Louis-Do de Lencquesaing als Direktor des Louvre (rechts) und Benjamin Utzerath als deutscher Besatzungssoldat (Mitte) mit einem Kameraden © Piffl Medien

Das Thema des neuen Filmes von Alexander Sokurov ist leider zeitlos: die Gefährdung der Kunst in Zeiten des Krieges. Nicht einmal ein Museum kann dann Schutz bieten, denn es ist keine Arche, in der die Werke unversehrt durch die Fährnisse der Geschichte gesteuert werden könnten. Genau das ist aber die Metapher, die Sokurov, der Historiker unter den Filmregisseuren, für das Museum favorisiert. Vor fünfzehn Jahren hatte er sie sogar im Titel seines Filmes über den Petersburger Winterpalast verwendet, Russian Ark, der in einer berühmt gewordenen neunzigminütigen Passage ohne Schnitt durch das Museum führte, in dem sich historisches Personal tummelte.

Auch in seinem neuen Film Francofonia taucht die Metapher wieder auf, diesmal in einer buchstäblich tragenden Rolle, nämlich als Containerschiff, das in schwere Stürme gerät: Haushohe Wellen verwüsten die Kommandobrücke, wo der Kapitän mit dem Regisseur per Skype in Verbindung steht. Der Kapitän ist für wertvolles Museumsgut verantwortlich, was ihm große Sorgen bereitet, völlig zu Recht, denn schließlich versinken nicht nur die Container im aufgewühlten Meer, sondern auch das Schiff. Bis dahin hält der maritime Überlieferungskampf die Zitate und heterogenen Episoden des Filmes zusammen, der sich mit dokumentarischen und nachgestellten Szenen zwischen den beiden Weltkriegen ansiedelt, mit Archivmaterial aus dem ausgehungerten Leningrad wie mit Ruinenlandschaften des letzten Kriegsjahres 1918.

Zwischen dem gepixelten Schiffsdrama und solchen schwarz-weißen Dokumentarschnipseln eingestreut, ergänzen sich farbige Szenen zu dem frankophonen Film im Film. Darin wird, im besetzten Paris, der Direktor des Louvre mit dem Nazi-Beauftragten des "Kunstschutzes" konfrontiert, dem Grafen von Wolff-Metternich. Der höflich auftretende Besatzer erweist sich für den deprimierten Franzosen aber als Glücksfall, denn der Graf verzichtet befehlswidrig darauf, die ausgelagerten Museumsstücke nach Paris zurückzubeordern, zumal die besten ohnehin in die Privatsammlungen führender Nazis gelangen würden. Stattdessen besucht der deutsch uniformierte, aber europäisch gebildete Graf mit dem Louvre-Chef die Schlösser, in denen die Bilder versteckt sind – darunter, vielleicht etwas zu beziehungsreich, auch Théodore Géricaults großformatiges Historienbild Das Floß der Medusa, eine andere Tragödie auf dem Meer.

Kino - "Francofonia" (Trailer)

Aber diese Ausflüge bleiben private Bildungsreisen, denn mit seinen Protagonisten will Sokurov die Utopie einer Bildungselite beschwören, die sich französisch parlierend über die Grobheiten des Krieges hinwegzusetzen vermag, weswegen die Haltung des Grafen weder psychologisch noch historisch befragt wird. Diese Motivationsunschärfe lässt den Film im Film zu einer Idylle gerinnen, in der kultivierte Einzelgänger den Krieg für sich aussetzen können. Und so umtobt das Meer das Containerschiff ungleich dramatischer als der Weltkrieg seine frankofonen Unterhändler.

Überdies hat Francofonia in seiner collagenhaften Berg- und Talfahrt durch die Bilder und Zeiten eine verwirrende Erzählstruktur, in der filmisch dokumentierte Platzkonzerte der deutschen Besatzer mit einer nachgestellten Jagdszene vermischt werden, in der ein Wehrmachtssoldat einer Passantin auf der Straße nachstellt, während das Containerschiff in immer größere Gefahr gerät und die Unterhändler der Louvre-Besatzung sich ungealtert zwischen streitenden Schulkindern von heute wiederfinden.