Zwei Marokkanerinnen in der Hauptstadt Rabat © FADEL SENNA/AFP/Getty Images

Die Ereignisse der Kölner Silvesternacht sind aus den Nachrichten verschwunden, geblieben ist die Ansicht, dass der arabische Mann ein Frauenproblem hat. In unserer Vorstellung trägt er Jogginghose und Gelfrisur, und alles Weibliche überfordert ihn. Viele haben Angst vor ihm, manche verachten ihn. Wie wäre es aber, wenn wir versuchen würden, den arabischen Mann zu verstehen?

Man würde wohl damit anfangen, diejenigen zu befragen, die ihn gut kennen: die arabischen Frauen.

Man trifft sie in Marokko. Sie öffnen einem ihre Wohnzimmer, Küchen und Büros und erzählen in glasklaren Worten von ihrer Welt: Für sie ist der arabische Mann keine Gestalt, die in ihren Gedanken oder in den Fernsehnachrichten lebt – sie wohnen mit ihm unter einem Dach. Er ist ihr Ehemann, ihr Sohn, ihr Bruder oder Vater.

Weil dies aber eine Geschichte aus dem Morgenland ist, werden darin auch eine schöne Prinzessin und ein König von sagenhaftem Reichtum auftreten. Die Erzählung beginnt an einem Sonntagnachmittag im Februar mit einem Esel.

Er grast unter einer Palme auf dem Mittelstreifen einer frisch asphaltierten Straße, die zwischen vertrockneten Feldern hindurchführt. Die Wohnsiedlungen etwas außerhalb von Rabat, der Hauptstadt von Marokko, wurden mitten in die Landschaft gebaut.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Fatima Outaleb sieht dem Esel vom Fenster ihres Wintergartens aus zu. Jemand habe das Tier ausgesetzt, sagt sie. Sie gibt ihm manchmal altes Brot. Das Gras ist trocken, weil es seit Monaten nicht geregnet hat, und der Esel ist schon ganz mager.

"Wie kann man so ein Tier einfach sich selbst überlassen?", fragt Outaleb. Sie füttert auch die verdreckten Katzen, die im Gebüsch vor der Garage leben, sagt ihnen zärtlich Guten Tag, wenn sie nach Hause kommt, und verabschiedet sich, wenn sie zum Einkaufen fährt. Die Leute in der Siedlung halten sie deshalb für eine Verrückte. Niemand sonst beachtet die Tiere. "Die Nachbarn respektieren mich, aber sie denken, ich sei nicht normal."

Sie fügt hinzu: "Sie haben vielleicht nicht ganz unrecht."

Es begann damit, dass sie als Schulmädchen einen Wutanfall bekam, als ihre Mutter sie dazu bringen wollte, die schmutzigen Socken ihrer Brüder nach dem Fußballspiel zu waschen. Ihre Schwestern fanden nichts dabei. Aber Fatima fing an zu brüllen: Warum muss ich das tun? Warum waschen die nicht selbst ihre Socken? Warum darf ich nicht Fußball spielen?

Fatima wuchs in einem Bergdorf auf, ihre Eltern waren beide Analphabeten. Niemand hatte ihr je etwas von Frauenrechten erzählt. Manche akzeptieren das, was sie umgibt, andere sind mit einem Übermaß an Empathie und Wut ausgestattet. Sie blicken durch die Normalität hindurch und entdecken Ungerechtigkeit.

Die Wut überfällt Fatima Outaleb jetzt noch manchmal. Am Morgen hat sie in die Tastatur gehackt und auf Facebook gepostet: "Ich bin angewidert und entsetzt über die Ungerechtigkeiten, die in meinem Land geschehen!!!!" Es ging um einen besonders drastischen Fall von Korruption.

Traditionalisten wollen, dass alles so bleibt, wie es angeblich immer war. In Marokko lautet die Argumentation ungefähr so: Menschenrechte sind ein Westimport, Frauenrechte sowieso. Individuelle Freiheit wird der arabisch-islamischen Kultur immer fremd bleiben. In diesem Punkt ist man sich mit den Arabophoben des Westens einig, wobei die einen ihr Urteil abschätzig meinen und es für die anderen ein Kompliment ist.

Auch unter Wohlmeinenden ist die Ansicht verbreitet, die Araber und uns trenne nicht das Meer, das zwischen uns liegt, sondern etwas ganz und gar Unüberwindbares, was wir Kultur nennen. Doch heute, da sich so viele Menschen auf den Weg machen und Grenzen überwinden, könnte man auch mal Begriffe auf die Reise schicken: Man könnte versuchen, das EU-Nachbarland Marokko mit genau den Begrifflichkeiten zu beschreiben, mit denen wir sonst uns Europäer beschreiben.

Da wäre zum Beispiel das Wort Patriarchat.

Bei uns ist es zugegebenermaßen aus der Mode gekommen, aber es hat uns über Jahrzehnte dazu gedient, uns selbst besser zu verstehen. Es ist auch viel präziser als der Begriff "Kultur", der annimmt, das Frauenbild einer Gesellschaft sei nicht etwa ein hochkompliziertes Politikum, sondern eine Frage von Geschmack und Sitte: So wie die Araber gern geschmortes Kamelfleisch essen, unterdrücken sie auch ihre Frauen.