Trump hält eine Rede vor seinem Wahlkampfflugzeug auf einem Flughafen in Ohio © Getty

Das Sedativum wirkt nicht mehr. Drei Jahrzehnte lang hat es viele Amerikaner ruhig gestellt. Es drang in den achtziger Jahren in ihre Köpfe ein über die Reden des Präsidenten Ronald Reagan, der ihnen sagte, dass ein starker Staat ein schlechter Staat sei und dass es auch den Armen besser gehe, wenn die Reichen weniger Steuern bezahlten. Reagan nannte das den trickle down-Effekt, den Sicker-Effekt: Der Wohlstand würde durch die Schichten der Gesellschaft hindurchsickern, von oben nach unten.

Das Sicker-Versprechen war im Wortsinn das Mittel der Wahl aller folgenden Präsidenten. Sie brauchten das Geld reicher Spender, um Kampagnen finanzieren zu können, und versprachen den Geldgebern dafür niedrige Steuersätze und wenig Regulierung ihrer Geschäfte. Und mit dem Sicker-Versprechen konnten sie dieses Programm gleichzeitig Mittelschichtswählern verkaufen, die davon erst einmal gar nichts hatten. Dazu kam das noch größere Versprechen vom Amerikanischen Traum: Ein jeder kann reich werden, wenn er sich nur anstrengt, am besten in einem freien Markt. Selbst Reagans linksliberaler Nachnachfolger, der Demokrat Bill Clinton, baute in den neunziger Jahren auf diese Ideen auf, als er seinen Wählern erfolgreich verkaufte, dass weniger Sozialstaat in ihrem Interesse sei.

Dann kam 2007 die große Finanzkrise. Clintons Nachfolger George W. Bush und Barack Obama blieben zwar noch tapfer beim alten Narrativ. Als sie Banken mit Steuergeld retteten, erzählten ihre an der Wall Street rekrutierten Finanzminister den Bürgern, dass auch dies im Interesse aller Amerikaner sei. Doch als ebendiese Banken gleichzeitig Millionen Bürger als säumige Schuldner vor die Tür setzten, war das vielen Amerikanern dann zu viel. Sie lassen sich seitdem nicht mehr mit dem Versprechen vom durchsickernden Wohlstand ruhig stellen – und Donald Trump nutzt das aus.

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Nichts spiegelt die Verbrüderung des Milliardärs mit den echten und den gefühlten ökonomischen Verlierern so sehr wider wie die immer gleichen Slogans, mit denen er auf nahezu jede Frage, also wirklich: jede Frage, antwortet: "Wir gewinnen nicht mehr. Wir verlieren gegen China. Wir verlieren gegen Mexiko im Handel und an der Grenze. Wir verlieren gegen jeden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Trump gibt seinen Anhängern statt eines Sedativums Aufputschmittel. Mit Angriffen auf reiche Spender, Freihandel, billige Arbeitskräfte aus dem Ausland und Konzernprivilegien, mit Angriffen auf all das, was die etablierten Parteien mit der Erzählung vom durchsickernden Wohlstand gerechtfertigt haben, ist er zum aussichtsreichsten Anwärter auf die Kandidatur der Republikaner für die Präsidentschaft geworden. Er macht zum Thema, was viele Bürger in ihrem Alltag erleben: dass weder Geld von oben zu ihnen durchsickert, noch dass ein jeder die Chance hat, es nach oben zu schaffen, kurz: dass viele Amerikaner unter einer versiegelten Decke stehen.

Es spielt dabei keine Rolle, ob Trump recht hat, ob Amerika insgesamt wirklich verloren hat. Entscheidend ist, dass es genug wütende Verlierer gibt, die nichts abbekommen vom Wohlstand. Für sie sieht die Welt mehr nach trickle up aus: danach, dass der Reichtum sich oben sammelt. Und diese Wahrnehmung ist nicht falsch: Unter Reagan gehörten vor 30 Jahren den reichsten 0,1 Prozent der Amerikaner 9 Prozent des nationalen Vermögens. Heute besitzt diese Gruppe bereits 22 Prozent, dem obersten Prozent gehört fast die Hälfte.

Auch die Geschichte vom Amerikanischen Traum hat an Überzeugungskraft verloren. Die gesellschaftliche Durchlässigkeit ist seit Reagan geringer geworden: "Besonders die Männer der Jahrgänge, die in den späten Fünfzigern und Sechzigern geboren wurden, sind von der sinkenen sozialen Mobilität betroffen", schreiben die Ökonomen Daniel Aaronson und Bhashkar Mazumder von der Zentralbank in Chicago. Zwei Drittel der Amerikaner erwarten einer Umfrage des Pew Research Center zufolge nicht, dass es ihren Kindern einmal besser gehen werde als ihnen, wenn sie sich nur anstrengten.