Deutschland 1916: Das durchschnittliche Leben dauert 43 Jahre. Tuberkulose, Cholera und Geschlechtskrankheiten wie die Syphilis sind die Killer dieser Zeit. 80 Prozent der Tuberkulosekranken sterben an ihrer Infektion. Der Tod kommt massenhaft und erschreckend unspektakulär. Ein Husten, eine Mandelentzündung, eine Schnittwunde können das Ende bedeuten.

Der Tod lauert in Küchen, in Waschbecken, auf Toiletten. Deshalb wird Hygiene zum obersten Gebot erklärt. Überall hängen Schilder: "Nicht spucken!", "Schlagt die Fliegen tot!" Plakate warnen davor, anderen ins Gesicht zu niesen. Sogar die Mode folgt der Angst: Die bodenlangen Röcke der Damen werden kürzer, so können sie keine Keime mehr von der Straße ins Haus schleppen.

Die Medizin vor hundert Jahren hatte den bakteriellen Krankheitserregern wenig entgegenzusetzen. Die Standardtherapie gegen Tuberkulose? Frische Luft. Das Mittel gegen Syphilis? Giftiges Quecksilber, später Arsen.

Auch in den Schützengräben von Verdun sterben die Soldaten – nicht nur an den feindlichen Kugeln. Der größere Feind ist die Bazille. Die hygienische Lage im Feld ist katastrophal – Ruhr, Cholera und Typhus wüten. Verwundete Soldaten erliegen der Blutvergiftung durch Tetanuserreger oder dem Wundbrand. Berüchtigt ist der sogenannte Grabenfuß. Weil die Soldaten permanent im Wasser stehen, faulen ihre Füße. Ärzte schütten ätzende Desinfektionsmittel darauf. Dass sie so das Sterben bloß beschleunigen, ahnen sie nicht. Ein britischer Arzt an der Front durchschaut die Schädlichkeit solcher Methoden. Er beschließt, ein Heilmittel gegen todbringende Keime zu entwickeln. Zwölf Jahre später ist er es, der das Penicillin entdeckt. Sein Name: Alexander Fleming.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Antibiotika wie das Penicillin waren eine Jahrhundertentdeckung, ein unfassbares Geschenk. Sie nahmen vielen Krankheiten den Schrecken und retteten Schätzungen zufolge Hunderten Millionen Menschen das Leben.

"Die Zeit wird kommen, da Penicillin von jedem im Geschäft gekauft werden kann", prophezeite Alexander Fleming, als ihm 1945 der Nobelpreis verliehen wurde. "Dann besteht die Gefahr, dass der Unwissende sich selbst unterdosiert und seine Mikroben mit nicht tödlichen Mengen des Medikaments resistent macht." Heute, siebzig Jahre später, scheint diese Prophezeiung wahr zu werden: In vielen Ländern sind Antibiotika frei verkäuflich. Und zahllose Patienten wenden sie falsch an. Mit den bekannten verheerenden Folgen: Die Zahl der resistenten Bakterien wächst weltweit. Die Wunderwaffe verliert an Schlagkraft. Droht uns die Rückkehr zu den Zuständen von 1916?

Viele sind verantwortlich für diese Entwicklung: Ärzte verschreiben die Mittel unnötig, Patienten nehmen sie nicht lange genug ein. Auch der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast lässt resistente Erreger entstehen, die über Fleisch auf den Menschen übergehen können. In Schwellenländern werden Antibiotika wegen Ärztemangels und schlechter hygienischer Zustände sogar prophylaktisch angewandt. In Indien etwa, wo Neugeborene gleich damit geimpft werden.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Aber auch die Europäer machen erhebliche Fehler. Noch immer weiß die Hälfte der Deutschen nicht, dass Antibiotika nicht gegen Viren helfen, sondern nur gegen Bakterien. Selbst gebildete Leute missbrauchen die Medikamente und fordern etwa bei – durch Viren ausgelöstem – Schnupfen von ihrem Arzt eine Antibiotika-Verschreibung, damit sie sich weiter krank zur Arbeit schleppen können. Eine Analyse der Deutschen Angestellten-Krankenkasse zeigt: Fast 30 Prozent der Antibiotikum-Verordnungen sind fragwürdig.

Die Furcht vor den Erregern wird bei vielen nur noch übertroffen von der Angst vor Nebenwirkungen. Da Forscher nach und nach die faszinierende Mikrobenwelt im menschlichen Verdauungstrakt entdecken, wächst in der Patientenschaft die Sorge um die Darmflora. Was, wenn Antibiotika zu viele der hilfreichen und nützlichen Bakterien zerstören – kann das Allergien oder Rheuma hervorrufen, kann uns das adipös oder depressiv machen?

Wie entstehen Resistenzen?

Es ist paradox: Während die einen Antibiotika wie Kopfschmerztabletten einwerfen und in Eigenregie noch die angebrochene Packung vom Vorjahr aufbrauchen, anstatt zum Arzt zu gehen, trauen andere den Medikamenten nicht mehr. Viele sind verunsichert. Können Antibiotika uns noch schützen? Wann sind sie wirklich nötig? Und wann nicht?

1. Wie entstehen Resistenzen, und wie schlimm ist die Lage?

Die Regel der Evolution gilt für alle Lebewesen, fürs Nilpferd und fürs Bakterium: survival of the fittest. Wer am besten an die Umwelt angepasst ist, gewinnt und darf seine Gene weitergeben. Der Rest geht unter. Ändern sich die Umweltbedingungen, wird ausgesiebt. Wer zufällig passende Gene hat, obsiegt. Für Nilpferde ist die natürliche Umwelt die afrikanische Savanne, für manche Bakterien ist es unser Körper.

Schlucken wir ein Antibiotikum, läuft in unserem Körper die Evolution im Kleinformat ab: Welche Keime überstehen diese neue, plötzlich giftig gewordene Umwelt? Im Idealfall gehen alle Krankheitserreger zugrunde. Bisweilen aber überleben vereinzelte Bakterien den medikamentösen Angriff, weil sie zufällig Gene besitzen, die sie vor dem angewandten Antibiotikum schützen. Diese Gene geben sie weiter. Manche Erreger besitzen von Natur aus die Fähigkeit zur Abwehr, bei anderen tritt sie erst durch Mutationen neu auf. Kleine Veränderungen im Erbgut führen dann dazu, dass bestimmte Wirkstoffe nichts mehr gegen den Erreger ausrichten können. Einem solchen resistenten Keim kommen Antibiotika nun sogar zugute, weil sie ihm die Ausbreitung erleichtern: Ist der Rest der Sippe tot, bleibt mehr Platz für den Mutanten. Jedes Mal, wenn ein Antibiotikum verordnet wird, können sich daher potenziell Resistenzen vermehren. Wird ein Antibiotikum sehr häufig verschrieben, kann es also passieren, dass es sich selbst nutzlos macht.

Besonders dramatisch ist die Lage in Schwellenländern. Doch resistente Erreger kümmern sich nicht um Grenzen, sie breiten sich von Indien oder Südamerika über die ganze Welt aus. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte bereits vor einem "post-antibiotischen Zeitalter": Im 21. Jahrhundert könnten "verbreitete Infekte und harmlose Verletzungen wieder tödlich sein".

Der Mediziner Tim Eckmanns vom Berliner Robert-Koch-Institut hält die Lage global betrachtet bereits für "alarmierend", hierzulande aber noch "nicht für übermäßig dramatisch". Zu Hysterie bestehe kein Anlass. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat Umfragen zufolge jedoch Angst, sich im Krankenhaus mit einem multiresistenten Keim anzustecken. Dabei sind deutsche Krankenhäuser ziemlich sicher: 19 Millionen Patienten werden dort jedes Jahr versorgt. Nur etwa 30.000 davon erkranken dabei an einer Infektion mit einem multiresistenten Keim – das sind 0,15 Prozent. Und nur 0,008 Prozent der Krankenhauspatienten bekommen eine Infektion, gegen die gar kein Antibiotikum mehr wirkt. Seit 2008 erfasst das Robert-Koch-Institut Daten aus fast 500 deutschen Krankenhäusern und 7.000 Arztpraxen. Die jüngste Auswertung zeigt: Der gefürchtete Keim MRSA, der als einer der häufigsten multiresistenten Erreger gilt, ist auf dem Rückzug. Wohl auch deshalb, weil die Kliniken die Gefahr erkannt und ihre Hygienestandards weiter verbessert haben. Allerdings beobachten die Robert-Koch-Mediziner gleichzeitig einen steten Anstieg der sogenannten ESBL-Keime. Das sind Darmbakterien, die bestimmte Enzyme produzieren, mit denen sie den Wirkstoff gängiger Antibiotika zunichtemachen können. Auch gesunde Menschen tragen solche Erreger immer häufiger in sich, sie lauern im Essen, auf Fleisch und Wurst. Die Keime sterben erst beim Braten und Kochen. Rohes Fleisch sollte deshalb nie mit anderen Lebensmitteln in Kontakt kommen. Bis in die Küche hinein fordert das Problem also höchste Aufmerksamkeit.

Dass striktes Handeln hilft, zeigt die Antibiotika-Resistenz-Strategie der Bundesregierung: Die Ärzte in Deutschland verordnen mittlerweile weniger Antibiotika als noch vor einigen Jahren. Und doch: "Antibiotika werden immer noch zu häufig verschrieben", sagt Gerd Fätkenheuer, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Ein Antibiotikum zu viel für den einen Patienten bedeutet für den anderen letztlich ein Antibiotikum zu wenig.

Wann ist ein Antibiotikum nötig?

2. Wann ist ein Antibiotikum wirklich nötig und wann nicht?

Unser Immunsystem wird mit den allermeisten Eindringlingen mühelos fertig, es braucht dafür nur Zeit. Eine Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis) etwa muss nicht unbedingt mit Antibiotika behandelt werden, oft sind Nasenspülungen mit Salz und ein Cortison-Spray deutlich hilfreicher. Auch eine Blasenentzündung heilt häufig von selbst, wenn die Betroffenen sonst gesund sind und sich der Infekt wirklich nur auf die Blase beschränkt. Das wiesen zuletzt deutsche Wissenschaftler nach. Nach dem Zufallsprinzip hatten sie 500 erkrankte Frauen in zwei Gruppen geteilt: Die einen bekamen ein Antibiotikum, die anderen nur entzündungshemmende Schmerzmittel. Letzteres reichte etwa zwei Dritteln der Frauen in dieser Gruppe – nur ein Drittel brauchte schließlich doch ein Antibiotikum.

"Die Entscheidung, wann ein Antibiotikum nötig ist, kann nur der Arzt treffen, nach körperlicher Untersuchung und entsprechend der Verfassung und Geschichte des Patienten", sagt Anette Friedrichs, Oberärztin am Uni-Klinikum Kiel und Beauftragte für "Antibiotic Stewardship". Doch die Vorstellung, der Erreger lasse sich binnen Stunden per Bluttest identifizieren, ist bis heute Utopie. Es gibt zwar Labortests, die auf eine Entzündung hinweisen, etwa auf die Konzentration des Eiweißes C-reaktives Protein (CRP). Ein erhöhter Wert kann aber auch von Viren herrühren oder von einer Krebserkrankung. Wirklich aussagekräftig ist nur ein unauffälliger Blutbefund: Er spricht eher für Virenbefall – also gegen Bakterien und gegen ein Antibiotikum. Denn dieses ist gegen Viren absolut machtlos. In ambulanten Praxen werden solche Tests nur selten gemacht, weil die Kosten von den Krankenkassen oft nicht übernommen werden.

Ärzte verschreiben Antibiotika leider auch häufig bei Erkältungen. Sinnvoll ist das aber nur im Ausnahmefall, wenn eine "Superinfektion" vorliegt, bei der zusätzlich zu den Viren noch Bakterien auftreten. Eine solche Infektion äußert sich zum Beispiel in hohem Fieber. Oft nach einer Phase der vorläufigen Besserung.

Auch bei sehr ernsten Infekten ist es nicht einfach zu erkennen, ob Viren oder Bakterien am Werk sind. Eine Hirnhautentzündung etwa kann durch Viren oder durch Bakterien verursacht werden. Beide Varianten äußern sich in Nackensteifigkeit, Fieber, Kopfweh, Übelkeit und Verwirrtheit – die bakterielle Variante ist aber weitaus gefährlicher und führt schnell zu noch heftigeren Beschwerden. Auch eine Lungenentzündung kann durch beiderlei Erregertypen hervorgerufen werden. Sind Viren schuld, entwickeln sich die Symptome langsamer, die bakterielle Variante geht häufig mit Fieber und Schüttelfrost einher.

All diese Zeichen zu deuten ist eine Kunst, die erfahrene Ärzte in der Regel beherrschen. Entscheidend ist, dass sie sich Zeit für eine sorgfältige Untersuchung nehmen, auch bei harmlosen Infekten. "Die Diagnostik fällt im Praxisalltag leider oft nicht so gründlich aus", sagt Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut. Wer als Patient den Eindruck hat, vorschnell mit einem Rezept abgespeist zu werden, sollte nachhaken: Welche Argumente sprechen für ein Antibiotikum? Wie sicher lässt sich ein Virusinfekt ausschließen? Besteht nicht auch die Möglichkeit abzuwarten? Und warum soll es genau dieses Antibiotikum sein?

Kann mir ein Antibiotikum schaden?

Immer wieder verordnen Ärzte sogar sogenannte Reserveantibiotika, obwohl die nur für den Notfall gedacht sind – wenn aufgrund von Resistenzen kein anderes Antibiotikum mehr hilft. Zu häufig verschreiben sie auch Breitband-Antibiotika, die gegen zahlreiche unterschiedliche Bakterientypen zugleich wirken. Das kann sinnvoll sein, wenn es schnell gehen muss – etwa bei einer Blutvergiftung (Sepsis) – und der Arzt noch nicht weiß, um welchen Keim es sich handelt. "Doch sobald man den Nachweis eines Erregers hat, sollte man die Antibiotikatherapie anpassen", sagt Anette Friedrichs.

Die rasche Wirkung der Medikamente ist Segen und Fluch in einem: Lassen die Beschwerden nach (oft nach wenigen Stunden), vergessen viele Menschen, die Mittel noch bis zum verordneten Therapieende weiterzunehmen. Mit den Symptomen sind jedoch längst nicht alle Krankheitserreger verschwunden – die verbliebenen Keime können die Infektion wieder aufflammen lassen. Schlimmstenfalls aber werden sie sogar resistent.

3. Kann mir ein Antibiotikum schaden?

Schätzen wir uns glücklich, im Zeitalter der Antibiotika zu leben! Aber natürlich hat jede wirksame Arznei auch Nebenwirkungen. Die häufigsten bei Antibiotika sind allergische Reaktionen oder Verdauungsstörungen. Der typische Durchfall vergeht meist nach ein paar Tagen. Wissenschaftler sorgen sich jedoch wegen möglicher langfristiger Schäden an der Darmflora.

Der Begriff Flora ist nicht ganz korrekt – Bakterien sind keine Pflanzen – aber er verdeutlicht, dass wir ein ganzes Ökosystem in unserem Darm beherbergen. Über tausend verschiedene Bakterienarten haben Wissenschaftler dort identifiziert. Und offenbar gilt für die Darmflora dasselbe wie für jedes andere Ökosystem: Je größer ihre Vielfalt, desto gesünder ist sie. Antibiotika jedoch unterscheiden nicht zwischen schädlichen und nützlichen Bakterien. Wie Planierraupen im Regenwald richten sie in der Darmflora Kahlschlag an. Zwar sterben dabei nicht alle Bakterien, weshalb sich die Einzeller nach der Therapie rasch wieder vermehren. Aber das Artenspektrum wird verändert. "Meist regeneriert es sich wieder – aber nicht immer", sagt der Gastroenterologe Emeran Mayer von der University of California. "Untersuchungen zeigen, dass vor allem nach mehrmaliger Antibiotika-Therapie das Spektrum dauerhaft verändert ist." Den gravierendsten Effekt scheinen die Breitband-Antibiotika zu haben. Sie können die Darmflora derart aus dem Gleichgewicht bringen, dass sich das eigentlich harmlose Bakterium Clostridium difficile zu stark vermehrt und damit beginnt, Gift zu produzieren. Schwerer, mitunter lebensbedrohlicher Durchfall ist die Folge.

Erst seit einiger Zeit verstehen Forscher, dass Darmbakterien mehr tun, als bei der Verdauung zu helfen. Sie unterstützen das Immunsystem und versorgen uns mit wichtigen Nährstoffen. Sie haben womöglich weitere Funktionen, von denen wir noch gar nichts ahnen. Manche Forscher glauben, dass Darmbakterien sogar Einfluss auf die Psyche nehmen und unser Verhalten beeinflussen. Die Hinweise stammen bisher allerdings nur aus Versuchen an Mäusen: Veränderten die Forscher die Darmflora der Tiere, wurden die entweder mutiger oder ängstlicher. Ob das auch für Menschen gilt, muss noch erforscht werden. Zwar heißt es, Antibiotika könnten Angstzustände und Depressionen auslösen. Doch das wurde nur vereinzelt bei Mitteln vom Typ der Fluorchinolone beobachtet. Und mit Darmbakterien hat diese Nebenwirkung auch nichts zu tun, sie tritt auf, weil Fluorchinolone auf die Nervenzellen wirken.

Hingegen ist erwiesen, dass Darmbakterien den Stoffwechsel beeinflussen. Sie begünstigen womöglich auch die Entstehung von Übergewicht. Unklar ist, welche Bakterienarten die Gewichtszunahme fördern und welche sie verhindern. Und welchen Einfluss Antibiotika dabei haben könnten. Klar ist nur: Antibiotika wurden nicht ohne Grund jahrzehntelang bei der Tiermast eingesetzt.

All das ist kein Grund, sich ein Antibiotikum im Notfall zu versagen. Sein Nutzen überwiegt im Ernstfall den Flurschaden bei Weitem. Aber die Erkenntnisse der Darmflora-Forscher sind zumindest eine Mahnung. Wer unnötig Antibiotika nimmt, um immer auf der sicheren Seite zu sein, setzt seinen Körper Risiken aus.

Da jeder Mensch auf Medikamente anders reagiert und jedes Antibiotikum unterschiedlich wirkt, verändert es auch die Darmflora sehr individuell. "Es kommt vor allem darauf an, wie das Artenspektrum vor der Therapie beschaffen war", sagt Emeran Mayer. Eine stabile Flora wird sich von selbst regenerieren, zumindest bei Erwachsenen. "Bei Kindern ist die Wirkung von Antibiotika problematischer. Bei ihnen können die Veränderungen dauerhaft sein."

4. Was ist bei Kindern zu beachten?

Die Abwehrkräfte von Kindern entwickeln sich erst nach und nach. Die kindliche Darmflora ist deutlich weniger artenreich und stabil als die eines Erwachsenen. "Gerade Breitband-Antibiotika können die Darmflora stark einschränken", sagt Johannes Liese, Infektiologe an der Kinderklinik in Würzburg.

Studien zeigen, dass Menschen, die an chronischen Entzündungen des Darms oder an Asthma leiden, als Kinder oft mit Antibiotika behandelt wurden. Solche Menschen erkranken auch häufiger an Autoimmunleiden wie Rheuma, an Übergewicht, an Diabetes. Warum, ist unklar. "Ob hier ein kausaler Zusammenhang besteht, sollte durch weitere Forschung unbedingt geklärt werden", sagt Johannes Liese. Denn auch andere Faktoren, etwa die Ernährung, könnten eine Rolle spielen.

Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie setzt sich dafür ein, dass Kinderärzte mit den Mitteln sorgsamer umgehen. Der Bewusstseinswandel greift: Kinderärzte verschreiben Antibiotika inzwischen seltener und in geringerer Dosierung als früher. "Aber leider kursiert noch immer der Irrglaube, mit Antibiotika sei man auf der sicheren Seite", so Liese. Bei Ärzten und bei Eltern. Letztere äußerten oft sogar den Anspruch, mit einem Rezept die Praxis zu verlassen.

Dabei sind es bei Kindern meist Viren, die Infekte auslösen. Eine bakteriell bedingte Mittelohrentzündung etwa sei in der Regel eitrig, und die Erreger siedelten typischerweise in beiden Ohren. Einseitige Beschwerden hingegen sprächen eher für einen Virenbefall. Bei Atemwegserkrankungen sei die Dauer ein wichtiger Anhaltspunkt: "Mit viralen Infekten wird das Kind normalerweise in drei bis sieben Tagen fertig", sagt Liese. Hat es aber zum Beispiel starke Atemnot, leide es möglicherweise an einer bakteriellen Lungenentzündung – dann wiederum seien Antibiotika unabdingbar. Bei eitrigen Mandelentzündungen geht es auch nicht ohne.

Wie erholt sich die Darmflora?

5. Wie erholt sich die Darmflora?

Manchmal haben Patienten keine Wahl, es gibt keine Alternative zum Antibiotikum. Mit Unbehagen an die Folgen zu denken nützt nichts. Viele würden gern etwas tun, um ihre Darmflora wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Seit einiger Zeit werden Probiotika und Präbiotika als Mittel zur Darmsanierung angeboten. Probiotika sind lebende Bakterienkulturen. Oft enthalten sie Bakterien der Gattungen Bifidobacterium und Lactobacillus, die als Nützlinge im Darm gelten. Probiotika kann man in Form kostspieliger Pulver oder Pillen kaufen oder als Joghurt mit Gesundheitsversprechen. Bei den Präbiotika hingegen handelt es sich um unverdauliche Ballaststoffe, sie sind Futter für die Darmbakterien. Beides, so versprechen Hersteller, soll die gefledderte Darmflora wieder regenerieren. Der Gastroenterologe Emeran Mayer sieht das Angebot kritisch: "Es wird eine Menge Geld damit gemacht, dabei weiß man von relativ wenigen Darmbakterien-Arten, was sie wirklich tun." Mit einigen Ausnahmen gebe es kaum echte Daten zur Wirksamkeit.

Mayer empfiehlt, nach einer Antibiotika-Therapie natürliche Probiotika zu sich zu nehmen, etwa gewöhnlichen Joghurt, in dem sich Bifidobakterien und Laktobazillen tummeln. Auch andere fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Dickmilch, Kefir oder Kimchi beherbergen nützliche Bakterien. Man sollte keine erhitzten Produkte kaufen, da Hitze Bakterien tötet. Studien zeigten zudem, dass die Ballaststoffe Inulin und Oligofructose das Wachstum von Bifido- und Milchsäurebakterien fördern. Man findet diese Präbiotika in Bananen, Getreide, Chicorée, Artischocken, Zwiebeln, Pastinaken und Topinambur. Um Antibiotika-bedingtem Durchfall vorzubeugen, empfiehlt sich die Hefe Saccharomyces boulardii. Sie hemmt das Wachstum von Durchfallbakterien, wahrscheinlich auch das der problematischen Clostridien.

6. Was beeinflusst den verschreibenden Arzt bei seiner Entscheidung?

Auch Ärzte sind Menschen. Jeden Tag sehen sie unzählige Patienten, treffen Hunderte von Entscheidungen, stehen unter enormem Zeitdruck. Ein Antibiotikum verschreiben sie keineswegs immer nur aus medizinischen Gründen. Welche Faktoren ihre Entscheidungen beeinflussen, erforscht Tim Eckmanns, Leiter des Fachgebietes Antibiotikaresistenz am Robert-Koch-Institut. Eckmanns hat 3.500 Ärzte befragt – und fand Folgendes heraus: Männliche Ärzte verschreiben öfter Antibiotika als weibliche, junge Ärzte häufiger als ältere. Ein Viertel verschreibt Antibiotika, "um auf der sicheren Seite zu sein", ein Fünftel, "wenn der Patient unbedingt arbeiten will", ein Achtel verschreibt sie aus "Angst vor juristischen Konsequenzen bei Nichtbehandlung". Ein weiteres Achtel, wenn der Patient einen langen Anfahrtsweg hat. Für die letzte Gruppe gäbe es eine Lösung: Der Arzt gibt dem Patienten das Rezept mit und verabredet mit ihm ein Telefonat in zwei Tagen. Nur wenn sich sein Zustand nicht verbessert hat, löst der Patient das Rezept ein.

Statistiken zu deuten ist schwierig. Eckmanns kann nicht erklären, warum männliche Ärzte mehr Antibiotika verschreiben als weibliche. Bei älteren Ärzten lässt sich immerhin eine größere Gelassenheit vermuten: "Die sagen, dass sie häufiger auf ihre Erfahrung vertrauen."

Bei mangelnder Kommunikation kommt es vor, dass der Arzt glaubt, der Patient wolle ein Antibiotikum, obwohl das gar nicht der Fall ist. Die Missverständnisse potenzieren sich, wenn eine Sprachbarriere hinzukommt. "Wir wissen, dass Migranten hierzulande mehr Antibiotika bekommen", sagt Eckmanns. Der Arzt ist womöglich in Sorge, dass der Patient nicht wiederkommt, wenn sich sein Zustand verschlechtert.

Doch üben Patienten wirklich Druck auf Ärzte aus? Nur acht Prozent der Mediziner sagen, sie gäben solchen Forderungen nach. Allerdings gab ein Fünftel der Ärzte zu, ein Antibiotikum zu verschreiben, "wenn der Patient unbedingt arbeiten möchte" – obwohl er ins Bett gehört. Und zwölf Prozent der Patienten gaben zu, "ihre Erwartungen durchzusetzen" und ein Antibiotikum zu bekommen. Drei Prozent sagten, sie würden den Arzt wechseln, wenn sie keines bekämen.

Auch der Wohnort spielt eine Rolle. Westdeutsche Ärzte verordnen deutlich häufiger Antibiotika als ostdeutsche. Antibiotika-Hochburg ist das Saarland. Hier bekommt im Schnitt jeder dritte Patient ein Antibiotikum pro Jahr. Die Nähe zum Nachbarland könnte eine Rolle spielen. In Frankreich ist der Umgang mit Antibiotika traditionell laxer. Das Ost-West-Gefälle hingegen könnte eine Nachwirkung der DDR sein: "In der DDR mussten Ärzte in den Gesundheitsämtern arbeiten, bevor sie sich niederlassen konnten", sagt Eckmanns. Dadurch hätten sie ein größeres Bewusstsein für Resistenzen entwickelt. Andererseits: In Westdeutschland gehen die Leute häufiger zum Arzt – schlicht weil es mehr Ärzte gibt. Das führt auch zu mehr Verschreibungen.

So gewagt es ist, aus Zahlen konkrete Folgerungen abzuleiten – die Statistiken lassen aber ahnen, dass der Faktor Mensch beim Antibiotika-Abusus eine enorme Rolle spielt. Gewohnheiten, Kultur, Erwartungen beeinflussen unseren Umgang mit Medikamenten. Es wird dauern, sie zu ändern.