Kevin Spacey als Frank Underwood in der Netflix-Serie "House of Cards" © Netflix

Weltweit warten die Fans des skrupellosen Machtmenschen Francis Underwood (Kevin Spacey) auf den Start der vierten Staffel der Serie "House of Cards". In Deutschland läuft sie vom 4. März an auf Sky. Laura Eason ist eine von sechs Drehbuchautoren, die in New York gemeinsam an den Episoden schreiben, gerade ist die fünfte Staffel fertig geworden. Die Autoren haben ein paar Wochen frei, und Eason empfängt zum Besuch in ihrer Wohnung in Brooklyn.

DIE ZEIT: Die letzte Staffel endete damit, dass Francis Underwood sich als Präsident zur Wiederwahl stellt. Die neue startet nun, parallel zum realen Wahlkampf in den USA, mit der Vorwahl in South Carolina. Hatte das Phänomen Trump schon Einfluss auf die neuen Folgen?

Laura Eason: Als wir im Februar letzten Jahres zu schreiben begannen, hatte Donald Trump seine Kandidatur zwar noch nicht bekannt gegeben. Aber für jemanden, der sich seit Jahren mit Washington und der Mechanik der Macht beschäftigt, war es nicht überraschend, dass ein Kandidat wie Trump auftauchte. Unser politisches System mit seiner wachsenden Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen, hat ihn mitverschuldet.

ZEIT: Es scheint fast, als habe House of Cards das Phänomen Trump vorweggenommen. Auch Francis Underwood ist ja eine Reaktion auf die Unbeweglichkeit und den Stillstand in Washington.

US-Vorwahlen - Trump setzt sich von Konkurrenz ab Der umstrittene Milliardär Donald Trump konnte bei den Vorwahlen der Republikaner im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur wichtige Siege feiern.

Eason: Underwood ist das Gegenteil des aktuellen Washington. Er ist die Verkörperung von Effizienz. Schon als Fraktionsvorsitzender der Demokraten im Kongress hat er ein Gesetz nach dem anderen auf den Weg gebracht. Dabei war ihm allerdings völlig egal, um welche Gesetze es sich handelte. Seine Macht speiste sich daraus, dass er Dinge erledigt. Ideologie ist für ihn nur hinderlich, denn sie macht Kompromisse unmöglich. Ideologie, sagt Underwood, ist für Feiglinge.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

ZEIT: Das hätte auch Trump sagen können.

Eason: Weil Trump genau wie Underwood die Partei egal ist. Wie Underwood interessiert auch er sich nur noch für sich selbst. Und das bedeutet, dass er einen ganz anderen Weg zur Macht einschlagen kann. Bislang haben die Parteien versucht, ihre Macht zu sichern, indem sie die Kontrolle über Kongress, Weißes Haus und den Obersten Gerichtshof behielten. Nur so war es in den letzten 25 Jahren möglich, genügend Einfluss für politische Entscheidungen zu haben. Die ideologische Reinheit wurde gewährleistet und der Kompromiss ausgerottet.

ZEIT: Führen Trump und Underwood den Kompromiss jetzt als Weg zur Macht wieder ein? In der Trumpschen Sonderform als "the art of the deal"?

Eason: Genau, nur dass ihre Deals keiner Idee von einem besseren Amerika verpflichtet sind. Woran glaubt Donald Trump? Ich habe nicht die geringste Idee. Er sagt genau das, was er sagen muss, damit die Leute ihn unterstützen. Und er schert sich nicht darum, dass er dazu auch oft das Gegenteil von dem behaupten muss, was er vor ein paar Jahren gesagt hat. Da ist sehr viel Francis Underwood in Donald Trump. Auch Underwood geht es nur um die Macht. Dafür ist er bereit, jede Grenze zu überschreiten. Und er zieht alle mit sich. Nachdem seine idealistische Gegenkandidatin Heather Dunbar sieht, wie weit Francis für den Sieg geht, beginnt auch sie, schmutzige Tricks einzusetzen.

ZEIT: Sie glaubt allerdings, dass sie es tut, um ihre Ideale zu verteidigen. Die Frage, die dahintersteht, ist: Rechtfertigt der Zweck die Mittel? Und ab wann verschwindet der Zweck hinter den Mitteln, und der Machterhalt wird zum alleinigen Zweck?

Eason: Das ist eine der großen Fragen, denen wir mit der Serie nachgehen. Fast alle Politiker kommen mit guten Vorsätzen nach Washington. Aber im Laufe der Zeit beginnen diese Vorsätze zu erodieren. Und sie lernen, wie Heather Dunbar, dass man mit Idealismus nicht weiterkommt. Diesen Prozess zeigen wir in der Serie.

ZEIT: House of Cards ist die zynische, postideologische Antwort auf die ältere Washington-Serie The West Wing. Dort strahlt das Weiße Haus regelrecht vor Idealismus: Der Präsident wollte ursprünglich Priester werden, er hat einen Doktor in Ökonomie und ist die Verkörperung des Gutmenschen. Die Serie entstand in der hoffnungsvollen Stimmung des Bill-Clinton-Amerika. House of Cards dagegen spiegelt eher die depressive Stimmung des Post-Obama-Amerika wider.

Eason: Obama hat zu Beginn versucht, mit den Republikanern zusammenzuarbeiten. Aber er stieß nur auf Ablehnung. Underwood ist der rücksichtslose Pragmatiker, den ein solches System erzeugt. Pragmatiker hat es in der Politik früher schon gegeben, Abraham Lincoln hat die Sklaverei nur abschaffen können, weil er viele korrupte Deals eingegangen ist. Aber Lincoln hat das für ein größeres moralisches Ziel getan. Francis Underwoods Ziel ist nur er selbst.

ZEIT: Das ist auf den ersten Blick natürlich zynisch und abstoßend, zumal Underwood für die Macht nicht einmal vor einem Mord zurückschreckt. Man kann sich aber auch fragen: Was ist schlimmer – ein sich blockierender Kongress, der die Gesellschaft zum Stillstand bringt, oder ein Machtmechaniker wie Underwood, der die Maschine immerhin am Laufen hält?

Eason: Auf eine gewisse Art ist Francis Underwood tatsächlich eine optimistische Figur. Er rettet Washington vor seinem eigenen Stillstand. Underwood will kein guter Mensch sein, er will effektiv sein. Denn Effizienz ist die Essenz seiner Macht. Es ist ein sehr zynischer Optimismus. Die Frage, die die Serie stellt, lautet: Ist jemand wie Francis Underwood an diesem Punkt in unserer amerikanischen Demokratie die einzige Person, die noch irgendetwas bewegen kann? Und was sagt das über den Zustand unserer Demokratie aus?

ZEIT: Können die Frauen die Demokratie retten? Underwoods demokratische Mitbewerberin um die Präsidentschaftskandidatur ist bislang noch ein starkes moralisches Gegengewicht zu ihm. Und dann hat ihn Claire, seine Frau, in der letzten Episode verlassen. Kann er ohne Claire an der Macht bleiben? Oder braucht er sie dazu?

Eason: Ich darf nichts Genaues sagen, aber es wird tatsächlich darum gehen, wie groß Claires Ambitionen sind. Wie lange muss eine sehr ambitionierte Frau, die mit einem sehr ambitionierten Mann verheiratet ist, darauf warten, zum Zuge zu kommen? Sie hat Francis geholfen, Präsident zu werden. Aber wie kann sie jetzt ihr Ziel erreichen?

ZEIT: Das erinnert sehr an Hillary Clinton. Wird sie ihr Ziel erreichen?

Eason: Das ist die große Frage, oder?