Nie falsch: Einfach mal liegen bleiben. © Clive Brunskill/Getty Images

Wenn ich im Hochsommer auf meiner Bank im Oderbruch sitze, die Füße in eine Wanne voll Eiswasser getaucht, ein kaltes Bier neben mir, dann weiß ich, dass ich es geschafft habe. Es ist Montagmorgen. Ein ganz normaler Arbeitstag. Und niemand will etwas von mir. Vor mir leuchtet das Kornfeld so gelb, dass es beinahe schon blendet. Die Libellen aus dem Entwässerungsgraben schießen in die Luft und umkreisen mich und verschwinden dann wieder im Wiesengrund.

Nun gut, werden Sie sagen, da sitzt einer im Grünen und lässt es sich gut gehen. Hat gearbeitet, denken Sie, hat gespart, hat gebaut. Schön für ihn. Doch der Schein trügt. Denn tatsächlich fanden die Bank unterm Birnbaum und ich nicht nach harter Arbeit zueinander, sondern nach ausgeklügeltem Nichtstun. Ich habe nicht viel getan, um endlich befreit unterm Birnbaum zu sitzen, sondern viel unterlassen. Und das Beste: Was ich kann, können Sie auch. Ohne Erbe oder Schufa-Auskunft. Nicht nur im Urlaub, sondern an jedem Tag.

Nichtstun wird gerne mit Faulheit verwechselt, aber um Faulheit geht es hier nicht. Sondern um eine Haltung, die uns davor bewahrt, das Falsche zu tun. Hier im Oderbruch habe ich einen Nachbarn, von dem ich viel übers Nichtstun gelernt habe. Und das, obwohl er sehr fleißig ist. Tagsüber mulcht und sät und erntet er, abends verkauft er seine Kartoffeln und Eier. In der Statistik gilt mein Nachbar als arbeitslos, weil er, der Flugzeugingenieur gelernt hat, nicht als Flugzeugingenieur arbeitet. Um nicht als arbeitslos zu gelten, müsste er morgens im Ingenieurbüro sitzen und abends im Supermarkt Gemüse kaufen. Mein Nachbar ist aber nicht nur fleißig, er ist auch sehr klug. Das kann man doch abkürzen, mag er sich gedacht haben. Seitdem lebt er, wie es ihm passt.

Wer das seltsam findet, auf den hört mein Nachbar nicht. Ein guter Ansatz. Wenn man aufhört, auf die anderen zu hören, nimmt man auf einmal wahr, was man davor überhört hatte: die leise, vom Unterbewusstsein aufsteigende Stimme menschlicher Bedürfnisse, die nur selten darum bittet, im Stau zu stehen, sich vor dem Bildschirm den Nacken zu reiben oder schon wieder eine Mail mit "Lieber Herr Hartmann" zu beginnen, obwohl der liebe Herr Hartmann der letzte Idiot ist, wie jeder weiß. Eigentlich will man das alles nicht. Eigentlich will man frische Luft, weite Sicht, ein bisschen platonische und sehr viel körperliche Liebe. Grundlage dafür: gelingendes Nichtstun.

Normalerweise ist es ja so: Erst haben wir keine Zeit für uns selbst wegen der Schule, dann keine Zeit für die Partnerschaft wegen der Ausbildung, dann keine Zeit für Kinder wegen des Berufs, dann keine Zeit für den Beruf wegen der Kinder. Wir lassen uns ausbilden, dann auspressen, und erst, wenn wir uns aussortieren lassen, kommen wir wieder zu uns. Mir scheint dieses Modell etwas heikel. Was, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin, wenn mein Berufsleben endet? Warum arbeiten, um Freiheiten zu gewinnen, wenn man ohne Arbeit zu größerer Freiheit gelangt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Folglich ließ ich nach dem Studium die Karriere einfach aus. Dazu kaufte ich diesen verfallenen Resthof – zu einem Preis, für den man in München seine Gästetoilette renoviert. Einige bezeichnen den Hof noch heute als Ruine. Denn nach anfänglichem Baumarktfuror gelang es mir unter großer Willensanstrengung, ihn nicht zu renovieren. Stattdessen kaufte ich diese Bank für neunzehn Euro neunzig. Auf ihr verbringe ich meine Tage.

Mein märkischer Nachbar würde sagen: "Deine Sache. Jeder, wie er will." So weit bin ich noch nicht. Ich möchte, dass Sie in mir einen annehmbaren Mitmenschen sehen. Aber muss ich dafür arbeiten? Es gibt so viel nutzlose Arbeit. Arbeit, die darauf zielt, Dinge herzustellen, die niemand braucht, und Arbeitsplätze zu schaffen, die keiner will. Und natürlich wird mit Arbeit oft Unheil angerichtet. Wir kennen das aus der Industriegeschichte: Wir verknechten uns zu endlosen Tatenketten, indem wir Asbest erst verbauen und dann sanieren, indem wir Benzin erst destillieren und dann aus dem Auspuff filtern, indem wir Atome erst spalten und dann nicht mehr loswerden. Oft scheint es mir, dass wir uns weniger beschäftigen als beschädigen.

Das Ganze nennt sich dann Wachstum; und es wächst auch in uns. Wenn es nicht wuchert. Tun Sie bitte rechtzeitig etwas dagegen. Unterdrücken Sie den Drang, Ihr Leben immerzu auszuweiten. Verstehen Sie eine bewältigte Tat nicht als Aufforderung zur nächsten. Versuchen Sie, nicht vier Dinge auf einmal zu tun.