In der Schulklasse eines Gymnasiums (Archivbild) © Johannes Wagenmann/dpa

DIE ZEIT: Herr Professor Falk, in letzter Zeit verbinden Sie oft die Frage der Ungleichheit mit der unserer Persönlichkeit. Was haben beide miteinander zu tun?

Armin Falk: Ich will verstehen, wie wir werden, was wir sind – also wie sich unsere Persönlichkeit entwickelt. Dazu gehören Präferenzen, Einstellungen, Ansichten und Weltvorstellungen und die Frage, wie verschieden Menschen überhaupt sind. Und jetzt kommt es: Unterschiede in unseren Persönlichkeiten sind ein möglicher Grund dafür, dass Ungleichheit entsteht.

ZEIT: Das müssen Sie genauer erklären.

Falk: Ganz einfach, weil Persönlichkeit und unsere Vorstellung über die Welt unsere Entscheidungen und damit den Fortgang des Lebens beeinflussen: Zufriedenheit, Gesundheit, Ausbildung, Löhne, die Frage stabiler Familien- und Sozialverhältnisse. Und weil wir zeigen können, dass sich bereits im Kindesalter die Persönlichkeit in Abhängigkeit der Familie und des sozioökonomischen Status unterschiedlich entwickelt. Zum Beispiel sind Kinder je nach Herkunft geduldiger, risikobereiter oder eher bereit, mit anderen zu kooperieren und ihnen zu vertrauen.

ZEIT: In dieser Woche startet Ihr neues Institut für die Erforschung von Verhalten und Ungleichheit. Es verbindet Ihre beiden Hauptinteressen miteinander ...

Falk: ... das soll natürlich kein Institut werden, das nur Dinge erforscht, die mich persönlich interessieren. Aber bei der Überlegung, welchen Gegenstand ein solches Institut haben kann und was es im Kern überhaupt rechtfertigen würde, sind diese beiden Fragen zentral. Wir wollen die Grundlagen der Ökonomie weiterentwickeln und besser verstehen, woher unser ökonomisches und soziales Verhalten rührt. Hand in Hand damit geht eine politische Frage, ein politisches Unbehagen und empfindlich gestörtes Gerechtigkeitsempfinden. In Deutschland und anderen Industrieländern klagt man zu Recht über die wachsende Ungleichheit, versucht sie aber allzu oft erst zu beheben, nachdem sie schon entstanden ist – vor allem mit klassischen Instrumenten der Umverteilungs- und Arbeitsmarktpolitik. Dabei ist es effizienter und gerechter, ihre Entstehung zu vermeiden. Und damit stellt sich die Frage, warum Ungleichheit überhaupt erst entsteht.

Thomas Piketty - "Ungerechte Einkommensverteilung gefährdet die Demokratie"

ZEIT: Gemeint ist das Glück oder Pech, in welche Familie man geboren wird?

Falk: Ja. Es ist ein Skandal, dass unser Lebensschicksal maßgeblich vom Glück der Geburt bestimmt wird. Dann kommt hinzu, welche Fähigkeiten wir in der Kindheit erwerben, um das Leben bewältigen zu können – und auch das ist sehr stark durch das Glück der Geburt bestimmt. Welche Ressourcen zu Hause zur Verfügung stehen, welche Vorbilder es gibt, wie anregend das Umfeld ist, ob es Möglichkeiten der Entfaltung gibt, ob man unterstützt wird, ob man gefestigt, gestärkt und in seinem Selbstvertrauen gefördert wird – oder eben nicht. Klar ist: Wenn man die Bestimmung von Verhalten und Persönlichkeit besser versteht, leistet man immer auch – und das ist eine wichtige Motivation – einen Beitrag zur Erklärung von Ungleichheit. Aus den gewonnenen Erkenntnissen folgt der Auftrag, dass man günstig auf das soziale Umfeld von Kindern und Jugendlichen einwirkt.

ZEIT: Da wird es politisch und, wenn man ideologisch herangeht, auch gefährlich.

Falk: Mir geht es um Eingriffe auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, nicht um Weltanschauung. Da sind wir bei einem zentralen Thema dieses neuen Instituts. Wir wollen in sogenannten Interventionsstudien herausfinden, welche Faktoren der sozialen Umgebung tatsächlich kausale Wirkungen haben. Die Ergebnisse werden durch Kontrollgruppen gesichert, und diese kontrollierte Herangehensweise ist genau das Gegenteil von Ideologie. Wir untersuchen zum Beispiel, ob sich Mentorenprogramme günstig auf die Entwicklung der Persönlichkeit und die Lebensverhältnisse auswirken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

ZEIT: Ist die Frage wirklich neu?

Falk: Sie ist insofern innovativ, als dass hier etwas versucht wird, das bisher von Verhaltensökonomen nicht so gern gesehen wurde: nämlich Persönlichkeitspsychologie und Ökonomie miteinander zu verbinden. Die Begründer der Verhaltensökonomie wurden zu einer Zeit sozialisiert und ausgebildet, als die Persönlichkeitspsychologie mehr oder weniger tot war. Die erlebte ihre Renaissance erst später. Dadurch wurde vernachlässigt, dass Persönlichkeit für das ökonomische Handeln eine zentrale Rolle spielt. Stattdessen herrschte die Ansicht, dass nur soziale Faktoren – Situation, Kontext, Institution – unser Verhalten bestimmen. Wir versuchen nun, beide Perspektiven in der Ökonomie zusammenzubringen.

"Ich glaube schon, dass sich das Bild von der Ungleichheit geändert hat"

ZEIT: Für einen klassischen Marktökonomen kommen da gleich zwei Feindbilder zusammen: sich auf unser tatsächliches Verhalten, das oft nicht ganz rational ist, zu konzentrieren und die Ungleichheit zentral in den Blick zu nehmen. Beides hat das Establishment lange abgelehnt und tut es teilweise heute noch. Ändert sich jetzt die Weltsicht der Ökonomie?

Falk: In den vergangenen zehn oder zwanzig Jahren gab es große Veränderungen. Unser Feld hat sich geöffnet für Erkenntnisse aus benachbarten Fächern wie der Psychologie oder den Neurowissenschaften. Es war deshalb noch nie so aufregend wie heute, Ökonom oder Sozialwissenschaftler zu sein. Im Übrigen sollte man die Frage, was wir erforschen, nicht ideologisch bestimmen. Jeder Wissenschaftler muss selbst entscheiden, womit er sich befasst. Für mich gehört ein besseres Verständnis der Ursachen von Ungleichheit eindeutig zu diesen Fragen. Nicht bloß bei der Verteilung von Einkommen. Denken Sie an Bildungschancen oder an die Integration von Flüchtlingen, da haben wir es mit riesigen Ungleichheiten zu tun.

ZEIT: Haben die Ökonomen heute eine andere Sicht auf Ungleichheit als früher?

Falk: Ich glaube schon, dass sich das Bild von der Ungleichheit geändert hat. Früher wollte man so einen Micky-Maus-Trade-off zwischen Gleichheit und Effizienz herstellen nach dem Motto: Mehr Gleichheit kostet Wachstum. Das war eine Karikatur der Wirklichkeit, entstanden aus einer unterkomplexen Modellwelt. Inzwischen mehren sich ja die Befunde, dass sehr ungleiche Gesellschaften auch sehr ineffizient sind. Nehmen Sie nur die Bildungsungleichheit: Ich gehe also mit zwei gleich begabten Kindern ins Rennen. Dem einen Kind gebe ich eine vernünftige Ausbildung und Unterstützung vom Elternhaus und bereite es auf das Leben vor – diese Person wird dann für die Gesellschaft produktiver sein, mal unabhängig davon, dass dies wahrscheinlich auch zu einem glücklicheren, gelungeneren Leben führt. Das andere Kind, dem ich diese Chancen vorenthalte, kann das Potenzial, das in ihm steckt, wahrscheinlich nicht heben. Wenn wir aber die Potenziale in der Gesellschaft nicht nutzen, dann ist das nicht nur ein Gerechtigkeits-, sondern auch ein Effizienzproblem.

ZEIT: Hinter der Kritik an Verhaltens- und Verteilungsforschung steckt auch die Sorge, dass die Ökonomie nach links treibt.

Falk: Ich habe diese Sorge nicht und wüsste auch nicht, warum das überhaupt eine Sorge begründen kann. Wissenschaft funktioniert grundsätzlich erst einmal nach ihren eigenen Regeln. Ich muss, wenn ich eine Behauptung aufstelle, gute Belege dafür vorbringen, theoretisch, empirisch oder am besten beides. Ich arbeite vor allem empirisch, und wenn ich eine Behauptung belastbar und robust unterlege, dann stellt sich zunächst nicht die Frage, wie man das politisch verortet. Die entscheidende Frage lautet: Ist das ein wissenschaftlich relevanter Befund, ja oder nein, ist er nach unseren Maßstäben überzeugend? Und falls ja, dann folgt daraus später auch eine politische Beurteilung.

ZEIT: Trotzdem, das kennt man auch bei den Medien, ergibt sich schon durch die Wahl der Themen eine Richtung.

Falk: Als Wissenschaftler kann ich durch die Wahl meiner Themen zum Ausdruck bringen, was mich berührt oder was mich an der sozialen Wirklichkeit interessiert, ja. Insofern sind die Themen, die Sozialwissenschaftler behandeln, natürlich nie wertfrei. Ich habe das beim ersten Lesen im Studium gar nicht verstanden, aber in Wissenschaft als Beruf hat Max Weber einen sehr guten Gedanken formuliert, der mich zugleich irritiert und überzeugt hat. Die Frage, was Bedeutung hat in der Wissenschaft, was "bleibt", kann selbst nicht mit wissenschaftlichen Prinzipien beantwortet werden. Ich kann dafür kein Modell befragen, das muss ich also immer selber entscheiden, muss die Lücke mit eigenen Bewertungen füllen. Da ist jeder Wissenschaftler mit in der Verantwortung.

ZEIT: Zurück zur Ungleichheit, zum Glück der Geburt und zur Frage, wie eine Gesellschaft damit umgeht: Gibt es Länder, von denen wir etwas lernen können?

Falk: Ländervergleiche sind zwar schwierig, aber der Blick nach Skandinavien zeigt, dass Gesellschaften gut funktionieren können, wenn sie mehr Chancengleichheit schaffen. Bei der Bildung etwa: Wir trennen die Kinder viel früher in ein mehrgliedriges Schulsystem, was ich für einen fatalen Fehler halte. Nicht, dass ein Land einfach eine Blaupause für ein anderes wäre. Jedes Land hat damit zu kämpfen, dass die unmittelbaren Lebensumstände die Persönlichkeit stark vorbestimmen. Und darin liegt ein doppelter Auftrag: zu verstehen und zu verändern.

"Aristoteles sagte, das Gute trete dadurch in die Welt, dass wir es tun"

ZEIT: Wenn Ungleichheit das Verhalten verändert, heißt das doch auch, dass wachsende Ungleichheit weitere Ungleichheit schafft.

Falk: Eindeutig ja. Ein Beispiel: Viele Studien belegen, dass Präferenzen und Vorstellungen stark von denen der Eltern geprägt werden. Ungleichheit wird da allein schon durch die Weitergabe von Persönlichkeit vererbt. Hinzu kommt natürlich, dass sich auch materielle Ungleichheit verfestigt und verstärkt. Insofern gilt wohl: Wenn man nichts tut, hat die Marktwirtschaft die Tendenz, dass die Ungleichheiten zunehmen und Teile der Bevölkerung nicht mehr teilhaben am produktiven Geschehen.

ZEIT: Wo sollte man vor allem ansetzen? Was hat besonders großen Einfluss darauf, wie das Kind aufs Lebens schaut und sich später auch wirtschaftlich entwickeln kann?

Falk: Ein Beispiel: Wir haben in einer Interventionsstudie in Bonn und in Köln untersucht, inwiefern man durch die Veränderung sozialer Umstände die Entwicklung und den Bildungserfolg von Grundschulkindern verbessern kann. Die Veränderung der Umstände erfolgte durch das Mentorenprogramm "Balu und Du". Wir haben Familien mit hohem und niedrigem sozioökonomischen Status angeschaut. In Familien mit geringem Status haben wir nach dem Zufallsprinzip zwei Gruppen gebildet. Die eine wurde Teil des Programms, natürlich mit Einverständnis der Familien. Ein Mentor hat das Kind dann über etwa ein Jahr einmal in der Woche zu Hause besucht.

ZEIT: Da sollen sozial benachteiligte Kinder Anregungen erfahren ...

Falk: ... der Mentor soll dem Kind das Gefühl geben, da kommt jemand, um mich zu sehen, eine Art großer starker Bruder wie Balu, der Bär. Ein informelles Lernprogramm ist das, keines, das bessere Noten zum Ziel hat, sondern eine Stärkung der Persönlichkeit. Entsprechend offen geht es zu, die Kinder und die Mentoren machen die verschiedensten Dinge miteinander, gehen Eis essen, besuchen den Zoo, lesen ein Buch, erzählen einfach nur, kochen was, gehen Fußball spielen, solche Dinge.

ZEIT: Und, kam etwas heraus?

Falk: Wir finden, dass diese eigentlich geringe Veränderung der sozialen Umgebung sich stark auswirken kann. Ein Beispiel ist die Prosozialität der Kinder, da gibt es bei Achtjährigen je nach Status schon große Unterschiede. Wir haben das gemessen mithilfe von Entscheidungsexperimenten, über Befragungen der Mütter und Befragungen der Kinder ...

ZEIT: ... Prosozialität heißt Teamfähigkeit?

Falk: Altruismus, Vertrauen oder auch die Bereitschaft, sich um andere zu kümmern, schwachen Schülern zu helfen, solche Dinge. Und da finden wir zunächst: Kinder aus Familien mit höherem sozioökonomischen Status sind im Schnitt deutlich prosozialer als Kinder aus Familien mit geringem Status. Wenn man jetzt aber Familien mit geringem Status hinzunimmt, zu denen für ein knappes Jahr ein Mentor kam, dann sieht man: Die Lücke wurde komplett geschlossen.

ZEIT: Komplett, ehrlich?

Falk: Ja. Das heißt, man kann durch geringe Veränderungen in der sozialen Umgebung die Verhaltens- oder Entwicklungsdefizite aufgrund von ungleichen Startbedingungen ausgleichen. Die Effekte sehen wir auch zwei Jahre nach der Intervention noch. Vor allem profitiert haben übrigens Kinder, deren Mütter wenig prosozial sind und relativ wenig intensiven Austausch mit ihrem Kind haben. Und der Mentor gleicht natürlich genau das durch die gemeinsamen Aktivitäten aus.

ZEIT: Zwei Fragen dazu. Erstens: Warum ist Altruismus ein Weg zu mehr Erfolg im Leben?

Falk: Das habe ich nicht gesagt. Ich habe Defizite benannt in Abhängigkeit des sozioökonomischen Hintergrunds. Und die lassen sich ausgleichen. Dieser Befund ist spannend, weil er zeigt, dass wir Unterschiede nicht einfach hinnehmen müssen. Und wir wissen aus weiteren Studien, dass Offenheit gegenüber anderen Menschen in der Arbeitswelt zur Kernkompetenz geworden ist und die Fähigkeit zu Empathie und Kooperation auch den Lebenserfolg begünstigt. Das gibt der Politik einen Ansatzpunkt.

ZEIT: Zweite Frage: Der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Dennis Snower, setzt auf Altruismusforschung und verfolgt mit anderen die Idee, dass man mehr Altruismus auch trainieren kann – etwa durch Meditation. Ist das eine vernünftige Form der Intervention?

Falk: Sie ist plausibel, auch wenn ich die Details nicht kenne. Aristoteles sagte, das Gute trete dadurch in die Welt, dass wir es tun. Wir üben es langsam ein, und es wird zur Routine. Dann überlegen wir gar nicht jedes Mal, ob das Gute uns viel kostet – es ist Teil unserer Persönlichkeit geworden.

"Die Sprache zu lernen ist natürlich zentral"

ZEIT: Welche Interventionen würden uns derzeit am meisten bringen?

Falk: Die auf die Persönlichkeit und nicht nur auf einen lokalen Erfolg abzielen, also eine bessere Note in der nächsten Mathe-Klausur oder so etwas. Bloß sind solche längerfristigen Maßnahmen politisch nicht wirklich opportun, weil die Effekte sich erst im Lebensverlauf zeigen. Man sollte aber möglichst früh im Leben beginnen, wenn der Entwicklungsprozess in vollem Gange ist. Auch das unterstreicht: Statt später die Reparaturwerkstatt zu bemühen und Erwachsene über teure Arbeitsmarktprogramme wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen, ist es sinnvoller und effizienter, dieses Geld viel früher, nämlich in der Kindheit zu investieren – und zwar besonders für die Entwicklung von Verhalten und Persönlichkeit.

ZEIT: Weiß man schon genug, um es in nationale Politik zu übersetzen?

Falk: Nein, und das ist auch für mein Fach ein kritischer Befund. Wir stehen noch ziemlich am Anfang. Das ist problematisch, weil sich der Erfolg von solchen Projekten möglicherweise erst nach fünf oder zehn Jahren zeigt – wir werden also auch jetzt noch Zeit brauchen, um die Wirkung messen zu können. Ein Beispiel: Wir mussten zwei Jahre nach Abschluss der Intervention warten, um zu gucken, ob es positive Effekte auf den kritischen Bildungsübergang gab, also die Entscheidung über die weiterführende Schule. Wir finden, dass Kinder im Mentorenprogramm eine um 11 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit haben, aufs Gymnasium zu gehen als Kinder der Kontrollgruppe. Ich appelliere an die Politik, mehr Interventionen zu ermöglichen. Nur kausale Befunde erlauben eine rationale Politik.

ZEIT: Wahrscheinlich haben diese Interventionen doch die größten Potenziale bei denen, die am benachteiligtsten sind, oder nicht?

Falk: Das kann man nicht sagen, weil es möglicherweise auch ein Minimum an Potenzial und Bereitschaft geben muss, um Effekte in Gang zu bringen.

ZEIT: Kann man trotzdem sagen, dass Flüchtlinge ein herausstehender Anwendungsfall sind?

Falk: Das auf jeden Fall. Sie sind auch ein unglaublich gutes Beispiel, um zu zeigen, wie ineffizient Ungleichheit sein kann. Wenn wir bei der Integration und Förderung dieser in so vielfältiger Weise benachteiligten Menschen scheitern, dann ist das nicht nur herzlos, sondern für unsere Gesellschaft ein riesiges Problem.

ZEIT: Die Frage ist ja, wie scheitert man nicht? Versuche ich ganz schnell, irgendwelche, auch subventionierte Jobs zu finden? Oder wie kann man vor allem bei den jungen Leuten kompensieren, was sie familiär, kulturell, sozioökonomisch bisher nicht erfahren haben?

Falk: Die Sprache zu lernen ist natürlich zentral. Aber man muss mehr tun. Es wäre fatal, wenn die jungen Erwachsenen jetzt nicht in den Arbeitsmarkt integriert würden und sich in keiner Weise produktiv am neuen Lebensort behaupten und zeigen können. Das fördert den Eindruck, diese Menschen wollten nur auf Kosten der Allgemeinheit leben – was ich überhaupt nicht glaube. Erzwungene Nichttätigkeit führt außerdem zu Stress, Mangel an Selbstwert und Selbstvertrauen, wie man aus Arbeitslosigkeitsstudien weiß. Den Menschen einen Mentor oder Lotsen an die Seite zu stellen, würde auch viel bringen und für die Flüchtlinge auf eine ganz konkrete Weise diesem Land ein Gesicht geben.

ZEIT: Bei allem, was Sie und Ihre Kollegen herausfinden, lässt sich da noch die Idee hochhalten, dass die Marktwirtschaft eine Leistungsgesellschaft, eine sogenannte Meritokratie wäre?

Falk: Ich glaube schon. Ein liberales Menschenbild hieße doch, dass sich jeder nach seinen Möglichkeiten entfalten können soll und eine Chance dazu hat.

ZEIT: Aber Meritokratie heißt eben auch, dass der Bessere gewinnt und man entsprechend seiner Fähigkeit und Bereitschaft zur Leistung einen größeren Anteil am Kuchen gewinnt.

Falk: Natürlich muss man an diesem Prinzip festhalten, es gibt viele Gründe, warum Ungleichheit als Folge eines fairen Wettbewerbs sinnvoll sein kann, etwa wegen der Leistungsanreize. Breche ich die Verbindung zwischen Leistung und Entlohnung, riskiere ich, dass in der Gesellschaft viel weniger geleistet wird. Davon sollte man Abstand halten. Also: Wir wollen diesen Wettbewerb, und der Bessere soll auch mehr haben, man kann sich aber fragen, wie viel mehr tolerabel ist.

"Es gibt eine starke Verbindung zwischen Intelligenz und Einkommen"

ZEIT: Wo fragen Sie sich das?

Falk: Zum Beispiel bei manchen Gehältern, etwa denen, die in der Finanzindustrie bezahlt wurden. Das hatte weniger mit Markt als mit Korruption und dem Versagen von Aufsichtsgremien zu tun.

ZEIT: Wettbewerb, aber fair?

Falk: Ja. Wenn man fast allen die Fähigkeit verschafft, regelmäßig irgendwo zur Arbeit zu erscheinen und überhaupt ein vernünftiges Leben zu organisieren, dann wäre ich schon sehr zufrieden. Darüber hinaus kommt es zu Ungleichheiten durch unterschiedliche Intelligenz und anderes mehr. Dafür haben wir ja das progressive Steuersystem, das denjenigen belastet, der eben etwas intelligenter und leistungsfähiger auf die Welt gekommen ist und mit seinem Geld anderen helfen kann.

ZEIT: Wie stark ist der Faktor, dass erfolgreiche Eltern intelligentere Kinder haben?

Falk: Es gibt eine starke Verbindung zwischen Intelligenz und Einkommen, und Intelligenz wird zu einem großen Teil vererbt.

ZEIT: Der dümmste Bauer erntet also mitnichten die größten Kartoffeln in Deutschland, sondern es gibt tatsächlich einen großen Zusammenhang zwischen Intelligenz und Erfolg?

Falk: Eindeutig ja. Der Skandal besteht aber gerade darin, dass Kinder, die genauso intelligent sind wie andere, aufgrund ihrer Herkunft oder der Fähigkeiten ihrer Eltern schlechter abschneiden. Ich will nur, dass Kinder, die gleich gut sind, auch die gleichen Chancen haben. In diesem Zusammenhang fällt mir auch ein interessanter Befund ein, der politisch etwas anstößig sein könnte. Es geht um Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wir haben für eine globale Studie 80.000 Personen in 76 Ländern über ihre Präferenzen befragt. Ein Ergebnis: Es gibt weltweit ausgeprägte Geschlechterunterschiede. Frauen sind zum Beispiel weniger risikobereit als Männer, gerade auch in hoch entwickelten Industriegesellschaften. Man hätte denken können, das sei nur ein Phänomen von armen, unfreien Gesellschaften. Aber tatsächlich gilt: Gerade wo das Maß der geschlechtlichen Gleichbehandlung zunimmt und die Chancen für Frauen wachsen, entfernen Frauen sich weiter von den Männern. Das heißt, wir sollten die Menschen nicht gleichmachen, sondern nur ihre Chancen – wir sollten sie befähigen, souverän zu entscheiden, was sie gerne tun. Es kann ja nicht darum gehen, jemandem einen Lebensstil vorzuschreiben.

ZEIT: Was an dieser Weltstudie der menschlichen Vorlieben hat Sie sonst besonders beeindruckt?

Falk: Zunächst wollte ich wissen, ob die Länder sich überhaupt groß unterscheiden. Das wusste man nämlich noch nicht. Tatsächlich ist es so. Ein Beispiel: Die afrikanischen Länder südlich der Sahara zeigen ein enorm geringes Maß an prosozialen Eigenschaften. Das gilt für Altruismus, für Vertrauen und Reziprozität.

ZEIT: Gibt es eine deutsche Besonderheit?

Falk: Weder positiv noch negativ. Wir können aber zeigen, dass die Ausstattung von Ländern mit Geduld sehr gut vorhersagt, wie reich ein Land ist. Und Deutschland ist als Industrieland recht geduldig. Wachstum entsteht ja durch Akkumulation. Ich muss in der Regel investieren in Humankapital oder physisches Kapital, um später ein höheres Einkommen zu erzielen, und wenn ich nicht geduldig bin, investiere ich weniger. Den Zusammenhang von Geduld und Einkommen verbinden wir mit einem weiteren Befund: Je höher die Sterblichkeit in einem Land, desto geringer die Geduld. Hier erkennt man einen von Präferenzen gestützten Teufelskreis der Armut. Ich werde in eine arme Gesellschaft mit geringer Lebenserwartung geboren, werde unter diesen Bedingungen selbst ungeduldig und reproduziere dadurch die schädlichen Lebensumstände.

ZEIT: Und, kann man Menschen auch geduldiger machen?

Falk: Einerseits durch Institutionen, indem man Menschen beispielsweise zwingt, zu sparen. Andererseits durch bestimmte Interventionen, wie eine Studie in der Türkei gezeigt hat. Allein es Kindern bewusst zu machen: Überleg mal, was würdest du dir wirklich gerne kaufen – und wenn du jetzt etwas sparst, dann könntest du das vielleicht. Allein das hatte mehr Geduld zur Folge.