Deutschland 1916: Das durchschnittliche Leben dauert 43 Jahre. Tuberkulose, Cholera und Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis sind die Killer dieser Zeit. 80 Prozent der Tuberkulosekranken sterben an ihrer Infektion. Der Tod kommt massenhaft und erschreckend unspektakulär. Ein Husten, eine Mandelentzündung, eine Schnittwunde können das Ende bedeuten.

Der Tod lauert in Küchen, in Waschbecken, auf Toiletten. Deshalb wird Hygiene zum obersten Gebot erklärt. Überall hängen Schilder: "Nicht spucken!", "Schlagt die Fliegen tot!" Plakate warnen davor, anderen ins Gesicht zu niesen. Sogar die Mode folgt der Angst: Die bodenlangen Röcke der Damen werden kürzer, so können sie keine Keime mehr von der Straße ins Haus schleppen.

Die Medizin vor hundert Jahren hatte den bakteriellen Krankheitserregern wenig entgegenzusetzen. Die Standardtherapie gegen Tuberkulose? Frische Luft. Das Mittel gegen Syphilis? Giftiges Quecksilber, später Arsen.

Auch in den Schützengräben von Verdun sterben die Soldaten – nicht nur an den feindlichen Kugeln. Der größere Feind ist die Bazille. Die hygienische Lage im Feld ist katastrophal – Ruhr, Cholera und Typhus wüten. Verwundete Soldaten erliegen der Blutvergiftung durch Tetanuserreger oder dem Wundbrand. Berüchtigt ist der sogenannte Grabenfuß. Weil die Soldaten permanent im Wasser stehen, faulen ihre Füße. Ärzte schütten ätzende Desinfektionsmittel darauf. Dass sie so das Sterben bloß beschleunigen, ahnen sie nicht. Ein britischer Arzt an der Front durchschaut die Schädlichkeit solcher Methoden. Er beschließt, ein Heilmittel gegen todbringende Keime zu entwickeln. Zwölf Jahre später ist er es, der das Penicillin entdeckt. Sein Name: Alexander Fleming.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Antibiotika wie das Penicillin waren eine Jahrhundertentdeckung, ein unfassbares Geschenk. Sie nahmen vielen Krankheiten den Schrecken und retteten Schätzungen zufolge Hunderten Millionen Menschen das Leben.

"Die Zeit wird kommen, da Penicillin von jedem im Geschäft gekauft werden kann", prophezeite Alexander Fleming, als ihm 1945 der Nobelpreis verliehen wurde. "Dann besteht die Gefahr, dass der Unwissende sich selbst unterdosiert und seine Mikroben mit nicht tödlichen Mengen des Medikaments resistent macht." Heute, siebzig Jahre später, scheint diese Prophezeiung wahr zu werden: In vielen Ländern sind Antibiotika frei verkäuflich. Und zahllose Patienten wenden sie falsch an. Mit den bekannten verheerenden Folgen: Die Zahl der resistenten Bakterien wächst weltweit. Die Wunderwaffe verliert an Schlagkraft. Droht uns die Rückkehr zu den Zuständen von 1916?

Viele sind verantwortlich für diese Entwicklung: Ärzte verschreiben die Mittel unnötig, Patienten nehmen sie nicht lange genug ein. Auch der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast lässt resistente Erreger entstehen, die über Fleisch auf den Menschen übergehen können. In Schwellenländern werden Antibiotika wegen Ärztemangels und schlechter hygienischer Zustände sogar prophylaktisch angewandt. In Indien etwa, wo Neugeborene gleich damit geimpft werden.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Aber auch die Europäer machen erhebliche Fehler. Noch immer weiß die Hälfte der Deutschen nicht, dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen, sondern nur gegen Bakterien. Selbst gebildete Leute missbrauchen die Medikamente und fordern etwa bei – durch Viren ausgelöstem – Schnupfen von ihrem Arzt eine Antibiotika-Verschreibung, damit sie sich weiter krank zur Arbeit schleppen können. Eine Analyse der Deutschen Angestellten-Krankenkasse zeigt: Fast 30 Prozent der Antibiotikum-Verordnungen sind fragwürdig.

Die Furcht vor den Erregern wird bei vielen nur noch übertroffen von der Angst vor Nebenwirkungen. Da Forscher nach und nach die faszinierende Mikrobenwelt im menschlichen Verdauungstrakt entdecken, wächst in der Patientenschaft die Sorge um die Darmflora. Was, wenn Antibiotika zu viele der hilfreichen und nützlichen Bakterien zerstören – kann das Allergien oder Rheuma hervorrufen, kann uns das adipös oder depressiv machen?