Es tritt plötzlich auf und kann ziemlich aufdringlich sein, manchmal stört es mitten im Gespräch: Das Augenlid zuckt – fast so, als ob es auch etwas zu sagen hätte. Dieses Flattern kann einen schier in den Wahnsinn treiben. Es behindert die Sicht und stört die Konzentration. Und was sollen bloß die Leute denken?

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Tatsächlich ist das Flattern des Lides von außen kaum zu sehen. Meistens zuckt es nur kurz – doch lange genug, dass viele Menschen beunruhigt im Internet nach einer Erklärung suchen. Zuckenden Auges kann man dort von Hirntumoren oder drohenden Gesichtslähmungen lesen. An dieser Stelle sei gesagt: Solch dramatische Gedanken können das Zucken noch verstärken, was aber niemand als Bestätigung auslegen sollte. Meist ist die Ursache nämlich harmlos.

1. Stress! Der übliche Verdächtige – schon klar, aber was heißt das eigentlich, und warum zuckt das Auge deswegen? Wenn wir unter Druck geraten, werden Hormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Der Körper stellt Energie bereit, damit wir schnell reagieren können. Alle Muskeln sind in Alarmbereitschaft – auch der Lidmuskel. Weil ihn immer wieder Nervenimpulse erreichen, kommt es vor, dass er anspannt und zuckt. Und weil die Augenpartie empfindlich ist und die Haut dort sehr dünn, spüren wir die Zuckungen so deutlich. Sie treten auch an anderen Stellen auf, nur bemerken wir sie da nicht. Gegen Stress hilft bekanntlich Entspannung: Es gibt sogar Yogaübungen speziell für überreizte Augen.

2. Vielleicht machen sich die Gefäße etwas breit. Bei Bluthochdruck weiten sich die Arterien im Körper. Dadurch verringert sich der Abstand zwischen pulsierenden Adern und Nerven, sodass sie miteinander in Berührung kommen können. Gerade im Gehirn, wo Nerven und Gefäße nah beieinanderliegen, kann das leicht passieren. Der Nerv gibt dann unsinnige Impulse an die Muskeln weiter. Ein Grund zur Sorge ist dieses Augenflattern in der Regel nicht. Erst wenn das Zucken dauerhaft auftritt, sollte man zum Arzt gehen.

3. Der Mineralstoffhaushalt könnte aus dem Gleichgewicht geraten sein. Stoffe wie Magnesium oder Kalzium stabilisieren die Membran, die eine Zelle umgibt. Diese Hülle sorgt dafür, dass nicht jeder Impuls an die Zelle weitergeben wird. Normalerweise reagieren wir daher auf Reize erst ab einer gewissen Stärke. Fehlt es aber an Magnesium, wird die Zellmembran durchlässiger – Nervenzellen und neuromuskuläre Synapsen sind dann leichter erregbar. Es kann zu unkontrollierten Zuckungen wie dem Lidflattern kommen.

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Vorbeugen lässt sich, indem man einen Magnesiummangel vermeidet, er kann durch einseitige Ernährung und Durchfall entstehen oder durch Medikamente, wie die Antibabypille. Am besten: mehr Vollkorngetreide, Nüsse und Samen essen.

4. Nicht starren und verharren! Wenn wir verkrampft auf den Bildschirm schauen oder die Brille vergessen haben, kann der Lidmuskel unter starke Anspannung geraten – und vor Überlastung zucken. Eine leichte Massage mit den Fingern oder ein entspannter Blick aus dem Fenster können dann helfen.

5. Haben Sie Sorgen? Vielleicht tict etwas nicht richtig. Wenn uns Kummer oder Angst zu schaffen machen, äußert sich das mitunter körperlich, manchmal in sogenannten Tics. Den Begriff kennen viele im Zusammenhang mit dem Tourette-Syndrom, einem Leiden, bei dem die Betroffenen durch unkontrollierte Bewegungen und Artikulationen auffallen. Auch das Zucken des Augenlids kann zu einem Tic werden. In diesem Fall tritt es meist schon im Kindesalter auf. Der Körper reagiert damit dann regelmäßig auf Nervosität. Oft verschwinden diese Störungen mit dem Erwachsenwerden. Nur manchmal bedarf es einer Psychotherapie.

Berater bei dieser Recherche: Prof. Dr. Wolfgang Jost, Deutsche Gesellschaft für Neurologie; Prof. Dr. Helmut Wilhelm, Universitätsklinikum Tübingen, Department für Augenheilkunde