Im Januar trat der französische Präsident vor den nationalen Wirtschafts- und Sozialrat und hielt eine dramatische Rede. Über François Hollande prangten utopische Großgemälde aus der Nachkriegszeit. Um ihn herum hatte sich die Elite des Landes versammelt, vom Premierminister bis zum Arbeitgeberchef. Hollande rief: "Ich vertrete die Auffassung, dass wir angesichts der Weltunordnung, angesichts einer unsicheren wirtschaftlichen Konjunktur und der hartnäckigen Arbeitslosigkeit einen wirtschaftlichen und sozialen Ausnahmezustand erklären müssen."

Doch was folgte? Champagner mit Lachshappen! Alle stießen miteinander an, alle griffen zu. Eine gute Pariser Gewohnheit, mit der man jetzt mal brechen sollte. Frankreich leidet unter einer verlorenen Dekade, seit 2008 stagniert die Wirtschaft, und die Arbeitslosigkeit wächst. Gemessen an den Erfolgen seit dem Zweiten Weltkrieg, den Wohlstandsgewinnen zwischen 1945 und 2007, herrscht tatsächlich ein "wirtschaftlicher und sozialer Ausnahmezustand".

Wenige Metropolen des Landes blühen, der Rest verarmt. In Paris, dem ewigen Paris, sieht, fühlt und schmeckt man die wirtschaftliche Krise nicht. Ebenso wenig in Lyon, Toulouse und Bordeaux. Unter Führung von global erfolgreichen Wirtschaftszweigen wie der Kosmetikbranche in Paris, der Chemieindustrie von Lyon, dem Flugzeugbau in Toulouse und der Weinlobby von Bordeaux wachsen Frankreichs wichtigste Metropolen. Doch im übrigen Land, in einst reichen Provinzen wie dem Burgund entsteht ein Mezzogiorno, eine riesige Region ähnlich wie in Süditalien, die jämmerlich verwaist.

Nur zwei Stunden Autobahnfahrt südlich von Paris liegt – im geografischen Zentrum des Landes – die einst stolze Burgunder Kreisstadt Nevers. Kathedrale und Loire-Brücke stehen noch, aber sonst ist der Niedergang allgegenwärtig: In der Innenstadt sind viele Läden verriegelt, in den Außenbezirken verwittern gar nicht so alte Industriehallen, Tausende sind weggezogen. "Wir sterben", sagt Jean-Philippe Richard, der lokale Vorsitzende des französischen Unternehmerverbandes Medef.

Richard, 42, Dreiteiler, großer Geländewagen, führt eine von ihm gegründete Zeitarbeitsfirma mit 1.000 Mitarbeitern. Er wurde gerade in den nationalen Vorstand seiner Organisation gewählt: weil er so aktiv ist, weil er seine Region nicht aufgibt, weil er eine Ausnahmeerscheinung ist. Doch Richard macht sich keine Illusionen. Er steht vor den schlichten Bungalow-Büros seines Verbandes in einer Industriezone von Nevers, zeichnet zur Verdeutlichung seiner Worte eine Frankreichkarte in die Luft und umkreist darin die untere Hälfte. "Dieses ganze Land von Paris bis zum Mittelmeer: eine Wüste, um die sich keiner mehr kümmert, in die keiner mehr investiert, die die Leute verlassen." Um ihn herum stehen ein Dutzend Unternehmer des Burgunds und pflichten ihm bei.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 11 vom 3.3.2016.

Der Trend fiel dem Nationalen Statistik-Institut erstmals vor zwei Jahren auf: Bis 2007 verteilte sich das Wirtschaftswachstum noch relativ gleichmäßig aufs Land. Doch seit dem Einbruch durch die Weltfinanzkrise können nur die großstädtischen Inseln dem Niedergang widerstehen, der Rest des Landes bleibt in Rezession oder Nullwachstum stecken. Krankenhäuser, Kasernen, Universitäten, öffentliche Verwaltungen – das sind heute die größten französischen Arbeitgeber außerhalb der Metropolen.

Auf der Suche nach Ursachen stößt man auf viele Anzeichen dafür, wie der französische Staat zu stark und gleichzeitig zu schwach geworden ist. Und wie schwer sich die französischen Eliten damit tun, aus ihren 200 Jahre alten Traditionen auszubrechen.

Das an manchen Stellen noch von Napoleon erschaffene und seither unveränderte Wirtschafts- und Sozialsystem schreit nach Reformen. Aber weder Präsident noch Premierminister riskieren einen Schröder-Moment, der sie ihr Amt kosten könnte.

Selbst der jüngste, aufsehenerregende Regierungsvorschlag für eine Arbeitsrechtsreform passt in dieses Bild. Der Präsident und sein Premierminister Manuel Valls wollten die letzte Reformchance vor den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr nutzen, um aus dem Umfragetief zu herauszukommen – und dafür den Kündigungsschutz, der den Gewerkschaften heilig ist, ein wenig lockern. Im Internet gibt es schon 800.000 Unterschriften gegen das Vorhaben, und für den 9. März ist die Großdemo geplant – und gleich rudert die Regierung wieder zurück. Premier Valls schiebt den Kabinettsbeschluss heraus, damit es genug Zeit für Konsultationen und Änderungen gibt. Ein Schnellverfahren im Parlament, von Valls ursprünglich vorgesehen, schließt er nun aus. Das Motto all dessen: verschieben und verwässern.