Der Philosoph Peter Sloterdijk © dpa

Es gibt in den Sozial- und Politikwissenschaften seit Langem ein gewisses Bedauern darüber, dass man mit Gesellschaften, Kulturen und Staaten im Ganzen keine kontrollierten Experimente durchführen kann. Stets bleibt man auf die Beobachtung von Originalgeschehnissen aufgrund wirklichkeitsbildender Entscheidungen angewiesen, ohne eine vergleichbare Zweitwirklichkeit studieren zu können, in der alternative Entscheidungen zu anderen Geschehnissen führen würden.

Klügere Historiker kennen das Bedürfnis nach Konjektural-Geschichte. Sie befriedigen es gelegentlich, indem sie die Frage "Was wäre gewesen, wenn" mit rationalen Spekulationen über andere Verläufe beantworten. Freiere Hand hinsichtlich der Plastizität des Zufälligen in der Geschichte haben ironiebegabte Romanciers, die dem So-und-nicht-anders-gewesen-Sein der wirklich gewordenen Dinge den Kredit entziehen und aus den Bausteinen des Faktischen ganz andere Geschichten zusammensetzen – wie es Dieter Kühn in seinem stimulierenden Roman N und Simon Leys in der geistvollen Novelle Der Tod Napoleons vorgeführt haben. Sie verstanden sich darauf, zu enthüllen, in welch eklatantem Maß das Reale selbst variantenträchtig ist.

Im Allgemeinen jedoch dominiert bei Historikern wie bei Politologen und Sozialwissenschaftlern die Neigung zum Einknicken vor der Faktizität. Man konnte dies jüngst anlässlich der Centenar-Veröffentlichungen zum "Ausbruch" des Ersten Weltkrieges beobachten, als sich die Schilderer des Gewesenen zu Dutzenden vor den vollendeten Tatsachen zu Boden warfen. Nur bei wenigen kam die Einsicht zur Sprache, dass es sich letztlich um einen völlig überflüssigen Krieg gehandelt hatte, bei dessen Auslösung der Zufall, die Fahrlässigkeit und die Verblendung – auch politischer Somnambulismus genannt – sich die Hand reichten. Die meisten verbeugten sich in Resignation vor der Übermacht des Faktischen, als wollten sie Shakespeare recht geben, wenn er in Macbeth schrieb, das Leben sei ein Märchen, erzählt von einem Idioten, voller Klang und Raserei, signifying nothing. Aufgrund derselben Dispositionen biegen sich die Bibliotheksregale unter der Last von Hunderten faktensüchtiger Hitler-Biografien, indes man noch immer einen Roman vermisst, der zeigte, wie Adolf H. nach der Entlassung aus der Armee gemeinsam mit einem befreundeten jüdischen Maler einen florierenden Postkarten-Laden in Salzburg eröffnete, bis er schließlich 1932 bei einer sommerlichen Alpenwanderung durch Steinschlag tragisch verfrüht ums Leben kam. Aus einem solchen Konjektural-Roman träte ein anderes 20. Jahrhundert ans Licht.

Da für die Wissenschaft von sozialen Dingen der Weg zum präzis überwachten Experimentieren mit Staaten und Gesellschaften nicht offensteht, müssen sich die Interessierten nach anderen Ansätzen umsehen, wie man das offene Spiel des Werden-Könnenden auf dem Weg zur Gerinnung ins Faktische sichtbar macht. Tatsächlich finden sie einen derartigen Ansatz, der das Experiment teilweise ersetzt, sobald eine Gesellschaft und ihr Staat von starken Krisen erschüttert werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Begreiflicherweise leben Politologen und Soziologen auf, sobald sich größere Krisen abzeichnen. Sie tun dies nicht nur, weil sie sich in solchen Zeiten weniger ungebraucht fühlen als sonst, sondern vor allem, weil in umfassenden Krisen die Fabrik des Sozialen, das komplizierte System der Stützen und Halterungen, die das unüberschaubare Ganze verfugen, viel deutlicher hervortritt als zu "normalen Zeiten". Das gibt den Experten für politische Dinge einen Zuwachs an Deutungskompetenz. Ein englisches Diktum sagt: Man’s calamity is God’s opportunity – was wohl bedeuten soll, in der Not werde der Mensch für Transzendenz empfänglicher. In freier Analogie hierzu könnte man bemerken, die Notstände der Gesellschaften seien Glücksfälle für den Sozialtheoretiker. Wo der gute Wille zur Theorie aufkommt, erkennt man ihn an dem methodischen Amoralismus, der fordert, vitale Interessen und lokale Befangenheiten für die Dauer der Untersuchung einzuklammern. Es ist behauptet worden, Theorie, die etwas taugen soll, gedeihe nur in kühl-trockenen Räumen. "Guter Geist ist trocken", sagte vorzeiten Paul Valéry; Nietzsche hatte sinngemäß vorausgeschickt, wer denken will, muss gut frieren können.

Auch die gegensätzlichsten Beobachter der deutschen Zustände dieser Tage sind sich in Bezug auf eine Wahrnehmung einig: Es gibt einen heftigen Temperaturanstieg im nationalen Debattenklima. Während unser linksrheinischer Nachbar, seit geraumer Zeit zu unserem Erb-Freund mutiert, sich schon jahrelang leise fröstelnd seiner Enttäuschung an sich selbst hingibt und mit unipolaren Depressionen ringt, ökonomisch wie psychosozial, hat sich das Klima auf deutschem Boden eindeutig in die manische Richtung verschoben. Wir haben die 2-Grad-Grenze der tolerablen Erwärmung bei Weitem überschritten. Im deutschen Mikroklima konstatiert man eine neue Aufgeregtheit, wie man sie seit den Tagen der RAF-Bekämpfung in den späten Siebzigern nicht mehr gekannt hatte – im Übrigen eine bis heute unbegriffene psychopolitische Lektion. Schon zu jener Zeit hatte sich gezeigt, was später im Umgang mit wiederkehrenden Terroranschlägen zur üblen Normalität werden würde: dass eine Population von 60 oder 80 Millionen Menschen sich durch eine Handvoll Krimineller, die sich als Kämpfer gebärden, dank maßloser Übermediatisierung nadelstichartiger Angriffe in einen Zustand panischen Thrills versetzen lässt. Die Einsicht wartet noch immer auf Nachvollzug, wonach der Baader-Meinhof-Komplex eine systemisch bedingte Niederlage des Journalismus, ja des Mediensystems im Ganzen bedeutete. Faktisch funktionierte die mediale Spiegelung der Anschläge als der intensivste Terror-Reklame-Service. Im Übrigen hätte es genügt, Lenins Dekrete über den Roten Terror von 1918 wieder zu lesen, um zu begreifen, dass Terror nichts anderes als eine Version der Publizistik darstellt. Leider sucht man dieses Dokument auf den Leselisten für Journalistikstudien bis heute vergeblich. Nur wer McLuhan und Lenin nebeneinander liest, wird verstehen, wieso das Medium die Botschaft sein will.