Als draußen die Blätter von den Bäumen fielen, gingen Marion Weber* die Worte verloren. Es war eine Nacht im Oktober. Marion Weber hatte entsetzliche Kopfschmerzen gehabt. Von der Feier ihrer Hockeymannschaft waren sie und ihr Mann schon früh nach Hause gegangen. Sie hatte sich ins Bett gelegt, am nächsten Morgen würde es sicher besser sein. Doch am Morgen waren die Worte verschwunden.

Tim Weber* fand seine Frau im Wohnzimmer. Unbemerkt war sie aufgestanden und saß auf dem Sofa. Sie wirkte abwesend, sagte nichts, gab auch keine Antwort und zeigte kaum eine Regung. Ihrem Mann war das unheimlich. Er fing an, das Frühstück zu machen, doch der Zustand seiner Frau ließ ihm keine Ruhe. Er sprach sie an, wieder und wieder. Bis er es nicht mehr aushielt: "Wenn du jetzt nichts sagst, ruf ich den Notarzt." Sie antwortete nicht. Der Rettungswagen kam.

Im Krankenhaus erklärten die Ärzte Tim Weber das Schweigen seiner Frau. Ob das Wort Aphasie an diesem Tag schon fiel, weiß er heute nicht mehr. Aber er erinnert sich an die Bilder, die die Ärzte ihm zeigten. Bilder vom Gehirn seiner Frau, auf denen große Teile bedrohlich verdunkelt waren. Marion Weber hatte in der Nacht einen Schlaganfall erlitten.

Ein Schlaganfall zerstört Hirngewebe. Die Blutzufuhr wird unterbrochen, sodass die Nervenzellen nicht ausreichend versorgt werden und absterben. Je nachdem, wie schwer der Anfall ist und welchen Hirnbereich er betrifft, kann es passieren, dass die Menschen hinterher motorische Probleme haben, dass sie etwa ein Bein und einen Arm nicht mehr bewegen können – oder die Sprache nicht mehr beherrschen. Bei Marion Weber traf der Schlaganfall die linke Hirnhälfte, in der bei den meisten Menschen die sprachlichen Fähigkeiten verankert sind.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Zunächst sprach sie kein Wort, nicht ungewöhnlich, kurz nach einem Schlaganfall. Was der Anfall angerichtet hatte, dämmerte den Webers erst einige Tage später, als der Ehemann und die Söhne wieder mal im Krankenhaus zu Besuch waren. Die Jungs zankten, und die Mutter versuchte zu schlichten. "Streitet euch nicht", wollte sie sagen. Doch was aus ihrem Mund kam, klang so seltsam, dass niemand ein Wort verstand. Es ergab keinen Sinn. Die Söhne fingen an zu lachen. "Es war, als würde meine Frau plötzlich eine andere Sprache sprechen, es klang wie Schwedisch", sagt Tim Weber.

"In meinem Kopf waren die Gedanken ganz klar, ich wusste genau, was ich sagen wollte, aber heraus kam etwas völlig anderes", sagt Marion Weber heute, sieben Jahre später. Sie kann davon erzählen, denn sie hat ihre Sprache wiedergefunden. Durch mühsames Training.

Tag für Tag benutzen wir die Sprache, ohne darüber nachzudenken, was für ein komplexes Werk der Geist da vollbringt. Über die Sprache verbinden wir uns mit anderen und tauschen uns aus, wir können Gedanken äußern und um Hilfe bitten, unsere Sorgen teilen und auch unser Glück. "Sprachverlust, das ist nicht weniger als Weltverlust", hat Siegfried Lenz geschrieben. Der Protagonist in seinem Roman Der Verlust erleidet ebenfalls eine Aphasie. Er ist daraufhin geradezu gewaltsam auf der Suche nach den verlorenen Wörtern und verspürt einen tiefen Schmerz, fast so, als "erdrückten ihn die nicht ausgesprochenen Wörter".

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

"Aphasie macht einsam", sagt die Hamburger Linguistin und Sprachtherapeutin Luise Lutz. Aus Angst oder Scham ziehen sich Betroffene oft zurück. Viele neigen zu Depression, mehr noch als andere Schlaganfallpatienten. "Sie verlieren die Nähe, die Intimität, die durch Sprache erzeugt wird", sagt Lutz. Was im Einzelnen passiert, ist schwer zu erklären, kein Patient ist wie der andere. Marion Weber brachte wochenlang keinen verständlichen Satz über ihre Lippen, oft kaum ein Wort. Beim Schreiben gerieten manche Buchstaben durcheinander, und auch das Lesen fiel ihr schwer. Andere haben Verständnisprobleme oder tun sich mit der Grammatik schwer, manche bekommen nur Laute heraus. Einige sagen "Winter", wenn sie "Sommer" meinen, oder "graufeln" statt "schaufeln". Andere reden ohne Unterlass ein wirres Kauderwelsch oder durchbrechen ihr Schweigen nur durch plötzliche Schimpfwörter, Flüche oder Floskeln. Das erste klare Wort, das Marion Weber von sich gab, war ausgerechnet "Scheiße".

Aphasiker können nicht immer steuern, was sie sagen. Nur wie sollen andere das verstehen? Wegen ihres sonderbaren sprachlichen Verhaltens verlieren Aphasiker nicht selten den Respekt ihrer Umwelt, werden für verrückt oder dumm gehalten und wie kleine Kinder behandelt. Dinge des Alltags können zur Demütigung werden. Wenn andere Leute die eigenen Sätze zu Ende sprechen, weil es ihnen nicht schnell genug geht. Wenn sie gar nicht hinhören und sich nur ihren Teil denken. Oder wenn man als Aphasiker im Café nur ein Wasser bestellt, weil man sich nicht traut, all die anderen Wörter auszusprechen, die in der Speisekarte stehen.

Aphasie muss jedoch kein Schicksal sein. Eine erste, spontane Rückbildung erleben viele Patienten sogar schon nach wenigen Wochen. Wenn sich etwa ein Ödem zurückbildet, das auf das Hirngewebe gedrückt hat. Aber oft bleiben auch danach noch Störungen zurück, die sich nur durch eine Therapie lindern lassen. Der Weg dahin ist lang und beschwerlich. Und längst nicht alle Patienten erlangen ihre alten Fähigkeiten zurück.

Marion Weber verbrachte den Winter in der Rehaklinik. Als draußen die Welt unter Schnee begraben lag, ging sie auf die Suche nach den verschütteten Wörtern und Sätzen in ihrem Kopf. Sie lernte, wieder Laute mit ihren Lippen und der Zunge zu formen. Lernte, Gegenstände zu benennen – Auto, Birne, Gießkanne. Sie schrieb Begriffe auf Papier und war erleichtert, dass die Buchstaben meistens dort saßen, wo sie hingehörten. Nur mit dem R gab es Probleme: Es fehlte oft in den Wörtern, die sie schrieb. Irgendwo auf dem Weg vom Kopf zum Papier ging es immerzu verloren.

Wie fühlt es sich an, wenn man als erwachsener Mensch noch einmal die Wörter seiner Muttersprache lernen muss wie Vokabeln einer Fremdsprache? Wenn einem Bilder vorgelegt werden und man zeigen soll, wo auf diesen der Apfel ist? "Ich kam mir manchmal vor wie ein Kind", sagt Marion Weber. Mit Grauen denkt sie zurück an die Chefarztvisite. Immer wenn der Chefarzt kam, fragte er sie nach den Namen ihrer Söhne. Da wurde ihr jedes Mal ganz schlecht vor Nervosität. Natürlich wusste sie, wie ihre Söhne hießen, nur sagen konnte sie es dem Chefarzt nicht. Vor jeder Visite übte sie: "Mika und Ole, Mika und Ole, Mika und Ole." Doch im entscheidenden Moment brachte sie die Worte nicht heraus. Die Aufregung blockierte sie. "Danach habe ich immer geheult."