Die Tränengasschlacht an der nordgriechischen Grenze lehrt, wie ein Europa der Zäune aussieht. Auf der einen Seite mit Schlagstöcken und Pistolen ausgerüstete Polizisten. Auf der anderen revoltierende Flüchtlinge, Schreie, Verzweiflung – und die frustrierte Rückkehr in die Camps entlang der Grenze.

Was wird das für ein Europa? Seine Regierungen streiten dieser Tage darum. Die Zahl der Migranten muss verringert werden, das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Aber wie, wo genau und in welcher Zeit, das ist alles umstritten. Auf der einen Seite steht Angela Merkel, die zumindest innerhalb Europas keine Grenzen schließen will. Auf der anderen Ungarns Premier Viktor Orbán, der Chefideologe der nationalen Abschottung. Und je länger die Krise dauert, desto mehr Anhänger gewinnt der Orbánismus. Nicht immer kommt er so radikal daher wie das Original, es gibt auch gemäßigte Orbánisten: die Ostmitteleuropäer, die nun in einer Art k. u. k. Zaunbau-Compagnie die Balkanroute verbarrikadieren, unter der Führung Österreichs. Merkels ehemaliger Verbündeter hat inzwischen die Grenze fast komplett abgeriegelt.

Bald muss sich entscheiden, ob es auf die Flüchtlingskrise noch eine gemeinsame europäische Antwort geben wird. Eine Lösung mit den Griechen – oder eine, die Griechenland zu einem großen Auffanglager der Nahostkriege macht wie den Libanon, die Türkei und Jordanien. Daran könnte das Land zerbrechen, was zur Gefahr für die gesamte EU werden könnte.

Flüchtlinge - Luftaufnahmen von der Ausnahmesituation in Idomeni Die Aufnahmen einer Drohne zeigen, wie weit sich das Lager der Flüchtlinge auf griechischer Seite vor dem mazedonischen Kontrollposten erstreckt. Flüchtlinge und Migranten haben an diesem Tag aus Protest den Eisenbahnverkehr lahmgelegt.

Der griechische Premier Alexis Tsipras telefoniert in diesen Tagen viel mit Angela Merkel. Am kommenden Montag werden die beiden beim EU-Türkei-Gipfel aufeinandertreffen. Als Verbündete. Ausgerechnet jener Tsipras, den Merkel und ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble im Sommer des vergangenen Jahres am liebsten aus der Währungsunion geworfen hätten. Das ist lange vorbei, weil Merkel mit Griechenland und der Türkei versucht, in der Flüchtlingspolitik eine gesamteuropäische Lösung zu finden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Unter Hochdruck haben Merkels Leute in den vergangenen Tagen die Details ihres Plans ausgearbeitet. Wie Zahnräder sollen die einzelnen Elemente ineinandergreifen: Die Türkei verstärkt mithilfe der in der Ägäis patrouillierenden Nato-Verbände ihre Grenzkontrollen. Zudem nehmen die Türken Flüchtlinge zurück, die es trotzdem nach Griechenland geschafft haben. Im Gegenzug werden Migranten aus den türkischen Lagern nach Europa geflogen. Mit anderen Mittelmeerstaaten werden ebenfalls Bedingungen für die Rücknahme illegaler Einwanderer ausgehandelt. Marokko hat bereits zugestimmt, aus Deutschland abgeschobene Migranten wieder ins Land zu lassen (siehe Seite 7), auch mit Ägypten wird darüber gesprochen. "Wenn die ersten Flüchtlinge von den Schiffen der Nato nicht nach Athen, sondern nach Izmir gebracht werden, haben wir es geschafft", heißt es in der Bundesregierung.

Merkels Plan würde einen Ring um Europa ziehen. Der soll die Kanzlerin in die Lage versetzen, den Flüchtlingsstrom zu kontrollieren und zu reduzieren. Und indem die Europäer ihre Außengrenze schließen, können sie die Grenzen im Inneren offen lassen. Angela Merkel glaubt, nur so lasse sich die europäische Einheit retten. Das fordert die Moral, aber auch das Interesse. Denn im Kanzleramt rennen ihr Wirtschaftsführer die Türen ein und verlangen, dass Merkel die Reisefreiheit in der EU und damit den Binnenmarkt rette – Voraussetzung für den internationalen Erfolg deutscher Unternehmen. Sie argumentieren, dass Deutschlands Wohlstand ein Ergebnis der Offenheit sei, nicht eines der Abschottung.

Um ihre Pläne durchzusetzen, ist Merkel zu umfangreichen Zugeständnissen bereit. In Regierungskreisen ist zu hören, dass Deutschland notfalls im Alleingang Flüchtlinge aus türkischen Lagern aufnehmen würde, als Vorleistung gewissermaßen. Alles in der Hoffnung, dass andere europäische Staaten nachziehen, wenn die Sache funktioniert.