Es gibt in den Sozial- und Politikwissenschaften seit Langem ein gewisses Bedauern darüber, dass man mit Gesellschaften, Kulturen und Staaten im Ganzen keine kontrollierten Experimente durchführen kann. Stets bleibt man auf die Beobachtung von Originalgeschehnissen aufgrund wirklichkeitsbildender Entscheidungen angewiesen, ohne eine vergleichbare Zweitwirklichkeit studieren zu können, in der alternative Entscheidungen zu anderen Geschehnissen führen würden.

Klügere Historiker kennen das Bedürfnis nach Konjektural-Geschichte. Sie befriedigen es gelegentlich, indem sie die Frage "Was wäre gewesen, wenn" mit rationalen Spekulationen über andere Verläufe beantworten. Freiere Hand hinsichtlich der Plastizität des Zufälligen in der Geschichte haben ironiebegabte Romanciers, die dem So-und-nicht-anders-gewesen-Sein der wirklich gewordenen Dinge den Kredit entziehen und aus den Bausteinen des Faktischen ganz andere Geschichten zusammensetzen – wie es Dieter Kühn in seinem stimulierenden Roman N und Simon Leys in der geistvollen Novelle Der Tod Napoleons vorgeführt haben. Sie verstanden sich darauf, zu enthüllen, in welch eklatantem Maß das Reale selbst variantenträchtig ist.

Im Allgemeinen jedoch dominiert bei Historikern wie bei Politologen und Sozialwissenschaftlern die Neigung zum Einknicken vor der Faktizität. Man konnte dies jüngst anlässlich der Centenar-Veröffentlichungen zum "Ausbruch" des Ersten Weltkrieges beobachten, als sich die Schilderer des Gewesenen zu Dutzenden vor den vollendeten Tatsachen zu Boden warfen. Nur bei wenigen kam die Einsicht zur Sprache, dass es sich letztlich um einen völlig überflüssigen Krieg gehandelt hatte, bei dessen Auslösung der Zufall, die Fahrlässigkeit und die Verblendung – auch politischer Somnambulismus genannt – sich die Hand reichten. Die meisten verbeugten sich in Resignation vor der Übermacht des Faktischen, als wollten sie Shakespeare recht geben, wenn er in Macbeth schrieb, das Leben sei ein Märchen, erzählt von einem Idioten, voller Klang und Raserei, signifying nothing. Aufgrund derselben Dispositionen biegen sich die Bibliotheksregale unter der Last von Hunderten faktensüchtiger Hitler-Biografien, indes man noch immer einen Roman vermisst, der zeigte, wie Adolf H. nach der Entlassung aus der Armee gemeinsam mit einem befreundeten jüdischen Maler einen florierenden Postkarten-Laden in Salzburg eröffnete, bis er schließlich 1932 bei einer sommerlichen Alpenwanderung durch Steinschlag tragisch verfrüht ums Leben kam. Aus einem solchen Konjektural-Roman träte ein anderes 20. Jahrhundert ans Licht.

Da für die Wissenschaft von sozialen Dingen der Weg zum präzis überwachten Experimentieren mit Staaten und Gesellschaften nicht offensteht, müssen sich die Interessierten nach anderen Ansätzen umsehen, wie man das offene Spiel des Werden-Könnenden auf dem Weg zur Gerinnung ins Faktische sichtbar macht. Tatsächlich finden sie einen derartigen Ansatz, der das Experiment teilweise ersetzt, sobald eine Gesellschaft und ihr Staat von starken Krisen erschüttert werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Begreiflicherweise leben Politologen und Soziologen auf, sobald sich größere Krisen abzeichnen. Sie tun dies nicht nur, weil sie sich in solchen Zeiten weniger ungebraucht fühlen als sonst, sondern vor allem, weil in umfassenden Krisen die Fabrik des Sozialen, das komplizierte System der Stützen und Halterungen, die das unüberschaubare Ganze verfugen, viel deutlicher hervortritt als zu "normalen Zeiten". Das gibt den Experten für politische Dinge einen Zuwachs an Deutungskompetenz. Ein englisches Diktum sagt: Man’s calamity is God’s opportunity – was wohl bedeuten soll, in der Not werde der Mensch für Transzendenz empfänglicher. In freier Analogie hierzu könnte man bemerken, die Notstände der Gesellschaften seien Glücksfälle für den Sozialtheoretiker. Wo der gute Wille zur Theorie aufkommt, erkennt man ihn an dem methodischen Amoralismus, der fordert, vitale Interessen und lokale Befangenheiten für die Dauer der Untersuchung einzuklammern. Es ist behauptet worden, Theorie, die etwas taugen soll, gedeihe nur in kühl-trockenen Räumen. "Guter Geist ist trocken", sagte vorzeiten Paul Valéry; Nietzsche hatte sinngemäß vorausgeschickt, wer denken will, muss gut frieren können.

Auch die gegensätzlichsten Beobachter der deutschen Zustände dieser Tage sind sich in Bezug auf eine Wahrnehmung einig: Es gibt einen heftigen Temperaturanstieg im nationalen Debattenklima. Während unser linksrheinischer Nachbar, seit geraumer Zeit zu unserem Erb-Freund mutiert, sich schon jahrelang leise fröstelnd seiner Enttäuschung an sich selbst hingibt und mit unipolaren Depressionen ringt, ökonomisch wie psychosozial, hat sich das Klima auf deutschem Boden eindeutig in die manische Richtung verschoben. Wir haben die 2-Grad-Grenze der tolerablen Erwärmung bei Weitem überschritten. Im deutschen Mikroklima konstatiert man eine neue Aufgeregtheit, wie man sie seit den Tagen der RAF-Bekämpfung in den späten Siebzigern nicht mehr gekannt hatte – im Übrigen eine bis heute unbegriffene psychopolitische Lektion. Schon zu jener Zeit hatte sich gezeigt, was später im Umgang mit wiederkehrenden Terroranschlägen zur üblen Normalität werden würde: dass eine Population von 60 oder 80 Millionen Menschen sich durch eine Handvoll Krimineller, die sich als Kämpfer gebärden, dank maßloser Übermediatisierung nadelstichartiger Angriffe in einen Zustand panischen Thrills versetzen lässt. Die Einsicht wartet noch immer auf Nachvollzug, wonach der Baader-Meinhof-Komplex eine systemisch bedingte Niederlage des Journalismus, ja des Mediensystems im Ganzen bedeutete. Faktisch funktionierte die mediale Spiegelung der Anschläge als der intensivste Terror-Reklame-Service. Im Übrigen hätte es genügt, Lenins Dekrete über den Roten Terror von 1918 wieder zu lesen, um zu begreifen, dass Terror nichts anderes als eine Version der Publizistik darstellt. Leider sucht man dieses Dokument auf den Leselisten für Journalistikstudien bis heute vergeblich. Nur wer McLuhan und Lenin nebeneinander liest, wird verstehen, wieso das Medium die Botschaft sein will.

Der Pawlowsche Hund

Man darf es als eine Ironie der Ideengeschichte ansehen, wenn heute mehr als ein Grund erkennbar wird, warum man sich heutzutage erneut mit den Pionieren der "materialistischen Psychologie" in der frühen Sowjetunion, namentlich Pawlow und Bechterew, befassen sollte. Vergessen wir für einen Moment, was die meisten ohnehin nicht wussten: dass Pawlow einer der größten Tierquäler der Menschheitgeschichte war. Halten wir uns an das Bekannte: Er war der Entdecker eines der mächtigsten psycho-physischen "Mechanismen", die jemals experimentell offengelegt wurden. Der Pawlowsche Hund wurde neben Laika, der Weltraum-Hündin, und neben Andy Warhols Cola-Dosen zu einer Welt-Ikone des 20. Jahrhunderts, weil er die Darstellung des Kausalzusammenhangs zwischen Zeichenwelt und Physiologie in die Öffentlichkeit trug. Pawlows Hund ist ein so tragisches und betrogenes Tier wie Charlie Chaplins Tramp der Archetypus des komischen armen Tropfs war. Dass ihm der Speichel fließt, nur auf das Zeichen hin, das anfangs die Fütterung begleitete, auch wenn es später kein Futter mehr gab, enthält einen abgründigen Hinweis auf die symbolabhängige Dressierbarkeit von lernfähigen Lebewesen. Die Physis wird von der Zeichensphäre überlistet.

Pawlow selbst schreckte vor Anwendungen seiner Entdeckung auf Humangesellschaften nicht zurück. Als tapferer Materialist übertrug er, vom frühsowjetischen Zeitgeist beflügelt, das Muster des bedingten Reflexes auf das menschliche Zusammenleben im Ganzen und deklarierte alles, was wir Kultur nennen, zu einem riesenhaften Komplex aus bedingten Reflexen. Scheinbar autonome Disziplinen wie Soziologie, Politologie, Kulturtheorie und Semiotik, sie alle werden damit zu Sonderfällen der höheren Reflexologie. Auch die Strategiekunde, nicht selten (neben der Ästhetik) für das Summum situativer Urteilskraft gehalten, erscheint im Licht dieser ultrakühlen Logik bloß als eine Form der reflexiven Handhabung von bedingten Reflexen.

Wendet man sich, mit diesen Hinweisen vor Augen, dem zu, was sich in Deutschlands aktueller "Debattenkultur" abspielt, so begreift man unmittelbar das Drama des Kulturverlusts, das sich in den "sozialen Medien" wie in den vermeintlichen Qualitätsmedien täglich abrollt. Nimmt man zur Kenntnis, dass Kultur von bedingten Reflexen getragen wird und dass Zurückhaltung den Basishabitus von höherer Kultur in genere darstellt, so liegt auf der Hand, wie sehr die Aufheizung des Debattenklimas in unserem Land auf eine Tendenz zur Entkulturalisierung hindeutet.

In einer anderen Terminologie würde man vom Einbruch der schlechten Spontaneität sprechen. Schlecht ist Spontanes dann, wenn es die Brutalisierung des verbalen und physischen Verkehrs unterstützt. Man darf davon überzeugt sein, Pawlow hätte die Entwicklung der deutschen Debatten mit großem Interesse betrachtet. Er würde sich in seiner reflexologischen Grundansicht bestätigt fühlen, sofern es tatsächlich oft nichts anderes als Auslöser-Zeichen sind, die bei Teilnehmern an aktuellen Diskussionen den Speichel fließen lassen, sollte es auch bereits digitaler Speichel sein. Bei manchen semantischen Stimuli wie "Grenze", "Zuwanderung" oder "Integration" ist die Futtererwartung des erfolgreich dressierten Kulturteilnehmers so fest fixiert, dass der Saft sofort einschießt. Solange auf Foren genässt wird, darf man vermuten, die Absonderungen blieben harmlos. Pawlows Hund hat ja nie jemanden gebissen, selbst wenn man ihn mit leeren Signalen abspeiste.

Unterhalb der Ebene kulturell erworbener bedingter Reflexe brechen sich zugleich die vorkulturellen Reflexe Bahn. Sie äußern sich in primärer Beißwut, in Abweichungshass und Denunziationsbereitschaft. Man kann in solchen Regungen die Rache der unbedingten Reflexe an den bedingten erkennen. Wo Hemmungen am Werk sind, können Enthemmungen nicht weit sein. Das bewundernswerte Hemmungssystem "Hochkultur" überlebt aber nur, indem es Einbrüche aus dem Barbarischen, das heißt aus der Sphäre der Primär-Reflexe, früh genug in Schach hält. Eine in Gang gesetzte Enthemmung des Primitiven (auch wenn es ein "erworbenes Primitives" ist) lässt sich nur noch schwer zurückdrängen. Dies sollte man sich in Bezug auf ein Phänomen wie die "Alternative für Deutschland" vor Augen halten. Seit je ist das Schlimmere die Alternative zum Schlimmen.

Wer in den letzten Monaten einen Blick auf die Debattenseiten sogenannter sozialer Medien warf, konnte nicht verkennen, in welchem Ausmaß sich die Enthemmung in Marsch gesetzt hat. Frühere Beobachter vergleichbarer Prozesse haben deren Dynamik längst hellsichtig auf den Begriff gebracht, wenn sie bemerkten, die Zivilisation sei zu jeder Zeit nicht mehr als ein dünner Firnis von Konventionen über latenten, stets ausbruchsbereiten Primitiv-Energien. Überdies sagt historische Erfahrung, dass keine Infamie lange warten musste, bis sich jemand bereitfand, sie zu begehen.

In einer Situation wie der heutigen kann sich ein Intellektueller als solcher nur betätigen und bestätigen, indem er sich zu Spinozas Maxime bekennt: "Nicht lachen, nicht Trübsal blasen, nicht verachten, sondern Einsicht üben." Nichts ist in der kollektiven Konfusion mit ihren Überhitzungen und Zuspitzungen so ratsam und heilsam wie der Wille der Rückkehr zum intellegere – was bekanntlich so viel wie "lesen in Zwischenräumen" bedeutet.

Ich-lüge-also-bin-Ich

Man weiß, das erste Opfer der steigenden Polemik ist die Nuance. Wir haben es seit einer Weile mit einem bedenklichen Zug zur Nuancenvernichtung zu tun – bedenklich vor allem deswegen, weil allgemeine Lebenserfahrung weiß, dass zwischen Gut und Böse gelegentlich nur haarfeine Unterschiede liegen.

Die Nuancenvernichtung stützt sich auf einen furchtbaren Verbündeten: das menschliche Bedürfnis, recht gehabt zu haben und zu behalten. Dass Menschen in ungewissen Welten an internen Kontinuitätskonstrukten arbeiten, versteht sich ohne Aufwand. Die gelassene Beobachtung solcher Manöver zu je eigenen Gunsten gilt als die Vorschule des Humors. Dieser weiß, das Ich-lüge-also-bin-Ich gehört zur Grundausrüstung jedes Einzelnen, der zu den Gerechtfertigten gehören möchte. Das Ich-sehe-wie du-dich-Gutlügst wird Teil entweder der Menschenverachtung oder des Allesverstehens.

Man hat zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, dass in einer alphabetisierten Zivilisation das Lügen eine Variante entwickelt: das absichtliche schlechte Lesen, das heißt die praktische Ausübung des Nuancen-Mords. Es sind naturgemäß politisierte oder politologisierende Intellektuelle, die bei diesem Vergehen die Täterstatistik überproportional bevölkern. Sie fallen dadurch auf, dass sie Ideen umzingeln wie Frauen in Silvesternächten.

Der Verfasser dieser Zeilen hat aktuell Gelegenheit, die Wirksamkeit nivellierender Mechanismen dieses Typs zum soundsovielten Mal zu beobachten. Nach der Veröffentlichung eines Interviews im Februarheft der Debatten-Zeitschrift Cicero, das einige mediologische Notizen zum Phänomen des Terrorismus und Anmerkungen zum Souveränitätsdefizit in der Berliner Asyl- und Einwanderungspolitik enthielt, überdies einen Hinweis auf die Verletzbarkeit und Schutzwürdigkeit von Grenzen, brach ein Sturm von "Kommentaren" los, der in keinem sinnvollen Verhältnis zum Anlass steht.

Es handelte sich offenkundig um einen Fall von Reflex-Polemik im Gewächshaus der diskutierenden Klasse. Den Anfang setzte ein Schnellschuss im Berliner Tagesspiegel, in dem ein Übererregter es für klug hielt, über "Stahlhelme" auf den Köpfen von vorgeblich "nationalkonservativen" Intellektuellen zu fabulieren.

Ist es auch Schwachsinn, hat es doch Methode. Hätte sich der Verfasser mit meinen allgemein zugänglichen Überlegungen zur Differenz zwischen modernen starkwandigen Container-Gesellschaften und postmodernen dünnwandigen Membran-Gesellschaften (als zwei Aggregatzuständen von Nationalstaatlichkeit) befasst, die ich im Kontext der Sphären-Theorie von 1997 bis 2004 und in dem Buch Im Weltinnenraum des Kapitals entwickelt hatte (unter Wiederverwendung von Dostojewskijs Metapher des Kristallpalasts), wäre ihm seine kenntnisarme Selbsterhitzung erspart geblieben.

Im Übrigen stellt es ein klassisches Pawlow-Phänomen dar, wenn man nun sogar Rüdiger Safranski als xenophoben Extremisten und als Stimmungsmacher für rechtslastige Agitationen darstellen wollte. Ich habe in meinem Leben keinen großherzigeren, menschenfreundlicheren und integrativeren Geist kennengelernt als ihn. Mit seinem gesamten Werk hat sich Safranski um die Versöhnung einer geschichtskranken Kultur mit ihren besseren Potenzialen bemüht. Dank einer Reihe exzellenter Bücher über einige Große unserer Kunst- und Ideengeschichte hat er zahllosen Zeitgenossen den Zugang zu den Klassikern deutscher Sprache neu erschlossen. Dass sein Name jetzt von politischen Krankheitsgewinnlern für eine Agitation gegen einen Autor, der ihr Therapeut hätte sein können, mobilisiert werden soll, kann man nur als Verkehrung ansehen.

Ein kurzes Wort will ich anfügen zu der Polemik von Herfried Münkler gegen Safranskis und meine Äußerungen über deregulierte Migrationen und übers Ufer getretene Flüchtlings-"Ströme". Der Fall hat eine aparte Seite, da Münkler kein kleiner Kläffer ist, wie ein Philosophie-Journalist aus der Narren-Hochburg Köln, der offensichtlich immer noch nicht weiß, wer und wie viele er ist. Münkler jedoch hat sich als Autor von Statur erwiesen. Umso erstaunlicher bleibt seine Fehllektüre-Leistung, die er in einem Artikel dieser Zeitung von vor wenigen Wochen zum Besten gegeben hat.

Es trifft zu, dass Safranski und ich gegen die "Flutung" Deutschlands mit unkontrollierbaren Flüchtlingswellen Bedenken ausgedrückt haben. Aus meiner Sicht bringen unsere Einlassungen eine linkskonservative Sorge um den gefährdeten sozialen Zusammenhalt auf den Begriff. Linkskonservatismus, der meine Farbe ist seit Langem, rechnet unter die Nuancen, die in Gefahr sind, im differenzenfeindlichen Klima ausgelöscht zu werden. Aus meinen Optionen lesen diverse nuancenblinde Kommentatoren "nationalkonservative", um nicht zu sagen neu-rechte Tendenzen bis hin zur Unterstützung von irrwitzigen AfD-Positionen heraus. Doch wer "herausliest", liest hinein. Eine törichtere Verzerrung meiner Ansichten und deren Begründungen lässt sich kaum vorstellen. Ich habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass ich, obschon von der universalistischen Linken herkommend, mit den Jahren auch lernen wollte, bewahrenden "partikularen" Interessen ihr Recht zu lassen. Dies tue ich unter der Prämisse, dass das freiheitsbewusste Partikulare bis auf Weiteres das einzig tragfähige Vehikel des Universalen sei.

Da ich aber unter Intellektuellen nie an "Missverständnisse" glaube (bei Naiven ist das anders), sondern durchweg von intentionalen Falschlektüren ausgehe, das heißt bedingten Reflexen zweiten Grades, halte ich es für sinnvoll, den Motiven von evidenten Fehldeutungen nachzugehen. Für den Augenblick beschränke ich mich auf den Fall Münkler, da bei ihm keine pawlowschen Stichwort-Mechanismen unterstellt werden müssen. Seine Irritation durch Äußerungen von Safranski und mir sollten in der Sache von anderer als bloß reflexologisch zu deutender Art sein.

Die Zukunft wird es zeigen

Tatsächlich entwickelt sich unser Dissens aus gegensätzlichen Beantwortungen der Frage, ob die Merkel-Politik angesichts der Flüchtlingswelle seit dem letzten Sommer mehr ist als eine hilflose Reaktion auf Unerwartbares. Safranski und ich haben, unabhängig voneinander, der Volksmeinung recht gegeben, die in breitester Mehrheit dem Eindruck zustimmt, es habe sich bei der Merkelschen Willkommens-Propaganda um eine Improvisation in letzter Minute gehandelt, die aus einer Verlegenheit eine überlegte Maßnahme machen wollte.

Eine solche Deutung wäre im Übrigen ganz begreiflich und nicht unbedingt ehrenrührig. Politik in der überkomplexen Moderne ist in weitaus höherem Maß improvisatorisch bestimmt, als das Wählervolk, das lieber an eine weit planende Intelligenz von oben glaubt, wahrhaben möchte. Dass es auf den Kommandohöhen nicht selten windig zugeht, will kaum jemand sich klarmachen. Es mag sogar sein, dass Angela Merkels erste Reaktion situativ richtig war, weil sie die plötzliche Wiederverhässlichung Deutschlands aufhielt. Sie ist es inzwischen gewiss nicht mehr. Dass die Kanzlerin sich mit der Gegensteuerung zu viel Zeit ließ, ist als objektiver Fehler zu notieren. Doch selbst Otto von Bismarck bemerkte seinerzeit, seine als souverän wahrgenommene europäische Gleichgewichtspolitik sei nicht mehr als "ein System von Aushilfen" gewesen. Der mächtigste Mann in Europas jüngerer Geschichte, Napoleon Bonaparte, bekannte in seinen Memoiren von Sankt Helena, die Wahrheit sei, dass er nie Herr seiner Handlungen gewesen sei. Man wäre schlecht beraten, wollte man von einer in Vagheiten erfahrenen Übergangsfigur wie Frau Merkel mehr erwarten als von jenen profilstarken Heroen. Die Mäßigung der Ansprüche ändert am riskanten Gang der Dinge wenig. Auch die Fehler mittlerer Akteure vermögen auf längere Sicht bösartige Folgen nach sich zu ziehen. Dass Politik sich mehr und mehr zum Fatalitätsmanagement wandelt, liegt in der Natur multifaktorieller Prozesse. Das Spiel mit dem Zufall wird seinerseits immer zufälliger. Die Kunst, den Zufall zu zähmen, erweist sich als schwerer erlernbar denn je. Sie ist zur Stunde beim deutschen Außenminister in guten Händen.

Ich würde es begrüßen, wenn die ZEIT Rüdiger Safranski, Herfried Münkler und mich selbst in fünf Jahren, sollten wir uns dann noch unter den Lebenden befinden, zu einem Austausch unserer Perspektiven auf ein Podium einladen wollte. Qui vivra, verra. Ein Abgleich von Fehlbarkeiten müsste für diejenigen, die später am Status quo anzuknüpfen haben, informativ sein.

Ich würde Herrn Münkler dann erneut die Frage stellen, wie er seine erstaunliche Wandlung vom gelehrten Imperium-Versteher – eine Position, die man in Grenzen mitvollziehen kann – zum Kavaliers-Politologen rechtfertigt, als welcher er jetzt Frau Merkels unbeirrbar konfusem Handeln ein grand design unterstellt. Offenbar verkennt er mit Absicht, in welchem Ausmaß politische Direktiven heute auf autohypnotischen Mechanismen beruhen. Die Unmöglichkeit, den rechten Weg zu erkennen, wird mehr und mehr mit Selbstsuggestionen kompensiert. Im Reich der Autohypnose möchte man gern glauben, dass nicht nur Träume, sondern auch magische Formeln wahr werden.

Erstaunlich ist, dass das autohypnotische Regime für Politiker wie für Politologen gilt. Herr Münkler will offensichtlich gern als Mitwisser einer an der Spitze des deutschen Staatswesens waltenden strategischen Vernunft hervortreten. Safranski und ich seien neben ihm nur unwissende Privatiers. Wie gerne wollte ich, er behielte recht. Sind nach mehreren Jahren der bejahten Überrollung erst einmal fünf Millionen Asylanten im Land, kann man nur noch dafür beten, es möge einen Masterplan gegeben haben. Vielleicht füllt sich Merkels bis heute haltlose Rede von der "europäischen Lösung" in den kommenden Jahren doch noch mit brauchbarer Substanz.

Ich frage, mit Blick auf die jüngeren Beispiele von Strategen-Scheitern: Waren nicht auf der weltpolitischen Bühne seit Jahrzehnten die stolzen Konfliktberater und Strategien-Schmiede regelmäßig die Blamierten, vom Vietnamkrieg bis zu den irakischen und syrischen Debakeln? War nicht die "strategische Rationalität", vor allem in der münklerisch gedeuteten imperialen Außenpolitik der USA, das Einfallstor der fatalsten Fehlleistungen? Diente "Strategie" nicht stets als Ausrede für zukunftsblinden Interventionismus, beginnend mit der Destabilisierung unwillkommener Regime, endend mit der Überlassung ruinierter Staaten an Chaos, Terror und nie beendbaren Bürgerkrieg? Diese Art von Strategie-Versteherei auf der Basis von forscher Imperiophilie möge uns weiterhin erspart bleiben.

Als nachdenklicher Staatsbürger der BRD, ausgestattet mit kritischen Impulsen klassisch europäischer Prägung, doch ohne mephistophelische Ambitionen, würde ich wünschen, dass Herrn Münkler auch in fünf Jahren noch eine akzeptable Antwort auf die Fragen einfällt, die hiermit angedeutet sind. Bis dahin sollte ein größerer Teil des Publikums den Unterschied zwischen Antworten und Ausreden besser eingeübt haben als heute. Um offen zu reden: Es wäre für Herrn Münkler und für die Bürger unseres Landes, alte und neue, eine enorme Erleichterung, könnten wir im Jahr 2020 sagen, Frau Merkel habe gegen ihre Kritiker recht behalten. Wunder geschehen aber nicht auf Bestellung.

In der Zwischenzeit, denke ich, sollte Herr Münkler die Gelegenheit nutzen, seine okkasionellen Ungezogenheiten zu überdenken. Offenbar stammen seine polemischen Thesen (er war erregt genug, meine und Safranskis Sorgen-Thesen als unbedarftes "Dahergerede" zu bezeichnen) doch auch zum Teil aus der Sphäre der vorkulturellen Reflexe, nicht zuletzt aus dem Revierverhalten und dem Streben nach Deutungshoheit. Sind unsere Sorgen nicht zu real, als dass sie auf die Ebene von Gezänk zwischen Krisen-Interpreten gezogen werden dürften? Es kann nicht wahr sein, dass ausgerechnet unter Intellektuellen die unbedingten Reflexe gegenüber den bedingten die Oberhand gewinnen.