichberechtigung und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Moravcsik ist, wie er selbst in einem Essay schrieb, "die andere Hälfte" dieser Geschichte. Er ist der Hauptzuständige für die Kinder – lead parent nennen das die Slaughters. Nach ihm riefen die Jungen, wenn sie nachts wach wurden. Bis heute kontrolliert er die Hausaufgaben, vereinbart Arzttermine und steht auf Notfalllisten.

Was also, Herr Moravcsik, können andere von Ihnen lernen? Vielleicht, unter welchen Bedingungen Männer alles haben können?

Zehn Stunden nach dem Abflug in Washington sitzt Moravcsik in einem belgischen Taxi, das durch Schneeregen fährt, und lacht. "Fifty-fifty funktioniert oft nicht", sagt er. Selbst wenn man privilegiert sei, wie sie: mit einer fest angestellten Haushälterin, flexiblen Arbeitszeiten, zwei hohen Einkommen. Sie hatten es sich damals, vor der Geburt ihres ersten Sohnes, in die Hand versprochen. Aber dann, er holt Luft, sei die Dynamik nicht aufzuhalten gewesen: Hat einer von beiden erst einmal einen dicken Job, folgt bald der noch dickere. Und natürlich sei in einer Ehe oft auch einer ehrgeiziger als der andere.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Moravcsik, der mit Heiko von der Leyen befreundet ist, auch so ein lead parent, erzählt von Dinnerpartys, bei denen die Gäste betreten schweigen, wenn er erwähnt, dass seine Ehefrau mehr verdient als er. Er spricht über Mütter-Netzwerke, zu denen er als berufstätiger Vater wenig Zugang hat. "Wenn es gut läuft, tolerieren sie dich, wenn es schlecht läuft, dissen sie dich", hat kürzlich ein befreundeter Vater geklagt. "Einen 30-Jährigen mit Baby auf dem Arm findet jeder cool", sagt Moravcsik, "aber den Mann über 50, der sich um seine Teenager-Söhne kümmert und deswegen weniger schnell Karriere macht? Schwierig." Und dann gab es vor Kurzem noch diese sicherheitspolitische Konferenz, bei der er von einer Frau aufgefordert wurde aufzustehen, um zu zeigen, ob er "ein Alpha-Männchen" sei.

Seine Frau hat für ihr Buch viele Ideen zusammengetragen, die das Leben berufstätiger Eltern erleichtern. Sie will Erziehungsarbeit durch mehr Anerkennung und Geld aufwerten. Außerdem wirbt sie dafür, mehr Karrieren in der zweiten Lebenshälfte zu ermöglichen. Und sie ermahnt andere Mütter, konsequenter zu akzeptieren, dass auch ein männlicher lead parent das Recht hat, die Regeln der Erziehung zu bestimmen.

Wer Moravcsik zuhört, hat allerdings den Eindruck, dass selbst das nur einen Teil der Probleme löst. Richtig gut funktioniere das Nebeneinander von Job und Familie vor allem beim Militär, sagt er. Weil dort für Soldaten und Soldatinnen, die gerade nicht im Ausland sind, oft extrem kinderfreundliche Arbeitszeiten gelten. Vor allem hatten die Väter es leichter mit ihrer Rolle als anderswo. "Wer in den Krieg zieht, um sein Land zu verteidigen, hat die Frage, ob er männlich genug ist, für sich selbst und für alle Beobachter anscheinend eindeutig genug geklärt."

In Brüssel soll Moravcsik einen Vortrag über Europa halten, dann will ihn eine Frauengruppe zu Familienthemen befragen. In den vergangenen Wochen hat er Interviews in Polen und Belgien gegeben, einen Auftritt vor zweihundert Italienerinnen hat er gerade schweren Herzens abgesagt.

Wenn man eines von ihm lernen kann, dann das: Auch Männer können nicht alles haben. Aber eine Menge.