Am 28. Februar hat eine klare Mehrheit die Initiative der SVP versenkt. © Ruben Sprich/Reuters

Der 28. Februar 2016 war ein großer Tag für die Schweiz. Es war der Tag, an dem die Welt auf das Land schaute und feststellte: Da verteidigte ein Volk seine Grundrechte gegen einen Angriff von rechts. Da versenkte eine klare Mehrheit eine Initiative der SVP. Und stellte sich damit gegen den Zeitgeist.

Aber bei aller Freude: Es ist nicht alles anders in der Schweiz nach diesem denkwürdigen Sonntag. Seit bald einem Vierteljahrhundert nehmen die Nationalkonservativen das Land in den geistigen Schwitzkasten. Geht es um Ausländer oder die Europäische Union, diktieren sie die Agenda und treiben die anderen Parteien vor sich her. Die SVP und ihr Denken, ihre Ideologie sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Was also braucht es, damit die Niederlage vom Sonntag nicht die letzte bleibt? Sechs Lehren aus dem Abstimmungskampf.

Erstens: Hoffen bringt nichts. Die Niederlage hat der SVP zugesetzt. Und wie immer, wenn es in der Partei kriselt, spekulieren ihre Gegner auf den großen Hauskrach. Doch der wird nicht kommen. Die SVP ist straff organisiert, kennt strenge Hierarchien. Ganz nach dem Blocher-Prinzip: Wer zahlt, befiehlt.

Zweitens: Wegducken funktioniert nicht. Wer die SVP bodigen will, muss sich ihr entgegenstellen. Entschlossen und breit abgestützt. Rückblickend war es für die Initiativengegner ein Glück, dass sich die reichen Wirtschaftsverbände lange davor drückten, gegen die Vorlage anzutreten. Nur so konnte sich eine spontane politische Massenbewegung bilden aus empörten Jungen, engagierten Rentnern und Jura-Professoren. Ihr war die überrumpelte SVP nicht gewachsen. Aber so schnell die Zivilgesellschaft aufsteht, so rasch sitzt sie wieder ab. Um auch kommende wichtige Abstimmungen zu gewinnen, müssen Verbände und Parteien selbst ran – und ihre Millionen lockermachen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 11 vom 03.03.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Drittens: Wischiwaschi gibt’s nicht. Die Macht der SVP kann sich erst entfalten, wenn sich die anderen Parteien ihr anbiedern. Das ist diesmal nicht passiert. Die FDP zum Beispiel hat aus ihren schlechten Erfahrungen offenbar gelernt. Über die Jahre war sie nach und nach zum Juniorpartner der Nationalkonservativen geworden. Ihr Präsident träumte vom bürgerlichen Schulterschluss, bis es ihm diesmal im Abstimmungskampf um die SVP-Zwängerei den Deckel lupfte: "Die Initianten verstehen ihre eigene Initiative nicht!" Und siehe da: Seine Wähler folgten ihm, drei Viertel lehnten die Vorlage ab.

Viertens: Kneifen gilt nicht. SVP-Politiker wiederholen das immer gleiche Argument. Egal, wie falsch es ist. Die Initiativengegner ließen sich davon nicht beeindrucken. Ob auf Twitter, auf Facebook, in Leserbriefen, in Meinungsartikeln oder, wo es ihn noch gibt, am Stammtisch: Überall hielten sie dagegen. Das war nicht immer auf einem hohen Debattenniveau, aber es nützte.

Fünftens: Nachgeben gibt’s nicht. Die SVP hat ein gutes Näschen. Sie spürt, was die Menschen umtreibt. Zum Beispiel: kriminelle Ausländer. Diese Angst nahmen auch die Gegner ernst, sie gaben ihr aber nicht blindlings nach. Stattdessen machten sie den Schweizern klar: Niemand will Räuber und Vergewaltiger verhätscheln. Aber soll man deswegen den Rechtsstaat zerdeppern? Nein, die bestehenden Gesetze sind pfefferscharf genug.

Sechstens: Nie zufrieden sein. Der SVP geht es immer ums Ganze. Hinter ihrer Politik steckt zwar kein verschwörerischer Masterplan, aber ein System: Mach kaputt, was deine Macht kaputt macht. Also die Institutionen, die Grundwerte, die ausgefeilte Balance zwischen direkter Demokratie und Verfassungsprinzipien. Das haben ihre Gegner in diesem Abstimmungskampf verstanden. Sie gingen aufs Ganze.

Ob all das reicht, um bei den nächsten Abstimmungen wieder gegen die SVP zu bestehen? Das wird sich bald zeigen. Im Juni kommt das revidierte Asylgesetz vor das Volk, und für ihre Initiative "Landesrecht vor Völkerrecht", mit der sie die Europäische Menschenrechtskonvention aufkündigen will, hat die Partei bereits über 100.000 Unterschriften gesammelt.

Der 28. Februar 2016 war keine Zeitenwende. Aber er war ein Anfang. Die SVP-Gegner wissen nun, wie Siegen geht.