Wenn ich im Hochsommer auf meiner Bank im Oderbruch sitze, die Füße in eine Wanne voll Eiswasser getaucht, ein kaltes Bier neben mir, dann weiß ich, dass ich es geschafft habe. Es ist Montagmorgen. Ein ganz normaler Arbeitstag. Und niemand will etwas von mir. Vor mir leuchtet das Kornfeld so gelb, dass es beinahe schon blendet. Die Libellen aus dem Entwässerungsgraben schießen in die Luft und umkreisen mich und verschwinden dann wieder im Wiesengrund.

Nun gut, werden Sie sagen, da sitzt einer im Grünen und lässt es sich gut gehen. Hat gearbeitet, denken Sie, hat gespart, hat gebaut. Schön für ihn. Doch der Schein trügt. Denn tatsächlich fanden die Bank unterm Birnbaum und ich nicht nach harter Arbeit zueinander, sondern nach ausgeklügeltem Nichtstun. Ich habe nicht viel getan, um endlich befreit unterm Birnbaum zu sitzen, sondern viel unterlassen. Und das Beste: Was ich kann, können Sie auch. Ohne Erbe oder Schufa-Auskunft. Nicht nur im Urlaub, sondern an jedem Tag.

Nichtstun wird gerne mit Faulheit verwechselt, aber um Faulheit geht es hier nicht. Sondern um eine Haltung, die uns davor bewahrt, das Falsche zu tun. Hier im Oderbruch habe ich einen Nachbarn, von dem ich viel übers Nichtstun gelernt habe. Und das, obwohl er sehr fleißig ist. Tagsüber mulcht und sät und erntet er, abends verkauft er seine Kartoffeln und Eier. In der Statistik gilt mein Nachbar als arbeitslos, weil er, der Flugzeugingenieur gelernt hat, nicht als Flugzeugingenieur arbeitet. Um nicht als arbeitslos zu gelten, müsste er morgens im Ingenieurbüro sitzen und abends im Supermarkt Gemüse kaufen. Mein Nachbar ist aber nicht nur fleißig, er ist auch sehr klug. Das kann man doch abkürzen, mag er sich gedacht haben. Seitdem lebt er, wie es ihm passt.

Wer das seltsam findet, auf den hört mein Nachbar nicht. Ein guter Ansatz. Wenn man aufhört, auf die anderen zu hören, nimmt man auf einmal wahr, was man davor überhört hatte: die leise, vom Unterbewusstsein aufsteigende Stimme menschlicher Bedürfnisse, die nur selten darum bittet, im Stau zu stehen, sich vor dem Bildschirm den Nacken zu reiben oder schon wieder eine Mail mit "Lieber Herr Hartmann" zu beginnen, obwohl der liebe Herr Hartmann der letzte Idiot ist, wie jeder weiß. Eigentlich will man das alles nicht. Eigentlich will man frische Luft, weite Sicht, ein bisschen platonische und sehr viel körperliche Liebe. Grundlage dafür: gelingendes Nichtstun.

Normalerweise ist es ja so: Erst haben wir keine Zeit für uns selbst wegen der Schule, dann keine Zeit für die Partnerschaft wegen der Ausbildung, dann keine Zeit für Kinder wegen des Berufs, dann keine Zeit für den Beruf wegen der Kinder. Wir lassen uns ausbilden, dann auspressen, und erst, wenn wir uns aussortieren lassen, kommen wir wieder zu uns. Mir scheint dieses Modell etwas heikel. Was, wenn ich nicht mehr auf der Welt bin, wenn mein Berufsleben endet? Warum arbeiten, um Freiheiten zu gewinnen, wenn man ohne Arbeit zu größerer Freiheit gelangt?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Folglich ließ ich nach dem Studium die Karriere einfach aus. Dazu kaufte ich diesen verfallenen Resthof – zu einem Preis, für den man in München seine Gästetoilette renoviert. Einige bezeichnen den Hof noch heute als Ruine. Denn nach anfänglichem Baumarktfuror gelang es mir unter großer Willensanstrengung, ihn nicht zu renovieren. Stattdessen kaufte ich diese Bank für neunzehn Euro neunzig. Auf ihr verbringe ich meine Tage.

Mein märkischer Nachbar würde sagen: "Deine Sache. Jeder, wie er will." So weit bin ich noch nicht. Ich möchte, dass Sie in mir einen annehmbaren Mitmenschen sehen. Aber muss ich dafür arbeiten? Es gibt so viel nutzlose Arbeit. Arbeit, die darauf zielt, Dinge herzustellen, die niemand braucht, und Arbeitsplätze zu schaffen, die keiner will. Und natürlich wird mit Arbeit oft Unheil angerichtet. Wir kennen das aus der Industriegeschichte: Wir verknechten uns zu endlosen Tatenketten, indem wir Asbest erst verbauen und dann sanieren, indem wir Benzin erst destillieren und dann aus dem Auspuff filtern, indem wir Atome erst spalten und dann nicht mehr loswerden. Oft scheint es mir, dass wir uns weniger beschäftigen als beschädigen.

Das Ganze nennt sich dann Wachstum; und es wächst auch in uns. Wenn es nicht wuchert. Tun Sie bitte rechtzeitig etwas dagegen. Unterdrücken Sie den Drang, Ihr Leben immerzu auszuweiten. Verstehen Sie eine bewältigte Tat nicht als Aufforderung zur nächsten. Versuchen Sie, nicht vier Dinge auf einmal zu tun.

Nichtstun ist friedlich und umweltverträglich

Auch ich war einmal effizient; ich nutzte meine Zeit. Am weitesten ging das ausgerechnet, als ich Vater wurde. Es kam vor, dass ich links ein Milchfläschchen schüttelte, während ich rechts die Maus bediente, dabei aber das Telefon zwischen Schulter und Wange geklemmt hielt und mit einem Auftraggeber sprach. Heute hilft mir das Nichtstun, einen Rest Würde zu bewahren, selbst wenn ich im Falsett Kinderlieder anstimme. Nichtstun heißt nicht, dass ich nicht singe. Nichtstun heißt, dass ich zufrieden damit bin, außer dem Singen nichts anderes zu tun.

Klingt gut, finden Sie, ist im Moment aber nicht hilfreich? Ihr Auto muss in die Werkstatt? Das Paket zur Retoure? Sie suchen noch immer das Java-Update für Ihr Elster-Programm? Die Spülmaschine ist auch schon wieder defekt?

Dann möchte ich Ihnen freundlich empfehlen, das Problem bei der Wurzel zu packen. Reparieren Sie nichts. Es wird wieder kaputtgehen. Rufen Sie keine Hotline an. Entledigen Sie sich stattdessen des dazugehörigen Produkts. Kaufen Sie nicht bei Tchibo. Niemals. Gehen Sie nicht ins Internet. Wenn Sie ins Internet gehen und eigentlich nach dem Wetter sehen wollen, sind Sie am Ende leicht um zwei Stunden Nichtstun gebracht und haben einen neuen Staubsauger bestellt. Vor allem aber: Verkaufen Sie Ihr Auto. Schon müssen Sie nicht mehr im Stau stehen, keine Umleitungen fahren und keinen Parkplatz suchen. Mehr Nichtstun lässt sich auf einen Schlag nicht gewinnen.

Natürlich gibt es nützliche Arbeit. Man erkennt sie im Allgemeinen daran, dass sie schlecht bezahlt wird. Ich würde nicht einmal ausschließen, dass es Menschen gibt, denen ihr Job Spaß macht. Doch diese Arbeitnehmer gehören einer winzigen, privilegierten Minderheit an. Die meisten Busfahrer und Paketzusteller würden wohl nicht mehr zum Dienst erscheinen, wenn sie es nicht müssten. Ist es so gesehen nicht zynisch, ein Recht auf Arbeit zu proklamieren? Sozialer wäre es, das Recht auf Grundsicherung vom Stigma des Almosens zu befreien. So ließe sich unsere Gesellschaft freundlicher gestalten.

Wer das bezahlen soll? Niemand. Die größten volkswirtschaftlichen Kosten entstehen nicht durch Nichtstun, sondern durch Arbeit. Produktionsstraßen müssen erstellt werden und Transportwege gebaut, Werbeanzeigen geschaltet und Geschäftsreisen unternommen, es muss gefahren und geflogen werden, es muss Gas durch Pipelines geführt und nach Rohöl gebohrt werden, das alle paar Kilometer in destillierter Form an Zapfsäulen bereitzustehen hat. Wenn man bedenkt, dass der Ertrag dieser Mühen bromhaltige Turnschuhe aus China sind, ist das etwas aufwendig. Und kostspielig. Doch erst die Folgeschäden, eine bis auf die Nanoebene durchseuchte Welt, sind so unermesslich teuer, dass wir schon heute nicht wissen, wie wir sie je bezahlen sollen.

Ein bisschen Geld zum Leben brauche natürlich auch ich. Kita. Versicherung. Hofkredit. Auch wenn ich befreit unterm Birnbaum sitze, keinen neuen Rechner kaufe und nicht an die Costa Brava fliege, bleibt doch ein kleiner Posten, der nicht wegzurechnen ist. Und weil jemand, der gerne nichts tut, leicht des Schnorrens verdächtigt wird, folgt hier mein volles Geständnis: Ich arbeite. Manchmal. Ich will nicht, aber ich muss. Also tippe ich hin und wieder etwas in eine Tastatur oder spreche etwas in ein Rundfunkmikrofon. Auch 600 Euro pro Monat wollen verdient sein. Ich darf nur nicht anfangen, mehr zu verdienen. Dann würde ich mir mehr leisten können und dafür mehr arbeiten müssen, um hin und wieder nichts zu tun.

Auch mein märkischer Nachbar lebt keineswegs von Hartz IV. Er arbeitet viel, aber nur, wenn er Lust dazu hat. Wenn er keine Lust hat, bläst er lieber eine seiner Tauben auf. Er führt den Taubenschnabel an seinen Mund, umschließt ihn mit den Lippen und pustet hinein, bis dem Tier ein riesiger Kropf wächst. Dann lässt er das Tier wieder fliegen, und es torkelt wie ein Luftballon, dem man die Luft entlässt, zu Boden. Es kümmert ihn so wenig, dass er im Dorf als arbeitslos gilt, wie es ihn kümmert, was ich vom Taubenaufblasen halte.

Das unterscheidet gelingendes Nichtstun von "Landlust" und hippem Konsumverzicht. Es geht hier nicht um Lebensästhetik, sondern um eine möglichst dickfellige Haltung gegenüber all dem, was gerade als selbstverständlich gilt. Glauben Sie an das, was Sie nicht tun. Fragen Sie niemanden nach seiner Meinung. Versuchen Sie niemals zu sehen, wie andere Sie sehen. Hören Sie auf mit dem feinen Unsinn. Seien Sie einfach Sie selbst.

Manchmal versuche ich, ein paar Kartoffeln unter die Erde zu bringen. Manchmal sitze ich mit Besuch und einigen Flaschen Bier auf der Bank, und das Kind spielt im Gras. Manchmal gehen wir alle zusammen in den Dorfkrug, wo das Kind der beliebten Wirtin beim Zapfen hilft. Viel mehr brauche ich nicht im Leben.

Ich weiß schon: Nichtstun senkt das Bruttoinlandsprodukt, holt niemanden von der Straße und ist nicht wettbewerbsfähig. Das bedeutet aber nicht, dass Nichtstun sich um andere Menschen nicht schert. Im Gegenteil. Gelingendes Nichtstun geht nur davon aus, dass man mehr Schlechtes als Gutes bewirkt, solange man einem System angehört, das auf Wachstum, Verschwendung und Ausbeutung basiert. Auf meiner Bank verbessere ich die Welt nicht durch Tun, sondern durch Unterlassen. Denn Nichtstun ist friedlich und umweltverträglich. Es hält sich keine Arbeitssklaven in Bangladesch und verursacht kein CO₂.

Probieren Sie es doch einmal mit Nichtstun. Gleich nach diesem Absatz. Sie brauchen keinen Hof dazu. Sie müssen Ihren Job nicht kündigen. Versuchen Sie nur, nicht aufzusteigen, das ist schon schwierig genug. Nichtstun ist keine Ideologie, sondern eher Versuch und Irrtum. Setzen Sie sich unter einen Birnbaum oder auch nur ins nächste Wartezimmer, es ist nicht von geringster Bedeutung. Seien Sie stolz auf alles, was Sie unterlassen, und wenn es nur eine Nichtigkeit ist. Verzweifeln Sie nicht, wenn Sie einen Rückfall erleiden und sich in schädliche Tätigkeit flüchten. Nichtstun verlangt einem viel, manchmal alles ab. Das geht mir nicht anders. Denn Nichtstun ist eine Aufgabe fürs ganze Leben.

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