Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG Bergbau, Chemie, Energie pflegt gute Kontakte in Wirtschaft und Politik. © dpa

Es ist zuletzt nicht gut gelaufen für den Schutzpatron der Kohle. Wieder und wieder musste Deutschlands mächtigster Gewerkschaftsführer Michael Vassiliadis in den vergangenen Monaten dieses von ihm so verhasste Schlagwort lesen: "Braunkohleausstieg". Es häuften sich die Berichte von jungen, wilden Umweltschützern, welche die Kohlegruben der RWE im Rheinland erstürmten. Von einer Menschenkette rund um einen Tagebau in der Lausitz. Von Umweltministerin Barbara Hendricks, die den Abschied von der Braunkohleverstromung mit ihrem extrem hohen Ausstoß von Kohlendioxid (CO₂) "unaufhaltsam" nannte.

Am 11. Januar stellte dann auch noch der einflussreiche Thinktank Agora Energiewende ein detailliertes Konzept für den Einstieg in den Ausstieg aus dem Braunkohleabbau vor. Und Vassiliadis wusste: Jetzt brennt wirklich die Hütte! Die Agora wurde einst von Rainer Baake gegründet, heute Staatssekretär und Energieexperte von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Es ist nicht gut für Vassiliadis, wenn Fachleute, die den Entscheidungsträgern so nahestehen, konkret benennen, wie sie sich das Ende der Kohle vorstellen.

Vassiliadis ist Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE). Man kann ihn sich als Mittelpunkt im Netz der Braunkohle-Lobby vorstellen. Er hat Verbündete in den großen, alten Energieunternehmen, der SPD und natürlich bei den Gewerkschaften. Noch leben von der Braunkohle 20.000 Kumpel, die meisten sind Gewerkschaftsmitglieder, in den Aufsichtsräten der Konzerne sitzen seine Kollegen. Ohne sie wäre Vassiliadis kein ganz so mächtiger Gewerkschafter mehr.

Was also tun? Ein Gegenentwurf musste her. Und zwar einer, der nicht gleich wirkt wie der platte Abwehrkampf einer Branche, deren Tage gezählt sind. Ein Plan, der garantiert, dass Deutschland noch lange ein Kohleland bleibt.

Vassiliadis startet seinen Konter am vergangenen Freitagabend. Mit Ringen unter den Augen empfängt der 51-jährige Gewerkschaftschef langjährige Mitstreiter und Journalisten in Haltern in Nordrhein-Westfalen, einer Tagungsstätte der IG BCE. Er ist erkältet. Doch als er seinen großen Plan vorstellt, wirkt er hellwach und agil.

Ein Braunkohlefonds für ganz Deutschland müsse geschaffen werden, fordert Vassiliadis. In den Fonds einzahlen sollen alle Produzenten und Kraftwerksbetreiber, solange sie noch Geld mit den braunen Brocken verdienen. Vassiliadis rechnet vor, dass das noch etwa 15 Jahre möglich ist. Das Ersparte soll den Konzernen dann weitere 15 Jahre lang ausbezahlt werden: für den Weiterbetrieb bis zur Mitte des Jahrhunderts.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Nur, warum sollte Deutschland noch mindestens 30 Jahre lang Braunkohle fördern, statt schneller auf sauberere Alternativen umzusteigen? Vassiliadis nennt den fossilen Brennstoff eine "Brücke". Sie werde Deutschland hinüber in eine saubere, klimafreundliche Zukunft geleiten. Nach fast drei Jahrzehnten als Berufsfunktionär weiß der 51-Jährige, wie wichtig solche warmen Worte sind. Auch wenn er selbst wenig von der Energiewende hält.

Der Fonds liefere der Industrie und dem Staat "Planungssicherheit", wirbt Vassiliadis. Mit ihm könnten die Unternehmen den Rückbau der Kraftwerke und die Rekultivierung betreiben: ohne Streit, ohne dass der Steuerzahler am Ende bluten müsse. "Ohne einen Plan wird der Ausstieg aus der Braunkohle kannibalistisch", sagt Vassiliadis.

Beim ersten Hinhören klingt der Vorschlag einleuchtend. Dieser Tage zeigt sich ja beim Atomausstieg, was passiert, wenn der Abschied von einer Technologie nicht frühzeitig geplant wird und der Staat das Geld dafür nicht sicherstellt. Dann zahlt am Ende doch die Allgemeinheit für den Müll. Nur hat der Fonds einen entscheidenden Haken: Er zögert den Abschied von der dreckigen Braunkohle hinaus. Der Gewerkschaftsboss gibt dies auch offen zu: Es sei doch besser, Strom weiter mit "kuscheliger Braunkohle" zu produzieren als mit tschechischem oder französischem Atomstrom.