Die Welt war als Zeitung gar nicht mal so schlecht. Sie unterstand der britischen Militäradministration und stellte den 22-jährigen Siegfried Lenz im Sommer 1948 als Volontär ein. Der ehemalige Marinesoldat erwies sich als ziemlich pfiffig, wurde schnell Feuilletonredakteur und war dabei auch für die Fortsetzungsromane zuständig – bis er flugs selber einen schrieb. Es waren Habichte in der Luft erschien im Lauf mehrerer Wochen Ende 1950 und hatte in der Buchausgabe dann beachtlichen Erfolg. Der Verlag Hoffmann und Campe schloss mit dem hoffnungsvollen Autor sofort einen Vertrag für das nächste Buch ab, es erntete nach den ersten Textauszügen auch große Vorschusslorbeeren. Aber es ist nie erschienen. Erst jetzt, im Nachlass des im Herbst 2014 gestorbenen Autors, fand sich das vollständig abgeschlossene Manuskript. Dahinter steckt eine spannende Geschichte.

Lenz setzte sich, wie einige andere Autoren der jüngeren Generation, direkt nach dem Krieg mit der Erfahrung der Front und des Nationalsozialismus auseinander – ansonsten gaben in der frühen Bundesrepublik vor allem religiöse Überhöhungen, Naturbeschwörungen und allgemeine Schicksalsfragen den Ton an. Schon mit dem Titel seines Debüts Es waren Habichte in der Luft hatte Lenz die herrschende Stimmung allerdings geschickt aufgenommen, das verbreitete Gefühl, die Deutschen seien den Raubvögeln des Nationalsozialismus und den Flugzeugen der Alliierten schutzlos ausgeliefert gewesen. Auch das zweite Buch war als Thriller über den Krieg konzipiert, mit stark durchscheinenden amerikanischen Vorbildern, wieder zielte der Titel dabei ins Innere der deutschen Befindlichkeit: Es sollte ursprünglich ... da gibt’s ein Wiedersehen heißen. Das zitierte ein bei Soldaten äußerst beliebtes Lied: "In der Heimat, in der Heimat / Da gibt’s ein Wiedersehn".

Der Held Walter Proska bietet ein enormes Identifikationspotenzial. Er sieht sich entsetzlichen Situationen ausgesetzt und erlebt den Tod engster Gefährten mit, aber er ist ein tapferer Frontsoldat, der das Herz auf dem rechten Fleck hat und anständig bleibt. Dass es in der Wehrmacht so etwas wie "Kameradschaft" geben konnte, zeigt sich auch an einigen anderen: an dem kauzigen "Langen" etwa, der aus Oberschlesien stammt und ausführlich in herzerwärmendem Dialekt sprechen darf, oder dem Feuerschlucker Baffi, der für jeden Spaß zu haben ist. Im direkten Kampfeinsatz stehen sie aber alle ihren Mann. Die Gegenfigur ist der Korporal Stehauf, dem sie unterstellt sind: ein zynischer, fanatischer Unteroffizier, der Unmensch schlechthin.

Lenz spielt vor allem auf der Klaviatur des Melodrams. Seine Figur Proska stößt während des Rückzugs der Wehrmacht aus den russischen Weiten im Sommer 1944 auf ein "Mädchen" (es ist 27 Jahre alt): eine "Taille, die schmal war wie ein Stundenglas", "mattglänzendes rotes Haar", und er kann ihren dazu passenden "grünblauen Augen" genauso wenig widerstehen wie "dem herausfordernden Profil ihrer Brüste". Er lässt sie illegal in seinem Abteil eines Versorgungszuges mitfahren und kommt ihr zwar nahe, aber nicht zu nahe, er bleibt edelmütig und romantisch und fällt keineswegs roh über sie her. Dann geht es Schlag auf Schlag: Sie gibt vor, in einem Krug die Asche ihres toten Bruders zu transportieren, doch als sie bei einem Halt des Zuges vor der Kontrolle flieht und nicht mehr zurückkommt, entdeckt Proska in diesem Krug vier Dynamitpatronen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Spätestens an dieser Stelle wird klar, wie Siegfried Lenz hier mit dem Feuer spielt. Denn seine Hauptfigur liebt eine Partisanin. Auch als der Zug in den Sümpfen bei Tamaschgrod auf eine Mine fährt, Proska als Einziger überlebt und sich fortan in seiner neuen Einheit im Kampf gegen die Partisanen befindet, erscheinen diese nicht als Unholde. Im Vergleich zu dem deutschen Unteroffizier wirken sie geradezu menschlich. Anfang der fünfziger Jahre, als der Kalte Krieg auf seinen Höhepunkt zusteuerte, musste das wie eine ungeheuere Provokation wirken. Der "Partisan" war für das deutsche Selbstverständnis dieser Zeit nämlich ein Feindbild, das sich längst verselbstständigt hatte: heimtückisch, hinterhältig, ein Gegner, der sich nicht in offener Feldschlacht stellt, sondern mit seinen Gewehren feige in Baumkronen sitzt und in Zivilkleidung unkenntlich bleibt. Welcher Assoziationsraum im Wort Partisan verborgen liegt, zeigt sich etwa im Artikel zum 75. Geburtstag von Thomas Mann, den der Publizist Gerhard Nebel 1950 ganz selbstverständlich in der FAZ veröffentlichte: Der in die USA emigrierte Schriftsteller sei wie "eine Linse, die die Strahlen der Partisanen-Bosheit sammelt". Partisanen als Kämpfer für das Gute darzustellen mutete in der frühen Bundesrepublik wie Vaterlandsverrat an.

Aber das ist in diesem Roman noch längst nicht alles. Denn Proska läuft schließlich sogar zu den Partisanen über, er desertiert. Er kämpft, zusammen mit seinem Freund "Milchbrötchen", mit dem er sich über den deutschen nationalistischen Wahn verständigt hat (ein "langhaariger" Künstlertyp, der sich manchmal ein vorwitziges Strähnchen hinter das Ohr streichen muss), auf der Seite der Roten Armee gegen die Deutschen. Damit verstößt er gegen den allgemein akzeptierten Ehrenkodex, auf den sich die deutsche Wehrmacht nach 1945 berief: Sie habe nach ihren eigenen ehernen Gesetzen gehandelt, die nichts mit den Verbrechen der Nationalsozialisten zu tun hätten. Angesichts der wüsten Polemik, die zur selben Zeit Alfred Andersch wegen seines Desertionsromans Die Kirschen der Freiheit entgegenschlug, ist zu ahnen, auf welchem Feld sich Siegfried Lenz mit diesem Roman bewegte. Andersch wurde in einer Art frühem Shitstorm der "Eid" entgegengehalten, den der deutsche Soldat auf seinen Dienstherrn (also den "Führer") geschworen hatte, und dieser sei allen niedrigen Beweggründen, die bis hin zur Desertion führen könnten, weit übergeordnet.