In der Schulklasse eines Gymnasiums (Archivbild) © Johannes Wagenmann/dpa

DIE ZEIT: Herr Professor Falk, in letzter Zeit verbinden Sie oft die Frage der Ungleichheit mit der unserer Persönlichkeit. Was haben beide miteinander zu tun?

Armin Falk: Ich will verstehen, wie wir werden, was wir sind – also wie sich unsere Persönlichkeit entwickelt. Dazu gehören Präferenzen, Einstellungen, Ansichten und Weltvorstellungen und die Frage, wie verschieden Menschen überhaupt sind. Und jetzt kommt es: Unterschiede in unseren Persönlichkeiten sind ein möglicher Grund dafür, dass Ungleichheit entsteht.

ZEIT: Das müssen Sie genauer erklären.

Falk: Ganz einfach, weil Persönlichkeit und unsere Vorstellung über die Welt unsere Entscheidungen und damit den Fortgang des Lebens beeinflussen: Zufriedenheit, Gesundheit, Ausbildung, Löhne, die Frage stabiler Familien- und Sozialverhältnisse. Und weil wir zeigen können, dass sich bereits im Kindesalter die Persönlichkeit in Abhängigkeit der Familie und des sozioökonomischen Status unterschiedlich entwickelt. Zum Beispiel sind Kinder je nach Herkunft geduldiger, risikobereiter oder eher bereit, mit anderen zu kooperieren und ihnen zu vertrauen.

ZEIT: In dieser Woche startet Ihr neues Institut für die Erforschung von Verhalten und Ungleichheit. Es verbindet Ihre beiden Hauptinteressen miteinander ...

Falk: ... das soll natürlich kein Institut werden, das nur Dinge erforscht, die mich persönlich interessieren. Aber bei der Überlegung, welchen Gegenstand ein solches Institut haben kann und was es im Kern überhaupt rechtfertigen würde, sind diese beiden Fragen zentral. Wir wollen die Grundlagen der Ökonomie weiterentwickeln und besser verstehen, woher unser ökonomisches und soziales Verhalten rührt. Hand in Hand damit geht eine politische Frage, ein politisches Unbehagen und empfindlich gestörtes Gerechtigkeitsempfinden. In Deutschland und anderen Industrieländern klagt man zu Recht über die wachsende Ungleichheit, versucht sie aber allzu oft erst zu beheben, nachdem sie schon entstanden ist – vor allem mit klassischen Instrumenten der Umverteilungs- und Arbeitsmarktpolitik. Dabei ist es effizienter und gerechter, ihre Entstehung zu vermeiden. Und damit stellt sich die Frage, warum Ungleichheit überhaupt erst entsteht.

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ZEIT: Gemeint ist das Glück oder Pech, in welche Familie man geboren wird?

Falk: Ja. Es ist ein Skandal, dass unser Lebensschicksal maßgeblich vom Glück der Geburt bestimmt wird. Dann kommt hinzu, welche Fähigkeiten wir in der Kindheit erwerben, um das Leben bewältigen zu können – und auch das ist sehr stark durch das Glück der Geburt bestimmt. Welche Ressourcen zu Hause zur Verfügung stehen, welche Vorbilder es gibt, wie anregend das Umfeld ist, ob es Möglichkeiten der Entfaltung gibt, ob man unterstützt wird, ob man gefestigt, gestärkt und in seinem Selbstvertrauen gefördert wird – oder eben nicht. Klar ist: Wenn man die Bestimmung von Verhalten und Persönlichkeit besser versteht, leistet man immer auch – und das ist eine wichtige Motivation – einen Beitrag zur Erklärung von Ungleichheit. Aus den gewonnenen Erkenntnissen folgt der Auftrag, dass man günstig auf das soziale Umfeld von Kindern und Jugendlichen einwirkt.

ZEIT: Da wird es politisch und, wenn man ideologisch herangeht, auch gefährlich.

Falk: Mir geht es um Eingriffe auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, nicht um Weltanschauung. Da sind wir bei einem zentralen Thema dieses neuen Instituts. Wir wollen in sogenannten Interventionsstudien herausfinden, welche Faktoren der sozialen Umgebung tatsächlich kausale Wirkungen haben. Die Ergebnisse werden durch Kontrollgruppen gesichert, und diese kontrollierte Herangehensweise ist genau das Gegenteil von Ideologie. Wir untersuchen zum Beispiel, ob sich Mentorenprogramme günstig auf die Entwicklung der Persönlichkeit und die Lebensverhältnisse auswirken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

ZEIT: Ist die Frage wirklich neu?

Falk: Sie ist insofern innovativ, als dass hier etwas versucht wird, das bisher von Verhaltensökonomen nicht so gern gesehen wurde: nämlich Persönlichkeitspsychologie und Ökonomie miteinander zu verbinden. Die Begründer der Verhaltensökonomie wurden zu einer Zeit sozialisiert und ausgebildet, als die Persönlichkeitspsychologie mehr oder weniger tot war. Die erlebte ihre Renaissance erst später. Dadurch wurde vernachlässigt, dass Persönlichkeit für das ökonomische Handeln eine zentrale Rolle spielt. Stattdessen herrschte die Ansicht, dass nur soziale Faktoren – Situation, Kontext, Institution – unser Verhalten bestimmen. Wir versuchen nun, beide Perspektiven in der Ökonomie zusammenzubringen.