Willkommen in Deutschland – ein Auto hat er schon. Sein Zuhause aber ist eine Lagerhalle. Das Land schafft es nicht, so viele Heime zu bauen, wie gebraucht werden © Daniel Bockwoldt / dpa

Lange Zeit haben wir das Leid der Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien nur aus der Ferne verfolgt, in der Tagesschau. Mittlerweile aber wirkt sich das Wüten der Welt direkt bei uns in Hamburg aus. Millionen von Männern, Frauen und Kindern sind auf der Flucht vor Krieg, vor Vertreibung, vor Gewalt. Hunderttausende kommen nach Deutschland. Und mehrere Zehntausend Flüchtlinge sind nach Hamburg gekommen. Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf unsere Stadt.Wir müssen uns verständigen, wie es am besten gelingt, sie hier unterzubringen und in unsere Gesellschaft zu integrieren.

Die Hamburgerinnen und Hamburger haben die Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen. Ich bin beeindruckt von dem Engagement so vieler, die Kleider sammeln, Sprachkurse geben, beim Verteilen von Essen helfen oder einfach als geduldige Gesprächspartner bereitstehen. Und ich freue mich über den großen Einsatz unserer Verwaltung. Das ist gut für Hamburg.

Uns allen ist klar: Viele Flüchtlinge werden auf absehbare Zeit bei uns bleiben. Denn sie können berechtigte Gründe vorweisen, um hier Schutz und Asyl zu finden. Es ist unsere humanitäre und grundgesetzliche Pflicht, Flüchtlingen zu helfen. Diese Hilfe stellt Hamburg vor nicht geringe Herausforderungen, vor allem weil wir in kurzer Zeit eine große Zahl von Unterbringungsplätzen schaffen müssen, mitten in einer dicht besiedelten Stadt. Diese Situation sorgt bei manchem für ein banges Gefühl, eben weil sie sich auf seine Nachbarschaft auswirken wird.

Natürlich trägt Deutschland nicht allein die Verantwortung für die Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Alle Staaten müssen sich an der Lösung beteiligen: die unmittelbaren Anrainer Jordanien, Libanon und die Türkei, überdies Saudi-Arabien und der Iran. Selbstverständlich auch ganz Europa. Und, nicht zu vergessen, die USA, die durch ihre fatale Entscheidung, im Jahr 2003 den Irak-Krieg zu beginnen, die Flüchtlingsströme aus dieser Region mit ausgelöst haben. Nicht alle Staaten werden ihrer Verantwortung bislang gerecht. Die Hauptlast tragen nach wie vor Jordanien, Libanon und die Türkei, die Millionen Flüchtlinge bei sich beherbergen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Für die Europäische Union mit ihren 28 Mitgliedsstaaten und mehr als 500 Millionen Bürgerinnen und Bürgern wäre es keine große Sache, mehr als eine Million Flüchtlinge im Jahr aufzunehmen. Wenn die Flüchtlinge aber nur in wenigen Staaten – wie zuletzt in Österreich, Schweden und Deutschland – Aufnahme finden, wird es schwierig. Deshalb brauchen wir endlich eine gemeinsame Lösung aller 28 EU-Staaten. Das ist keine Frage der europäischen Solidarität, sondern der europäischen Identität. Wenn das Gros der EU-Länder sich weigert, Flüchtlinge aufzunehmen, wird sich dies zwangsläufig auf die Europäische Union als Ganzes auswirken. Ein Ende der Freizügigkeit und neue Binnengrenzen innerhalb der EU hätte fatale Folgen.

Um ein solches Scheitern zu verhindern, muss Europa handeln. Dazu gehört, die gemeinsamen Außengrenzen zu sichern. Die EU-Außengrenze ist eine richtige Grenze, die bewacht werden muss, wo gelegentlich auch Grenzzäune stehen. Und wo es Grenzübergänge gibt, an denen klare Regeln gelten – egal, ob man als Tourist, als Geschäftsfrau, als Student oder eben als Flüchtling passieren möchte.

Es ist richtig, für Flüchtlinge an den europäischen Außengrenzen Grenzdurchgangs-Stationen einzurichten, also Hotspots. Dort wird festgestellt, woher ein Flüchtling kommt, seine Identität wird geklärt und die Frage, ob er berechtigte Gründe vorweisen kann, bei uns Schutz zu suchen. Die Hotspots können aber nur funktionieren, wenn die Staaten der EU bereit sind, jene dann auch aufzunehmen, die triftige Gründe vorweisen können. Wer keinen gerechtfertigten Fluchtgrund vorweisen kann, muss in seine Heimat zurückkehren – auch das gehört zur Wahrheit. Das sind wir jenen schuldig, die vor Krieg und Gewalt fliehen.

Parallel dazu müssen wir den Friedensprozess in Syrien voranbringen. Der aktuelle Waffenstillstand mag ein erstes Zeichen der Hoffnung sein – mehr aber ist er nicht. Die EU muss die Nachbarstaaten, die so vielen Flüchtlingen Schutz gewähren, massiv unterstützen.

Wir haben all das nicht allein in der Hand. Es wird Zeit und Anstrengungen brauchen, um die Gründe für die Flüchtlingsströme dauerhaft zu beseitigen. Eine Abkürzung, die uns diesen mühsamen Weg erspart, gibt es aber nicht. Wer anderes verspricht, der täuscht die Bürgerinnen und Bürger.